Samstag, 31. März 2007

Ist die Anthroposophische Gesellschaft eine Selbstheit-Mord-Gesellschaft?

An dem Tag, an dem die Anthroposophische Gesellschaft voll annehmen kann, was Menschen wie Jens Roland Prochnow ihr zu geben bereit sind, an diesem Tag wird sie ihre Kraft potenzieren.

Vielerlei, was Prochnow denkt, fühlt und schreibt, widerspricht meinem Denken, Fühlen und Schreiben – und umgekehrt. Wir sind aus Gott geborende Irrenede.
Aber alles Irrende, alle pronowschen und gronbachschen Befangenheiten sterben in einem geistigen Raum – im Welten-Ich.
"Das an uns Sterbliche ist die Selbstheit. Die ist der wahre Sinn des Spruches >wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt<. (Steiner*).
Weil es Menschen gibt, die bereit für diesen Selbstheit-Mord sind, gibt es Menschen, die danach tun können was sie wollen, weil sie sich verloren, und SICH gefunden haben. Als SOLCHE, haben sie sich wiederverkörpert und "man kann nicht sagen dass die Menschen (die Meier, Müller, Huber, Schiller) sich wiederverkörpern; sondern man muß sagen: in wiederholten Erdenleben sind die Menschen (Meier, Müller, Huber, Schiller) Teilnehmer an den Wiederverkörperungen des MENSCHEN" (Karl Ballmer).
Wenn ich mit Menschen wie Prochnow, Felix Hau, Christian Grauer oder Jens Heisterkamp streite, dann streite ich mit ihnen als Irrender unter Irrenden und gleichzeitig im gemeinsamen Bewusstsein der Selbstheit-Mörder, die den Geschmack des authentischen Selbst geschmeckt haben – aller Streit ist dann ein Liebeskampf, denn die "Liebe ist ein wahrhaftes Himmelslicht in dem Leben der Alltäglichkeit" (Steiner).
Das Leben wird durch diesen Streit erst richtig lustig und nur was von dieser Welt ist, kann verletzt werden.
Jens R. Prochnow kommentiert mein Statement im Blog: "Die Anthroposophische Gesellschaft (…) ist eine Gesellschaft für Erwachsene." u.a. folgendermaßen:
"Phantasien, Imaginationen; Wunschdenken, Sehnsüchte und Tagträume tauscht man - wenn man Glück hat - mit Menschen aus, die man liebt. Dann wirken sie inspirierend auf den anderen. So grotesk es klingen mag, wenn man sich die konkreten Formen der Anthroposophischen Gesellschaft anschaut: Die Anthroposophische Gesellschaft muss eine Gesellschaft der Liebenden sein. Liebe kann man nicht erzwingen, aber man kann sie durch innere Aktivität erzeugen. Wer Liebe zum inneren, empfindenden Wesen der anderen Menschen nicht aufbringen kann, kann niemals Mitglied einer Anthroposophischen Gesellschaft sein."
Ich sage dazu:
Die Liebe ist gleichzeitig das größte Heiligtum und die bösartigste Falle. Zum größten Heiligtum wird die Liebe, wenn sie das ganze Seelenleben so erfasst, dass sie sich mit dem ewigen So-Sein, dem Weltgeist verbindet, wenn sie zum geistigen im Weltenall erwacht ist. "In diesem höchsten Sinne lieben, heisst den Hauch des Gotteslebens dahin tragen, wo zumeist nur der verabschungswürdigste Egoismus und die achtungslose Leidenschaft zu finden ist". (Steiner)
Und da ist sie: die bösartigeste Falle, die sich ebenfalls "Liebe" nennt. Aber die Liebe zwischen zwei Menschen die geboren, aber nicht ihre Selbstheit haben morden können, und aus dem heiligen Geist auferstanden sin, ist nichts als zwei Egos die sich anbeten. Diese Liebe trägt rein gar nichts zum ewigen Leben bei.

Wer die EINE LIEBE wirklich erfahren hat, wird sich niemals mehr mit dem vielen Lieben identifizieren – aber er wird sie stehts als eine Möglichkeit der EINEN schätzen, ehren und eben lieben.
Prochnow weiter:
"Allerdings, und hier gebe ich Gronbach Recht, besteht ein qualitativer Unterschied zwischen der Liebe eines Kindes und der eines Erwachsenen. Diesen Unterschied unverblümt zu kommunizieren, wäre tatsächlich eine Aufgabenstellung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft."
Dazu sage ich:
Der Unterschied zwischen der kindlichen Liebe und der Liebe eines Erwachsenen ist, dass das Kind ganz Ego sein muss und seine Liebe im besten, existenzielle Sinne egozentrisch zu sein hat, der Erwachsene aber kann töten, was egozentrische und narzisstische Liebe ist – erst dann kann man von der Liebe sprechen, die sich "zum inneren, empfindenden Wesen der anderen Menschen" (Prochnow) wendet. Dann erst, wird jede Begenung zum Sakrament – vorher ist sie Maya.
Prochnow weiter:
Es stünde der Anthroposophischen Gesellschaft über 80 Jahre nach dem Tod ihres Gründers gut zu Gesicht, die Frage ‘Was man hat’ mit einem ehrlichen und charmanten ‘Nichts’ zu beantworten. Das, was man zu haben meint (Jugendstil-Kitsch, leerstehende ‘Arbeitszentren’, Versdichtungen und Vorträge R. Steiners) ist ganz und gar unrelevant im Verhältnis zu dem, was man eben nicht hat: Einen offenen, wissenschaftlichen (meinetwegen: ‘geisteswissenschaftlichen’) Diskurs über den Werkleib R. Steiners. Solche Diskurse werden nicht ohne Grund zurzeit nur hinter verschlossenen Türen in geschlossenen Zirkeln gepflegt.
Was mich da interessiert ist, JRP: Was denkst Du, ist der Grund?
Prochnow sagt zu meinem
"Wir sind eine alte, traditionsreiche, ernste und hierarchisierte Gesellschaft mit einer stolzen Basis."
das Folgende: "Die Anthroposophische Gesellschaft ist nicht hierarchisch."
Ich sage, sie ist es doch. Ich schrieb diesen Satz nicht als Beschreibung des Gewollten, sondern als Dokumentation des Gegebenen. Sie ist auf verschiedenen Ebenen hierarchisch. Eimal da, wo die Mehrheit der Mitglieder gegenüber den Amtsträgern und Vorständlern ein demutvolles Verhalten an den Tag legen, oder sich pupertierend, anti-hierarchisch gebärden. Beides Zeichen für eine real-existierende Amts-Hierarchie und ein Zeichen für die eigenen, Schatten-Hierarchie.
Wir sind aber auch real-hierarchisch, weil wir, als Gesamtorganismus, noch keine authentische, souveräne Stellung gegenüber Rudolf Steiner gefunden haben.
Veranstaltungen oder Präsentationen, die vorgeben, diese Hierarchie existiere nicht, bilden nicht ab, was wir sind. Ich bin dafür, dass wir zuerst sagen wie es ist und dann wie wir es gerne hätten.

Hierarchien existieren aber noch auf einer anderen Ebene – und da widerspreche ich Prochnow nicht nur, sondern trete dafür ein, dass man diesen Hierarchien Respekt entgegen bringt.
Es gibt ein Kaleidoskop natürlicher Hierarchien, Systeme und Formen, es gibt eine natürliche Rangordnungen der Qualitäten. Es gibt nicht nur die Horizontale, es gibt auch die Vertikale.
Aus diesem Grund gibt es zwar niemanden der nur Lernender oder nur Lehrer ist, aber der eine lernt und lehrt auf einem höheren Ebene als ein anderer.
Dies zu leugnen, hieße die Wirklichkeit zu widerrufen.
Wenn Prochnow sagt, die "Anthroposophische Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der es nur lernende, keine lehrenden Mitglieder gibt", dann gerät er in die egalitären Toleranzfalle, er verwechselt, Egos mit Menschen, Liebe mit LIEBE und verkennt, dass ein Erkenntnisweg ein Ziel hat, nämlich Erleuchtung und SELBSTerkenntnis.
Aber "der Mensch hat sich selbst ungeheuer gerne. Und durch die Selbstliebe ist es, dass der Mensch Selbsterkenntnis zu einer Quelle von Illusionen macht. So möchte sich der Mensch nicht gestehen, daß er eigentlich nur zur Hälfte ein soziales Wesen ist, daß er zur anderen Hälfte ein antisoziales Wesen ist." (Steiner).
Auch Prochnow leidet unter dem mit "Narzissmus infizierten Pluralismus" (Wilber). Es gibt, man mag es gerne hören oder nicht, die einen Menschen die sind weiter als andere. Weiter heisst in diesem Fall, dass sie mit mehr Bewusstheit erfüllt sind, als andere. Bewusstheit ist Erleuchtung. Erleuchtung kann total, aber auch graduell sein.
Wo Menschen sind, da gibt es zweitklassige Hierarchien (Ämter) und erstklassige Hierachien (Qualitäten), nicht immer ist die eine mit der anderen Deckungsgleich, aber ich trete für das Anerkennen der Qualitäts-Vertikalen ein.
Wenn ich schreibe:
"Meine Frage an Junge und Alte ist, was haben Sie der Anthroposophischen Gesellschaft zu bieten? Welche Ihrer besten Eigenschaften können Sie einbringen?"
antwortet Prochnow:
"Die Anthroposophische Gesellschaft muss kleiner werden, und sie muss sich weiter ausdifferenzieren. Die Anthroposophische Gesellschaft ist nur dort real, wo sie eben kein Verein, keine Gesellschaft im eigentlichen Sinn ist, aber sie braucht Vereine und Gesellschaften, weil ihr Anspruch überaus radikal und künstlerisch ist: Das Innerste mit dem Äussereren zu verbinden. Der Weg dorthin kann lang sein, oder kurz. Das entscheidet jeder Selber."

Darauf sage ich: "Ja". Und darum will ich auch nicht jeden als Mitglied – allerdings halte ich es mit Anna-Katharina Dehmelt, wenn Sie sagt: "dass das Leben in der Anthroposophischen Gesellschaft vor allem auf die Menschen gebaut ist, die in ihr sind. Darum sollte es in der Gesellschaft in erster Linie gehen, auf die freieste Weise, die man sich nur vorstellen kann.
Verbindlichkeit gegenüber der geistigen Welt oder Rudolf Steiner oder der Anthroposophie gehört in die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Und wenn dort gepflegt wird, was Verbindlichkeit braucht, dann wird in der Gesellschaft frische, befreiende Luft wehen."

Wenn das so ist, dann ist die Größe der Anthroposophischen Gesellschaft weniger relevant, dann kommt die Gravitationskraft aus der Freie Hochschule für Geisteswissenschaft und dann ist in der Anthroposophischen Gesellschaft tatsächlich der Ort wo es nur Lernende gibt. Aber nicht weil es keine Hierarchie gäbe, sondern weil die Gesellschaft die eine und die Hochschule die nächste Ebene ist. Kann die Hochschule vieleicht eine Inspirationsgesellschaft sein?

Und plötzlich sind wir bei den Eliten. Ich für meinen Teil finde es nämlich arroganter, mich lächelnd zu einer Minderheit zu zählen, als mich zu der Elite zu bekennen. Elitär ist, wer sich zur Verantwortung bekennt ein Mensch zu sein. Ein freier Mensch – anstelle Gottes.

*Alle Steiner Zitate aus: Credo: Der Einzelne und das All. In: Wahrspruchworte, GA 40.

Freitag, 30. März 2007

"Wenige Menschen stellen vieles auf die Beine"

Anna-Katharina Dehmelt ist seit über zwanzig Jahren in der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland (AGiD), in verschiedenen Arbeitszentren und Zweigen engagiert. Sowohl beruflich als auch ehrenamtlich kennt sie verschiedene anthroposophische Einrichtungen aus Tätigkeiten in Verwaltung und Geschäftsführung, als Mitglied in Initiativkreisen und als Kursleiterin zu Grundschriften Rudolf Steiners, zur Meditation und zu Reinkarnation und Karma. In jüngerer Zeit hat sie, als verantwortliches Mitglied des Arbeitszentrums der AGiD NRW, die Firma für Anthroposophie mitgegründet.

In der Anthroposophischen Gesellschaft verbindet die 1959 Geborene, die Fähigkeit Bewährtes zu erhalten mit der Bereitschaft neue Wege zu gehen.
"Das alte Wahre behüten und das gute Neue tun", das könnte ihr Motto sein.

Ich habe die Diplom-Kauffrau für AnthroNRW interviewt.

Anna-Katharina, Du kennst die Anthropoposophische Gesellschaft aus eigener, längerer Erfahrung aus drei Bundesländern. Aus Baden-Württemberg, Hessen und nun aus Nordrhein-Westfalen. Kannst Du sagen worin sich Anthroposophen in den verschiedenen Regionen unterscheiden?

Im Arbeitszentrum Frankfurt, wo ich bis 1994 mitarbeitete, herrscht eine pragmatische Spiritualität. Sie lebt wie selbstverständlich zwischen den Menschen und ermöglicht reibungslose und sachgemäße Zusammenarbeit, getragen von einem selbstverständlichen und ernst genommenen Erleben der mitwirkenden geistigen Welt.
In Stuttgart habe ich von 1994 bis 1998 gelebt. Das anthroposophische Leben dort ist stark getragen von Traditionskräften; vieles wurde ja in Stuttgart begründet (Waldorfpädagogik, Christengemeinschaft, Bund für Dreigliederung) und die Anthroposophische Gesellschaft hat dort bereits zu Rudolf Steiners Zeiten ein wichtiges Zentrum gehabt. Mit diesen Traditionskräften ist Stuttgart ein idealer Ort, um Anthroposophie zu studieren – es gibt dort auch eine große Dichte an Ausbildungsstätten und eine große anthroposophische Bibliothek. Innovationen haben es dort hingegen nicht so leicht.
Im Arbeitszentrum NRW, insbesondere im Ruhrgebiet, haben Individualitäten eine Bedeutung wie nirgends sonst. Wer etwas will und das auch tut, wird durch nichts gehindert; Einwände gibt es nicht, dafür Freude am Tun des anderen. Allerdings ist auch jeder und jede Initiative ein bisschen für sich.


Welche strukturellen Reformen würden der AGiD helfen, ihren Aufgaben offensiver und wirksamer umsetzen zu können?

Die Anthroposophische Gesellschaft ist – verglichen mit anderen Trendsettern – eine kleine Gesellschaft. Wenige Menschen stellen vieles auf die Beine. Die Gesellschaft ist als Ort des Austausches, der Anregung und der Begegnung wichtig. Daran sollte sie durch ein Zuviel an Verwaltung nicht gehindert werden.
Die kontinuierlichste Arbeit wird in den Zweigen geleistet, die Arbeitszentren nehmen darüberhinaus übergreifende Aufgaben wahr (Weiterbildung, Koordination, große Veranstaltungen und einen Großteil der Verwaltung). Was noch darüber hinaus zu leisten ist (insbesondere eine schlagkräftige Vertretung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Öffentlichkeit sowie die Anregung und Förderung von spirituell begründeten Arbeitsvorhaben) kann entweder durch eine eigene Verwaltungsebene oder durch einen Zusammenschluss der Arbeitszentren geleistet werden. Zurzeit gilt die erste Form.
Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Übernahme von deutschlandweiten Aufgaben besser von einem Zusammenschluss der Arbeitszentren geleistet werden könnte (der ja dann einzelne Aufgaben – Pressesprecher, Generalsekretär, Geschäftsführer – delegieren könnte), denn hier gibt es tragfähige Verwaltungsstrukturen und die permanente Anbindung an die Mitgliedschaft, insbesondere an die aktiven Mitglieder. Ich glaube, dass die Arbeit der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland als ganzer dadurch intensiver, konkreter, menschennäher und auch effektiver würde.


Wie siehst Du die Rolle der Anthropsophischen Gesellschaft NRW im Gesamtgefüge der Anthroposphischen Gesellschaft in Deutschland (AGiD)? Welche Rolle spielen wir in NRW?

Das Arbeitszentrum NRW gilt als innovativ und auf Entwicklung gerichtet. Wir haben in den letzten 7 Jahren weder mit Stagnation noch mit Krisen zu kämpfen gehabt, die das Gewollte in irgend einer Weise hätten behindern können.
Wir haben das Thema Meditation gesprächsfähig gemacht, wir haben die Beschäftigung mit Reinkarnation und Karma sozial fruchtbar machen können, wir arbeiten an einer besseren Integration von Gesellschaft und Hochschule, wir sind an der Frage, wie es mit der Anthroposophie im 21. Jahrhundert weitergeht und welche Metamorphosen hier anstehen, gut beschäftigt und entwickeln Arbeitsformen, die Steiners Lehre und die gegenwärtig im Einzelnen erlebbare Spiritualität miteinander in Zusammenhang halten oder bringen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das Arbeitszentrum NRW von anderen Arbeitszentren auch ein bisschen mit Augen-Reiben betrachtet wird: so ganz versteht man nicht, was hier eigentlich läuft. Das liegt vielleicht daran, dass wir uns stärker auf Entwicklungsthemen konzentrieren und diese nach außen kommunizieren – aber die anderen Probleme natürlich auch haben: Mitgliederschwund, Sterben von Zweigen, mangelnder Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Einrichtungen. Nur klagen wir nicht so viel, sondern arbeiten lieber mit tatkräftigen Ideen.


Die klassische anthroposophische Basisarbeit findet in den so genannten Zweigen, also ortlichen Arbeitsgruppen statt. Die rückläufigen Teilnehmerzahlen zeigen, dass diese Form nicht mehr großen Zuspruch findet. Dennoch lebt Anthroposophie auch von gemeinsamer Studien,- und Erkenntnistätigkeit und nicht zuletzt von der regelmäßigen menschlichen Begegnung. Wie kann eine Renaissance der Zweige auf dem Level21 aussehen?

Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft können sich in freier Weise zusammenschließen, um zusammenzuarbeiten und ihren spirituellen Bedürfnissen nachzugehen (so ungefähr steht es in den Statuten der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft). Eigentlich sollte es so etwas wie "nicht mehr so großen Zuspruch" also gar nicht geben, weil nämlich die Unzufriedenen sich zu neuen Gruppen zusammenfinden können, um die Arbeit so zu gestalten, wie es ihnen entspricht. Aber in den derzeitigen Verhältnissen ist es gar nicht so leicht, sich zusammenfinden.
Zur Zeit haben wir in jeder etwas größeren Stadt einen Zweig. Diesem Zweig schließt man sich als Mitglied an. Man kommt dann in Berührung mit den Menschen, die die Anthroposophische Gesellschaft an diesem Ort prägen – und manchmal gibt es da kein Entrinnen, weil es nur eine Gruppe gibt, die von wenigen Persönlichkeiten geprägt wird.
Um diese Situation etwas durchzulüften, könnte man zum Beispiel die rund 30 Zweige, die wir zur Zeit in NRW haben, zu drei anthroposophischen Zentren zusammenzufassen, z.B. in Köln, Bochum und Siegen – dann hätte niemand einen längeren Weg als eine Stunde, um zu einem dieser Zentren zu kommen. Dort begegnet man sich und lernt sich kennen in der weltoffensten Weise, die man sich nur vorstellen kann., vielleicht drei mal im Jahr. Da könnten richtige Begegnungs-Events stattfinden. Und auf dieser Basis können sich dann Gruppen bilden, umbilden, neubilden, wie es den Anliegen und Fragestellungen gerade entspricht.
Ein alteingesessener Zweig wird vielleicht einfach weiterarbeiten wie bisher, Heimatlose können sich mit anderen Heimatlosen zusammenfinden, Leute, die sich mit Reinkarnation beschäftigen möchten mit solchen, die das ebenfalls möchten, und wenn sie eine Zeitlang gearbeitet haben, lösen sie sich wieder auf – zum Beispiel. Sie selbst bestimmen, wo und wie oft sie sich treffen, wie sie arbeiten und woran. Ein Nebeneffekt wäre, dass es keinen Grund für schlechtes Gewissen mehr gäbe, wenn man nicht in den Zweig am Ort geht. Denn alle Gruppen, kleine wie große, ständige und wechselnde, sind gleichermaßen Anthroposophische Gesellschaft.
Und außerdem hinge damit zusammen: dass das Leben in der Anthroposophischen Gesellschaft vor allem auf die Menschen gebaut ist, die in ihr sind. Darum sollte es in der Gesellschaft in erster Linie gehen, auf die freieste Weise, die man sich nur vorstellen kann. Verbindlichkeit gegenüber der geistigen Welt oder Rudolf Steiner oder der Anthroposophie gehört in die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Und wenn dort gepflegt wird, was Verbindlichkeit braucht, dann wird in der Gesellschaft frische, befreiende Luft wehen.

Donnerstag, 29. März 2007

Ein Holländer über NRW: „Energie ohne Kohle“

Jelle van der Meulen ist ein bekannter holländischer Autor und lebt seit einigen Jahren in Köln. Er ist einer der Kollegen im Arbeitszentrum der Anthroposophischen Gesellschaft in Bochum. Für die Mitteilungen der AGiD NRW schrieb er seine Eindrücke über NRW auf, charakterisiert Eigenarten der Rheinländer, Westfalen und Ruhrpöttler und sagt, was das alles mit Anthroposophie zu tun hat.

"Als ich vor sieben Jahren als Holländer nach Deutschland kam, war mir noch nicht ganz klar, dass es Nordrhein-Westfalen gab. Dass Deutschland aus Bundesländern besteht, war mir natürlich bekannt – und ich wusste auch schon, dass man die Bayern und die Ruhrpöttler nicht in einen Topf werfen darf. Trotzdem dauerte es eine Weile, bis in mir die Frage entstand: Was macht eigentlich NRW aus? Wie ist dieses Zusammengehen von Rheinländern, Ruhrpöttlern und Westfalen innerhalb der Republik zu verstehen? Oder ganz schön anthroposophisch gesagt: Was ist die Aufgabe von NRW?

Diese Frage stellt sich zurzeit auch im Rahmen der Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland. Klar erkennbar und spannend ist die Tatsache, dass die unterschiedlichen "anthroposophischen" Bundesländer auf der Suche sind. Nach sich selbst. Nach dem Spe-zifischen. Nach Eigenheit. Dahinter lebt natürlich die Frage nach dem Ganzen, nach Deutschland als "widersprüchlicher Einheit". Aber so ist es: Man findet ein Verhältnis zum Ganzen, wenn man erst auf die eigenen Besonderheiten geschaut hat.

Ich mag NRW. Ich mag die offenen Rheinländer, Event-Fest- begegnungsfreundlich, wie sie sind. Und ich mag die Ruhrpöttler, Handlungs-nüchtern-begeistert wie sie sind. Und ich mag die Westfalen, ruhig-ausgeglichen, mit einem Tick Ewigkeitsbezogenheit. (Westfalen tauchen nicht immer auf, als ob sie lieber zu Hause blieben – sie sind aber trotzdem immer irgendwie anwesend.) Mich fasziniert diese dynamische Dreiheit, diese ganz für sich bestehenden und sich doch, wenn es sein muss, respektvoll berührenden Regionen.

NRW steht für Postindustrialismus. Bald wird NRW auch die Kohle aufgeben. Was dann kommt, ist bereits voll zu sehen: Ein soziales Leben, das sich nicht mehr innerhalb der Ver-bände des zwanzigsten Jahrhunderts entwikkelt, wie Gewerkschaften, nationaler Wohlfahrtsstaat und hierarchisch gesteuerte Unternehmungen.

Was sich an jeder Ecke in NRW zeigt, ist ein auf individuellen Biografien aufgebautes Tun-Wollen, ein energisches, relativ ungeschütztes Sich-in-das-Leben-hineinbegeben-Wollen, eine auf die eigenen Erfahrungen und Überlegungen gestützte Tatkraft."

Wenn Sie unsere Mitteilungen in Zukunft lesen oder auslegen wollen, dann melden Sie sich in unserem Arbeitszentrum im Bochumer Kulturhaus OSKAR.

Mittwoch, 28. März 2007

Die Anthroposopie zur eigenen öffentlichen Herzenssache machen

Roland Hanelt, Mitarbeiter der Puppenbühne Karfunkelstein (Foto: im Gespräch mit einer Kollegin) und gerade wieder "von einer tollen Tournee zwischen Braunschweig und Hamburg zurück, und als Tüpfelchen im Kulturhaus OSKAR mit vielen Leuten aus dem Stadtteil" ist Öffentlichkeitsarbeiter für das Kulturhaus OSKAR und für das Arbeitszentrum der Anthroposophischen Gesellschaft in NRW.
Als Bergarbeitersohn ist er ein Kind des Ruhrgebietes und als 68er erlebte er, was man als 68er so erlebte: "Rolling Stones, Willy wählen, Aktivist, 2CV Fahrer, Senatsbesetzungen, Anti BILD Demos, Land WG, Mehrwertseminare, ÖTV Funktionär, Personalrat, SPD Mitglied. Dann ging die Zeit weiter: Jurastudium, Diplom Ingenieur, Yuppie Wohnung in einem Jugendstilhaus, Elternteil geworden, Reihenhaus gekauft, Mitarbeit in Waldorfschulvorstand, Dreigliederer, VOLVO Fahrer, Dreigliederungsseminare, dauerhaft getrennt lebend, Rolling Stones noch mal erlebt, Clownsseminare, jetzt: Puppenspieler und Leierkastenmann."

Diese eigene Lebensbeschreibung macht deutlich was Roland Hanelt noch ist: Humorvoll, selbstkritisch, bodenständig und wandlungsfähig – ein Mann mit Wunden und Narben, aber einer der sich nicht unter kriegen lässt. Einer, den wir gerne aus unserer Mitte berichten lassen.

Für AnthroNRW haben ich ihn zum Interview gebeten.

Roland Hanelt, abgesehen vom inhaltlichen Unterschieden, was ist das Besondere daran, für die Anthroposophische Gesellschaft Öffentlichkeitsarbeit zu machen?

Das Besondere liegt darin, für die Sache öffentlich werben, eintreten und arbeiten zu können, die in meinem persönlichen Umfeld längst als spirituelle Quelle meines Arbeitens und Handelns bkannt ist. Die Anthroposophische Gesellschaft mit den "Principien" als Modell für die ganze Gesellschaft ist doch als Werbeobjekt nicht schlecht. Ich fange an!


Welche Ziele haben Sie sich als Öffentlichkeitsarbeiter kurzfristig gesetzt und welche mittel,- und lanfristige Stationen streben Sie an?

Eine Internet Seite, Newsletter für Mitglieder und Interessierte, das Kulturhaus OSKAR mit dem Arbeitszentrum darin im mittleren Ruhrgebiet bekanntmachen - sofort; dann das Arbeitszentrum mit seinen Kultur-Angeboten zum selbstverständlichen Bestandteil der Bochumer Öffentlichkeit zu machen und sich an der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet 2010 beteiligen; anschließend mit langem Atem die Anthroposophie als geeigneten persönlichen Weg zu sehen, im Bewußtsein der Region und NRW "festzuklopfen".


Wie ist Ihre persönliche Beziehung zur Anthroposophie - was sind die Themen die ihnen da am Herzen liegen?

Rudolf Steiners Sozialimpuls. Bevor ich "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten" in die Hände bekam, hielt ich "Wie wirkt man für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus" für das Grundwerk des tätigen Anthroposophen. Das war im November 1987 in Stuttgart. Nach ein paar "Schleifen" gehört die GA 338 allerdings wieder zu den Steiner Büchern in der vorderen Reihe meines Regals. An Geld- und Demokratiefragen künstlerisch mitarbeiten sind meine vorangigen Schwerpunkte. Das Puppenspiel ist ein Ansatz dafür bei den "ganz Kleinen".


Warum ist es gut Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft zu sein?

Individuelle Menschen scheuen verständlicherweise Mitgliedschaften in Vereinen und Verbänden. Nun denke ich aber, dass die Anerkenntnis der Berechtigung der Freien Hochschule in Dornach auch von individuellsten Individuen unterstützt werden kann, am allerbesten durch Mitgliedschaft in der und Beitragszahlung an die Anthroposopischen Gesellschaft.


Wie können die Mitglieder der AGiD NRW sie in ihrer Arbeit unterstützen?

Die Anthroposopie zur eigenen öffentlichen Herzenssache machen, in Lesekreisen und Zweigen sich selbst genügen reicht nicht.


Sie haben dreissig Sekunden Zeit um einem breiten Tagesschaupublikum zu erklären was das Kernanliegen von Rudolf Steiner war - was sagen Sie?

Antoine de Saint Exuperys Fuchs verrät dem kleinen Prinzen: "Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Rudolf Steiners Anliegen ist auf dieses "Naturgesetz" hinzuweisen und Vorschläge zu machen, wie man denn nun lernen kann "mit dem Herzen zu sehen" um das Wesentliche "sichtbar" zu machen. Ist man auf diesem Weg, sind diesseits von Klimakatastrophe, Gesundheitsreform und Pisastudie Antworten zu finden, die Veränderungen nachhaltig möglich machen. In Pädagogik, Landwirtschaft und Medizin gibt´s vorzeigbare Lösungen auf der Grundlage von Anregungen Rudolf Steiners. Zu Hartz IV und Politik haben wir auch schon was.

Dienstag, 27. März 2007

Geld regiert die Welt – Zeit das Geld zu regieren

Ethisches Verhalten lohnt sich - ob Geld korrumpiert oder zum Motor für eine bessere Welt wird, dass liegt allein an den Menschen, die es in der Hand haben. Die aus anthroposophischer Initiative gegründete GLS-Bank, hat für sich eine Erfolgsformel gefunden die so lautet:
Sinn + Geld = Erfolg.

Die GLS Bank ist die erste ethisch-ökologische Bank in Deutschland. Sie wurde 1974 als Genossenschaftsbank gegründet und übernahm 2003 die Geschäfte der Ökobank. Rund 52.000 Kundinnen und Kunden arbeiten mit uns zusammen. Die GLS Bank finanziert rund 4.000 zukunftsweisende Projekte.
Wolfgang Clement, Bundeswirtschaftsminister a. D., überreicht dem Bochumer Kreditinstitut die Auszeichnung "Top Job" für seine herausragende Personalarbeit und vergangenes Jahr erreichte die Bank ein Rekordwachstum von rund 19%. Das Geschäftsvolumen der Bank stieg auf nunmehr 666 Mio. Euro an. Damit hat sich die GLS Bank in nur 5 Jahren verdreifacht.
Jüngst haben sich die Triodos und GLS-Bank mit 5 Mio Euro an SEKEM beteiligt.

Der Hauptsitz der GLS ist in Bochum, weitere Standorte sind Frankfurt, Freiburg, Hamburg und Stuttgart.


Das alles ist uns ein Gespräch wert.
"Geld regiert die Welt. Wann Geld stinkt und wie es Sinn macht"

haben wir den FreiTalk genannt, eingeladen habe ich den Pressesprecher der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS-Bank), Christof Lützel und ich werde ihn fragen, ob wirklich alles Gold ist was glänzt, alles grün ist was schön ausschaut, wie wir alle vom Öko-Boom profitieren können, wie man Geld wirklich wäscht...und ich werde ihm verraten, was Profethik ist.

Freuen Sie sich auf einen unterhaltsamen und spannenden FreiTalk - gerne auch mit eigenen Fragen.

Freitag, 30. März 2007, 20 Uhr
Buchhandlung Stein, Berrenrather Straße 203
Köln, Eintritt 7 Euro.


FreiTalk ist eine Veranstaltungsreihe der Firma für Anthroposophie

Auf dem Foto steht Christof Lützel vor dem ehemaligen GLS-Gebäude in Bochum. Mittlerweile ist dieses Gebäude in das Kulturhaus OSKAR umgewandelt in dem die Anthroposophische Gesellschaft NRW ihren Hauptsitz hat.

Lesen Sie zu diesem Thema auch die neue Ausgabe der Zeitschrift info3.

Sonntag, 25. März 2007

Ein toller Abend mit eindrucksvollen Menschen und einer schmerzhaften Frage

"Wer Steiner liest, hat mehr vom Leben", so könnte man resümieren, was drei bemerkenswerte Gäste in einem spannenden und inhaltsreichen Gespräch zu berichten hatten.
Im Leipziger Mendelssohn-Haus durfte ich vor einem interessierten und zahlreichen Publikum folgende Gäste zum Gespräch begrüßen:
Die renommierte Galeristin, Künstlerin, Autorin und Sozial-Therapeutin Dorothea Deimann aus Basel (Foto mitte), den Botschafter a.D. und Vorsitzenden des Vorstands des Deutsch-Russisches Forums Dr. Ernst-Jörg von Studnitz (Foto links) den langjährigen und derzeitigen Verlagsleiter vom Verlag Freies Geistesleben Jean-Claude Lin (Foto rechts).
Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft anthroposophischer Buchhandlungen und Verlage. Jeder las einen von ihnen ausgewählten Text Rudolf Steiners und diskutierte die Bedeutung Steiners für ihr privates und beruflichen Lebens.

Dorothea Deimann machte deutlich, wie bedeutsam ihr Dichtung und das erhabene Wort in unseren "geschwätzigen Zeiten" sei. Besonders beeindruckt zeigte sich Dorothea Deimann von den kreativen Wortneuschöpfungen Steiners und von seiner Fähigkeit aus den "26 Buchstaben des ABCs etwas völlig neues zu gestalten".

Dr. Ernst-Jörg von Studnitz berichtete eindrucksvoll davon, wie ihm, in seiner Karriere als Spitzendiplomat, die Gedanken Rudolf Steiners auch beruflich inspiriert hatten, unterschiedliche Länder und Eigenschaften verschiedener Gesellschaften zu verstehen.
So sei ein echtes Verständnis der USA nur dann möglich, wenn man den Gedanken berücksichtige, dass dort "anders als in anderen Ländern nicht ein Erzengel (Volksgeist), sondern ein Archai (Zeitgeist), der ja eine Ebene über den Archai wirkt, Land und Leute prägt". Nur aus der Erkenntnis der "Mission der einzelnen Volksseelen" heraus (so der Titel der Vortragsreihe Steiners von 1913) , sei die ungeheure Kraft und Macht der USA im globalen Kontext richtig einzuordnen.

Der engagierte Beitrag von Jean-Claude Lin war auf die "praktische Ausbildung des Denkens" gerichtet. Von Steiner könne man lernen, das Denken nichts Trockenes und Totes sei, sondern etwas sehr lebendiges und dafür seien nach Steiner drei Dinge Voraussetzung. "Interesse an der Umwelt, Lust und Liebe am Tun und Befriedigung im Nachsinnen."
Die Liebe zur Welt und das reinen Denken stehen damit nicht in einem Widerspruch, sondern die Liebe zur Welt ist Voraussetzung für das richtige Denken.

Die Texte, die meine Gäste auswählten, waren aus Vorträgen Steiners entnommen, ich selber wählte einen kurzen Ausschnitt aus einer Schrift Steiners (Der Einzelne und das All) aus:


"Es gibt vier Sphären menschlicher Tätigkeit, in denen der Mensch sich voll hingibt an den Geist mit Ertötung alles Eigenlebens: die Erkenntnis, die Kunst, die Religion und die liebevolle Hingabe an eine Persönlichkeit im Geiste. Wer nicht wenigstens in einer dieser vier Sphären lebt, lebt überhaupt nicht." Dieser Ausschnitt passte besonders zu meinen drei Gästen. Dorothea Deimann beweist seit Jahrzehnten, dass Kunst und soziales Engagement für die Schwächsten sich nicht ausschließen sondern bedingen können, Dr. Ernst-Jörg von Studnitz hat eine tiefgehende Beziehung zur Religion im Allgemeinen und zur Christengemeinschaft im Speziellen und Jean-Claude Lin steht für das Erkenntnis-Wort, dass der Weg zum Herzen über das Denken führt. Zusammen mit den Gästen waren wir mit der Veranstaltung "Steiner lesen im 21. Jahrhundert" in der "liebevollen Hingabe an eine Persönlichkeit im Geiste" vereint.

So gesehen, war dies für mich der gelungene Höhepunkt, den ich mit der "Arbeitsgemeinschaft der anthropsophischen Buchhändler und Verlage" auf der Leipziger Messe feiern durfte.

Anders gesehen habe ich aber noch eine Nachfrage:
Ich bat meine Gäste, nach vielen begeisterten und einhelligen Voten für Steiner, etwas davon zu erzählen, wo sie mit Steiners Werk eine echte Krise haben. Wo ihnen etwas entgegen kommt, was nach ihrer eigenen Erkenntnis der Korrektur bedarf oder ob sie Steiner gar an der ein oder anderen Stelle ein deutliches "Nein" entgegenstellen würden.

Die für mich verblüffende Antwort aller drei Teilnehmer war, "ein Nein Steiner gegenüber haben wir nicht". Niemand, der von einer konkreten und elementaren Krise gegenüber dem Werk Steiners berichten konnte, niemand, der grundlegende oder verstreute Zweifel oder Bedenken Steiner gegenüber anmelden konnte – und das nach vielen Jahren der eigenen spirituellen Forschung. Nur Jean-Claude Lin äusserte sich dann doch zu einer sehr punktuellen Fragestellung, das Johannes-Evangelium betreffend. Ansonsten war deutlich spürbar: Steiner steht außerhalb eines echten kritischen Diskurses und mit Widersprüchen zu eigenen Erkenntnissen oder Erlebnissen geht man so um, dass man versucht, noch tiefer in Steiners Werk einzutauchen um diese Widersprüche dann letztlich als eigene Unvollkommenheit zu enttarnen.

Für mich stellt sich angesichts dieses Umgangs mit dem Werk und den Erkenntnissen Steiners die Frage, ob man dann den Anspruch auf "Wissenschaftlichkeit" nicht besser aufgeben sollte. Wer nach Jahrzehnten der eigenen wissenschaftlichen Forschung nicht zu klaren und profunden Antithesen, Verbesserungen und Berichtigungen gekommen ist, hat entweder nicht wissenschaftlich gearbeitet oder er hat es tatsächlich mit einem überragenden Eingeweihten zu tun, dessen Wort unwiderlegbar ist – und zwar von Anfang an (sonst gäbe es ja wenigstens im Frühwerk Widersprüche zu entdecken). Eine vollständig und vom ersten Tag seines Auftretens an erleuchtete Persönlichkeit, deren Wort Tatsache ist – ein Guru eben.

Ich habe nichts dagegen, Steiner so oder so zu sehen, aber man sollte sich schon entscheiden, was man sein will. Ein kritischer Geisteswissenschaftler mit eigenen, auch widersprüchlichen Erkenntnissen, oder ein kritikloser Anhänger. Ich kann in dem einen und im anderen Vorteile erkennen, aber ich sehe nicht, wie beides auf einmal möglich sein kann.

Ich habe diese Fragen nach einem fragwürdigen, neutral-wissenschaftlichen und kritischen Umgang mit Werk und Person Steiners auch in anderen anthroposophischen Kreisen gestellt und die Antworten unterschieden sich im Wesentlichen nicht von denen in Leipzig – wer Steiner im Zusammenhang lese und verstehe, könne nichts wirklich frag,- und kritikwürdiges und schon gar nichts fehlerhaftes entdecken.

Am Ende der Veranstaltung sagte ein prominenter Vertreter der Anthroposophie zu mir: "Selbst gläubige Christen haben heftige Krisen und elementare Zweifel mit ihrem Christus – das alles sollen wissenschaftliche Anthroposophen mit Steiner nicht haben? Wenn man diese offene Haltung jedem Menschen gegenüber hätte, wenn man sich in allen Zusammenhängen immer mit Urteilen so zurückhalten würde, dann wäre das eben eine besondere Haltung, wo man das nur Steiner und der Anthroposophie gegenüber tut, ist es genau das, was uns von manchen vorgeworfen wird: Sektentum".

Bei aller Begeisterung und Freude über wirklich tolle Menschen, denen Rudolf Steiner nicht nur eine persönliche Hilfe im Leben ist, sondern die aus Anthroposophie heraus Überpersönliches für viele Menschen leisten, warf dieser Teil der Veranstaltung schmerzhafte Fragen in mir auf, die ich hier zur Diskussion stelle.

Um es klar zu sagen: Alle befragten und von mir hochgeschätzten Teilnehmer haben oft genug und in Wort und Tat bewiesen, dass sie weltoffen, im besten Sinne integer und das Gegenteil von sektiererisch sind. Was ganz offensichtlich fehlt, ist das postmoderne Bewusstsein, welches solche öffentlichen, naiv urteilslosen Verlautbarungen nur Fans von Tokio Hotel oder eben Anhängern eines Gurus zubilligt. Wer weder Fan noch Anhänger sein will und wer sich nicht in der Sektenecke finden will, muss auch mit seinem Bewusstsein im 21. Jahrhundert ankommen. Dort ist ein aufrichtiges und beherztes "JA" zu Rudolf Steiner und seinem Werk kein Widerspruch zu einem aus eigener Anschauung gewonnenen "ABER".

Samstag, 24. März 2007

Laudert liest Laudert

Andreas Laudert ist ein Poet und ich bin sein Fan.

Im Pforte Verlag veröffentlicht er zur Buchmesse ein Buch mit dem Titel In diesem Leben mit kurzweiligen Episoden auf der Schwelle zwischen Ich und ICH, zwischen Ego und Selbst, zwischen banal und wesentlich.


In der "Wörtlichen Rede über das Wesentliche" schreibt er: "Ich freue mich immer, wenn man endlich zum Wesentlichen kommen darf...Kommen wir zum Wesentlichen. Schweigt das Wesentliche. Wir, etwas verblüfft, erfahren, dass wir das Wesentliche sind, kommen endlich zu uns, kehren zurück zur Erde, wachen auf und frühstücken."


Seine gestrige Lesung im Leipziger Mendelsohn-Haus war gut besucht, das Publikum war gut unterhalten und das Wesentliche war auch da.


Was war noch auf der Buchmesse?

Anthroposophie interessiert. Viele junge Frauen interessieren sich für alles was mit anthroposophischer Medizin und Erziehung zu tun hat, dann kaufen Sie Postkarten für ihre Freunde, nehmen noch einen Keks und gehen weiter.

Das ist alles sehr schön. Ist das alles?

Einigen jungen Männern, mit zornig fest gebundnenen Krawatten ist das nicht genug und sie wollen, dass endlich etwas passiert, dass man nicht nur in der grünen Wohlfühl-Anthroposophie stecken bleibt, sondern den nächsten Schritt macht. Sie entdecken in Rudolf Steiners Werk etwas, was größer ist als ein Gefühl, größer als sie selbst und größer als alles was bisher war. Aber noch hält sie etwas zurück. Sie machen ihren Job, sind gute Väter, aber etwas in ihnen könnte bald platzen. Gefangene Evolutionäre können entweder eingehen, oder zu Revolutionären werden.
Unterschätzt mir die Männer nicht und wenn Anthroposophie auf Adrenalin trifft, dann kann´s auch schon mal knallen. Da hilft dann auch keine Postkarte mit Keks.


Freitag, 23. März 2007

Anthroposophie (warum ist das Wort nur sooo lang?! "Size does matter")
Auf der Leipziger Buchmesse
22. bis 25. März 2007
Hier ein paar Auszüge aus unserem Flyer:

Können Sie die Balance halten? Die Balance zwischen zu viel Stress und zuwenig Aktivität, zwischen Leidenschaft und Vernunft und zwischen Kopf und Bauch? Wenn Sie mit Anthroposophen sprechen, dann treffen Sie immer auf Menschen, die das Abenteuer der Mitte leben.

Menschen, die zwischen den Kräften und somit im Zentrum der eigenen Energie stehen
wollen – inmitten körperlicher, seelischer und geistiger Bedürfnisse. Von dort aus entwickeln sie neue Strategien für den sozialen Umgang miteinander, dort lernen sie seelische
Regungen wie Traurigkeit und Freude harmonisch zu integrieren und die spirituelle Dimension des Lebens hat in diesem Zentrum, im eigenen Ich, nichts Lebensfremdes, sondern
wirkliche Lebensbedeutung. Diese Mitte ist nicht langweilig, sondern der spannendste Ort der Welt. Balance ist nie monoton, sondern immer faszinierend. Wir laden Sie herzlich in
diese magische Mitte ein und freuen uns auf eine Begegnung mit Ihnen.

Aus dem Programm der Foren:

Donnerstag 23.3.2007, 15.00 bis 15.30 Uhr,
Halle 3, Stand H 302
Kai Ehlers, Grundeinkommen für alle – Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft.
Sebastian Gronbach im Gespräch mit dem Autor
(Pforte Verlag)

Sonntag 25.3.2007, 13.30 bis 14.00 Uhr,
Halle 3, Stand B 502
Wolfgang Held, Vom schöpferischen Umgang mit den vier Dimensionen der Zeit
Moderation: Jean-Claude Lin
(Verlag Freies Geistesleben)


Lesungen im Mendelssohnhaus
Mendelssohnhaus, Goldschmidtstr. 12, Leipzig,

Freitag 23.3.2007, 20.00 bis 21.00 Uhr, Salon
Der Schriftsteller Andreas Laudert liest Kurz- und Kürzestgeschichten aus seinem Band
In diesem Leben. Episoden (Pforte Verlag)

Freitag 23.3.2007, 21.00 bis 22:00 Uhr, Salon
Die Übersetzerin Christa Schuenke liest aus Christopher Nolans fulminantem Roman über ein irisches Frauenleben, Fünf Felder grün (Pforte Verlag)


Steiner lesen im 21. Jahrhundert
Rudolf Steiner entwickelte eine an der Naturwissenschaft geschulte Geisteswissenschaft, die Anthroposophie. Als Begründer der Waldorfpädagogik und der biologisch-dynamischen
Landwirtschaft ist sein Wirken heute noch lebendig. Wer aber kennt ihn und sein Werk näher? Wer liest heute schon Texte von Steiner?

Drei markante Persönlichkeiten lesen aus Steiners Werk, berichten, warum ihnen der Autor wichtig ist oder suchen eine kritische Distanz, wo dessen Forschung Widersprüche aufweist. Eine Gesprächsrunde über eine spirituelle Weltanschauung, die vor einem Jahrhundert entstanden und immer noch in der Lage ist, die Gemüter zu bewegen.


Samstag 24.3.2007, 20.00 Uhr, Saal im Gartenhaus des Mendelsohnhauses,
Mendelssohnhaus, Goldschmidtstr. 12, Leipzig

Wer liest schon Steiner? Lesungen mit Podiumsgespräch:
Es lesen:
1) der Diplomat Ernst-Jörg von Studnitz
2) die Künstlerin Dorothea Deimann
3) der Verleger Jean-Claude Lin
Moderation: Sebastian Gronbach

Mittwoch, 21. März 2007

AnthroNRW und das erste Echo: "Ein Kerl zum anfassen"

Seit gut einer Woche ist AnthroNRW online und ich freue mich über das Echo aus der Bloggersphäre und über die herzlichen und kritische Beiträge und Würdigungen.
So begrüßt mich mein Kollege Christoph, mit dem ich eine Achse des Guten bilde, mit den Worten bei Goysworld: "Das nenn' ich gutes Timing: Kaum hat [RA] endgültig dicht gemacht, eröffnet Sebastian Gronbach (Redakteur bei Info3) ein eigenes Blogdings."

Dr. Alexander Erben von Besser mit Anthroposophie liest auch Goysworld, hat AnthroNRW dort entdeckt und heisst mich ebenso herzlich willkommen: "Ich lese die Beiträge von Herrn Gronbach im Info3 sehr gerne und auch seine Nachrichten im info3 Blogland."

Kurz macht es Ralf Hellbart vom DEutschland - SIBirien – Portal, der immer beispielhaft zeigt, wie persönliches Engagement , über alle Ländergrenzen, aussehen kann und verlinkt mich auf seiner Seite.

Kritischer beäugt mich "His Masters Voice" Michael Mentzel. Er ist die ausgezeichnete, runde und wohl klingende Stimme Rudolf Seiners. MM schmilzt im Ohr, nicht in der Hand.
Michael Mentzel, der sich als Nicht-Mitglied outet, jahrelang im Rheinland lebte und eine interessante Internetseite betreibt, schreibt über meine ersten Beiträge: "Ich habe nicht so eine Karte, so ein Ding, das ich stolz wie Oskar (nein, nicht der Oskar!) dem "Wachtturm" gleich, in die Kamera halte, seht her, das sind wir! Was nun? Trotz (oder wegen?) all dem Gerangel um die Gelebten habe ich doch tatsächlich das Bedürfnis, in diese Gesellschaft einzutreten. Nach welchen Kriterien kann denn das vonstatten gehen? Tja, und da finde ich das, was der Sebastian Gronbach da in seinem neuen Blog schreibt, eher hinderlich für mich."
Ich frage mich, wie man ein Nicht-Mitglied zu Steiners Stimme machen kann.

Den Vogel schießt Michael Eggert ab, dem ich manche esoterische Unterweisung verdanke und der als Vater der anthroposophischen Internetpräsentation gilt: "Gronbach ist also stets auch ein wenig Funktionär und Lobbyist in Sachen Anthroposophie. Typisch für ihn ist, dass dies aber nie distanziert oder nur informativ daher kommt- Gronbach ist eben in jeder Lebenslage auch Gefühls- und Genussmensch und scheut keinesfalls vor persönlichen Bekenntnissen zurück. Ein Kerl zum Anfassen eben - der personifizierte Gegenentwurf zur legendären ätherischen Anthropotante."

Danke an Euch alle – etwas in mir ist auf diese Herzlichkeit, das Lob und die Aufmerksamkeit angewiesen.

Auch die Gästebucheinträge zeigen, dass ein Blog, der auf das allzu persönliche, zugunsten des überpersönlichen Verzichtet, sein Publikum findet – und Publikum suche ich.
Schreiben (und nun auch bloggen), das ist für mich die Suche nach Verbündeten. Dabei versuche ich mich mit meiner Persönlichkeit einzubringen. Im Bewusstsein, dass Persönlichkeit gleichzeitig Stärke und Falle ist.
Ohne starke Persönlichkeiten wird keine Ideal den Weg in die Wirklichkeit schaffen, aber reine Persönlichkeit ohne Ideeles verkommt zu Narzissmus.
Die Suche nach Verbündeten schließt ein, dass sich auch Kritiker, Antipoden oder sogar Gegner finden – manche Kritiker werden zu dialogischen Gesprächspartnern und gemeinsam lernt und wächst man weiter.
Konstruktiver und kritischer Dialog, aber auch scharfe Auseinandersetzung, macht mir Spaß und ist mir Ansporn und Hilfe und so habe ich auch bereits auf die ein oder andere Kritik im Gästebuch geantwortet (z.B. hier) – kein Spaß machen mir die ewige Auseinandersetzung mit Leuten die ihr Leben dem "Gegen-etwas-sein" gewidmet haben.

Wer Anthropsophie an sich ablehnt und mir absurde Motive unterstellt, soll an anderen Orten Freunde und Partner finden – mein Gesprächspartner ist er hier aus einfachen Gründen nicht:
Ich verbringe hier meine Freizeit und die will ich möglichst angenehm verleben. Es gibt so viel Schönes, Wahres, Edles und Gutes, es gibt so viel lustiges über das ich Lachen will. Es gibt so viele tolle Menschen mit denen ich mich austauschen will – da habe ich weder Zeit, noch Lust, noch Energie für Destruktives und Negatives.

Ausserdem brauche ich meine ganze Anti-Kraft für wirklich wesentliche Konflikte!

Nun fahre ich erst mal bis zum Wochenende nach Leipzig zur Buchmesse und wer in der Nähe ist, kann mich dort treffen:
Arbeitsgemeinschaft anthroposophischer Buchhandlungen und Verlage (AaBuV) Halle 5, Stand D 310.








Zum Umgang mit dem Wahren, Schönen, Edlen und Guten und zum innwendig lernen, bis ich wieder zurück bin.



Beim Läuten der Glocken - von Rudolf Steiner:



Das Schöne bewundern,
Das Wahre behüten,
Das Edle verehren,
Das Gute beschließen.
Es führet den Menschen
Im Leben zu Zielen,
Im Handeln zum Rechten,
Im Fühlen zum Frieden,
Im Denken zum Lichte;
Und lehrt ihn vertrauen
Auf göttliches Walten
in allem was ist:
Im Weltenall,
Im Seelengrund.



Foto

Wieviel Schulung braucht der Zeitgenosse?


Die Firma für Anthroposophie ist eine Gruppe auf sachlichem Felde innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Sie wurde in NRW gegründet.

Einmal im Monat treffen wir uns an einem Dienstags zu einem Gesellschaftsabend, an dem das Leben der Anthroposophischen Gesellschaft im Vordergrund steht.
Menschen, die an einer kontinuierlichen anthroposophischen Arbeit interessiert sind, laden wir zu diesen Gesellschaftsabenden ein.
Zur Zeit steht das Thema Einweihung im Mittelpunkt. Auch wenn Sie nur mal vorbeischauen wollen, sind Sie uns herzlich willkommen.

Wir sind eine Forschungsgesellschaft.
In kontinuierlichen Gesprächen und regelmäßiger Forschungsarbeit finden wir Zugänge zur spirituellen Dimension unseres Daseins. Wir wollen die Kernfragen der Anthroposophie stellen, weiterentwickeln und nach Antworten suchen.
Wir sind eine gesellige Gesellschaft.
Neben dem jeweiligen Thema, das über eine längere Zeit im Mittelpunkt steht, ist Gelegenheit zur Aussprache über aktuelle Themen der anthroposophischen Szene.
Wir sind eine offene Gesellschaft.
Wir freuen uns auf die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft genauso wie auf Menschen, die ohne Mitgliedschaft eine kontinuierliche anthroposophische Betätigung suchen. Und wir begrüßen jeden, der mal sehen will, was bei uns so los ist.

Das Thema: Einweihung
Eingeweihte sehen tiefer und verstehen die Welt, wo andere Grenzen der Erkenntnis aufbauen. Wie geschieht Einweihung heute? Welchen Anteil hat eine methodische Schulung? Welche Bedeutung haben Eindrücke und Erlebnisse, die das Schicksal einem zuträgt? Das Thema wird von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Jeweils dienstags, 20 bis 22 Uhr in der Buchhandlung Stein, Berrenrather Straße 203, 50937 Köln

Diese Veranstaltungen sind bereits vorbei:
(26. 9.2006: Einweihung und Verantwortung.
24.10.2006: Dag Hammarskjöld
28.11.2006: Die drei Proben
12.12.2006: Einweihung - eine Begriffsbildung
23. 1.2007: Die Schwelle in der Kunst des 20. Jh.
27. 2.2007: Hellsehen)

Hier gehts weiter:
27. 3.2007: Wieviel Schulung braucht der Zeitgenosse?
24. 4.2007: Einweihung im Kino. Fight Club.
22. 5.2007: Verschiedene Schulungswege.

Wir freuen uns auf Sie!

Foto: FreiTalk mit Jens Heisterkamp in der Buchhandlung Stein.

Sonntag, 18. März 2007

Anthroposophen in 3D und Mister Oskar


Wo die Anthroposophische
Gesellschaft drin ist, wollen auch andere dabei sein.
Seit Anfang März ist die Anthroposophische Gesellschaft NRW (AGiD NRW) mitten in Bochum, fußläufig zum Bermudadreieck, der größten Partymeile der Stadt, angekommen.



In drei Etagen des ehemaligen GLS-Gebäudes im Stadtzentrum von Bochum, unmittelbar gegenüber vom Schauspielhaus (Foto), haben sich nun verschiedene Intitiativen und Einrichtungen angesiedelt – vom modernen und urbanen Flair im Kulturhaus OSKAR profitieren dabei alle Parteien.

Im Erdgeschoss, mit einer breiten Fensterfront und einem großzügigen Eingangsbereich, inklusive Sitzecke, präsentiert sich die Anthroposophische Gesellschaft NRW: Zwei Konferenzräume, ein Büro und vor allem das wissenschaftliche Zentrum, die Landesbibliothek. Neben zahlreichen Werken der spirituellen und geisteswissenschaftlichen Weltliteratur, natürlich auch mit der Gesamtausgabe Rudolf Steiners. Bis zum Herbst soll dort alles fertig sein, damit Fernleihe und Handbibliothek nutzbar sind.

Neben der AGiD NRW hat auch das Freie Bildungswerk Bochum seinen Büroraum im Erdgeschoss angesiedelt und durch die offene Tür grüßen freundliche Kolleginnen.
Als dritte Organisation hat sich fakt 21 Kulturgemeinschaft ein Büroraum im Erdgeschoss angemietet.

Aber es gibt noch etwas im Erdgeschoß. Einen geräumigen, gemütlichen und sehr gern besuchten Raum. Hier, im Casino, arbeitet die Bio-Köchin Ines Machemer mit ihrem Catering-Service an einer offenen Bar-Küche und versorgt die Mitarbeiter des Hauses mit ausgezeichneten Mahlzeiten, Snacks sowie Kaffee und Kuchen. Von dort ist es ein Schritt in den Hof, wo man eine Zigarette genießen kann.

In den anderen Etagen hat das Figurentheater ein Zuhause und Siglinde Wantjen eröffnete dort ihre Praxis für Heileurythmie. Weitere Initiativen und Organisationen die ich Ihnen mit der Zeit nähr vorstellen will und deren Aufzählung zeigt, wieviele Mensch das "Leben 3D" nicht nur sehnen, sondern tun. "Leben 3D" ist ein Leben in allen drei Dimension. Physisch, emotional und spirituell.

Diese 3D-Mensch zeigen im Kulturhaus OSKAR wie man alle drei Dimensionen in das Leben integriert: Das Ingenieurbüro Mertens, der Bauservice Chilla, die Energieberatung Mika, die Praxis für Psychotherapie, Paartherapie, Coaching Bettina Schimanski, die Praxis für Logopädie Silke Rubina Merek, der Raum für Alexandertechnik Irene Schlump, das Zentrum für psychosomatische Medizin und Psychotherapie von Dr. Klaus Rodewig, Anne Fels-Rodewig und Dr. Sigrun Bünger.

Dann ist da noch Christoph Jaenicke. Offiziell hat er sein Architekturbüro im Kulturhaus OSKAR, aber er ist mehr als ein Architekt im Haus. Ohne sein beharrliches Engagement, seinen ansteckenden Optimismus und das bescheidene Selbstbewusstsein, wäre die Initiative zum Kulturhaus OSKAR in den Schwierigkeiten der Gründungsphase stecken geblieben. Wenn er im Kasino sitzt, dann sitzt man um ihn herum. Christoph Jaenicke ist Mr. Oskar.

Das Kulturhaus OSKAR ist nicht einfach nur ein Kulturhaus wie viele andere – unsere Mysterien finden auch, aber nicht nur am Hauptbahnhof statt. Wir fokussieren unseren Blick auch auf die reine Idee und den ursprünglichen Geist. Wir umarmen die Vielheit des Lebens als Ausdruck der einen Ganzheit, aber wir sind uns bewusst, dass die eine Ganzheit immer mehr ist als die Summe der Vielheit.

Darum findet Anthropospohie auch in der Stille der Esoterik, im gemeinsamen Vollzug von Ritualen, im geschlossenen Gespräch und im sozialen Miteinander statt. Darum empfinden wir den Vidar-Zweig* Bochum, im Untergeschoss unseres Hauses, als esoterischen Grundstein des Kulturhauses OSKAR. Der Zweig wurde 1913 von Rudolf Steiner eröffnet.

Übrigens: In der 4.Etage sind noch wenige Räume frei. Wenn Sie Lust haben auf ein Leben in 3D, dann können Sie sich melden. Vielleicht passen wir ja zusammen – in allen Dimensionen.


*Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft umfasst der Gründungsintention nach die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft mit den Fachsektionen; die selbstständigen Gruppen auf „sachlichem oder örtlichem Feld“, d.h. die lokalen Gruppen, auch Zweige genannt. Das Wort Zweige stammt vom Sprachgebrauch aus der Theosophischen Gesellschaft, welches in den Statuten der Weihnachtstagung durch „Gruppen“ ersetzt wird, jedoch bis heute weitgehend verwendet wird.

Donnerstag, 15. März 2007

Warum braucht die Anthroposophische Gesellschaft Ruth Bamberg?


Neue Mitglieder der Anthroposophische Gesellschaft in NRW werde ich in Zukunft genauer in Augenschein nehmen. Anfangen will ich mit Ruth Bamberg (45) aus Duisburg.

Als erstes die klassische Frage: Wie sind Sie zur Anthroposophie gekommen?
Nicht ich bin zur Anthroposophie gekommen, sondern sie zu mir, in Form eines Buches: Die Philosophie der Freiheit. Dieses Buch hat mich gerettet aus der universitären Enge, in der ich mich damals, vor mehr als 20 Jahren, als Studentin mit großen Idealen befand. Das war die erste Berührung mit dem Werk Rudolf Steiners. Sehr viel später, nachdem ich meine persönliche Sturm und Drang Epoche beendet hatte, wandte ich mich spirituellen Fragen zu und fand daraufhin zur Anthroposophie.

Warum sind Sie Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden?
Weil ich Klarheit und Struktur mag. Die AAG ist für mich ein Organ, was sehr konkret in der Welt ist und mich ebenso konkret mit der Anthroposophie und den Menschen, den Anthroposophen verbindet. Ich war auf der Suche nach Verbindlichkeit und habe an manchen Orten gesucht, eigentlich überall wo Spiritualität eine Heimat haben kann.

Wie erleben Sie den Unterschied einer Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft gegenüber nur "der Bewegung" anzugehören?
Die Bewegung ist mir persönlich zu ungefähr. Unser Sohn ging in einen Waldorf Kindergarten, zu der Zeit war ich mit der anthroposophischen Bewegung verbunden. Immer mal wieder gab es Vorträge von "amtlichen" Anthroposophen für die Eltern. Diese Vorträge waren sehr interessant vor allem, weil dort eine recht entlegene Sichtweise auf die Kinder vorgetragen wurde. Mir reichte es nicht, diese neue Sichtweise nur zur Kenntnis zu nehmen, oder sie zu glauben. Ich wollte sie prüfen und befasste mich mit den Schriften Rudolf Steiners. Um der anthroposophischen Bewegung anzugehören, benötigt man die Anthroposophie nicht, das geht ganz bequem ohne sie. Ich habe es gern unbequem, das heißt gern differenzierter, eben gern genauer.

Wenn Sie Texte oder Vorträge von Rudolf Steiner lesen, was suchen Sie in diesen Texten?
Das ändert sich immer mal wieder. Vielleicht dies: die andere Sichtweise. Ich bin, wie wohl die meisten anderen auch, in einer Welt erwachsen geworden, die viele existenzielle Fragen unbeantwortet lässt, z.b. die Frage: Woher komme ich? Wenn man sich dieser Frage stellt, dann kann man schier verrückt werden: an der gähnenden Leere die sich auftut, blickt man auf die übliche Erkenntnisgrenze. In den Texten von Rudolf Steiner finde ich den Mut und das Vermögen an dieser Grenze nicht stehen zu bleiben.

Wie kommt das, was Sie gelesen haben, heute in Ihrem Leben vor? Hat es eine Alltagsrelevanz?
Ich sprach mit einem jungen Mann, der von Anthroposophie noch niemals etwas gehört hat. Er wälzte das Problem, ob er Vater werden und ob er diese Verantwortung auf sich nehmen könne, ob die Welt überhaupt geeignet für Kinder wäre. Um ihm ein Lichtlein in seine schweren Gedanken zu bringen und, um wieder heiter zu stimmen sagte ich ihm: Weißt du, das alles musst du gar nicht allein entscheiden, die Kinder, die da oben auf der Himmelswiese darauf warten, zu ihren Eltern kommen zu können, entscheiden selber mit darüber, wer ihre Eltern werden sollen. Wenn du also Vater wirst, dann bekommst du ein Kind, das sich genau dich - so wie du bist - gewünscht hat. Dem jungen Mann fiel ein ein großer Stein vom Herzen, er bedankte sich ganz überschwänglich bei mir.

Welche Beziehung haben Sie zu Ihrem Zweig?
Oh ja, mein Zweig, eine innige Beziehung, sogar wenn ich nicht regelmäßig zugegen bin. Ich erlebe im Zweig die Anthroposophen unter Anthroposophen Anthroposophie tun. Das ist herrlich! Unglaublich fassettenreich, bewegt und bewegend.

Was wünschen Sie sich von Ihrem NRW-Arbeitszentrum?
Dass sie Ihre wunderherrliche Bibliothek so aufbereiten, dass man aus der Ferne den Katalog einsehen kann und auswärtigen Leihverkehr natürlich.

Warum braucht die Anthroposophische Gesellschaft Ruth Bamberg?
Weil es ohne Ruth Bamberg keine Ruth Bamberg in der Gesellschaft gäbe, das wäre doch sehr schade, oder?

Stimmt!

Dienstag, 13. März 2007

Das Leben ist nicht das Problem – sondern die Lösung


Die Arbeitsgruppe der Anthroposophische Gesellschaft in Mülheim beendet eine festliche Veranstaltungstriologie, zu der sie die Firma für Anthroposophie eingeladen hatte, mit einem Vortrag.
Ich freue mich sehr darüber, zum Thema "Schicksal und Begegnung", sprechen zu dürfen.

Wenn wir einem Menschen begegnen, dann sind wir schnell geneigt davon zu sprechen, dass sich zwei Individuen begegnen. Wir sehen im Gegenüber, aber vor allem in uns selbst, individualistische Züge, Einzigartigkeiten und halten alles für einmalig und originell.

Es ist schmerzhaft aber heilsam zu erkennen, dass viele dieser vermeintlich individuellen Charaktereigenschaften, nichts anderes sind als bestimmte Muster in denen wir gefangen sind. Begegnungen sind auf dieser Ebenen immer erst einmal Begegnungen von Egos. Begegnung ist auf verschiedenen Ebenen auch immer Selbstbegegnung.
Je heisser und intensiver diese Begegnungen sind, desto größer ist die Warscheinlichkeit, dass sich nicht freie Individuen begegnen, sondern sich Egos nach einem bestimmten Schema anziehen oder abstoßen.
Selbst die Liebe ist da nichts was uns schützt. Im Gegenteil. Auf dieser Ebene ist eine Liebesbeziehung nichts weiter als zwei Egos die sich anbeten.
Wenn wir in esoterischen oder spirituellen Zusammenhängen Zuhause sind, dann fällt uns bei solchen (Liebes)begegnungen leicht das Wort "Schicksal" ein. So wird aus einer geilen Affäre...eine karmische Beziehung.

Wie wird aus narzistischer Selbstbespiegelung eine echte Begegnung mit dem authentischen Selbst?
Wie kann man über dieses Ego hinauswachsen und trotzdem eine starke Persönlichkeit sein? Wie kann man sein Ego enttarnen und sein Ich zum ICH transformieren? Was ist Schicksal? Wo ist Karma? Und was sind profane Reiz-Reaktionsmuster? Wann ist das Leben das Problem und wann die Lösung?
Das sind ein paar Fragen die ich gerne in meinem Vortrag ansprechen will und es wäre schön, wenn Sie dabei sein könnten.

Am Freitag den 16. März 2007 um 20 Uhr,
in der Freien Waldorfschule Mülheim an der Ruhr,
Blumendeller Straße 29.

Warum sollten wir gerade Sie brauchen?

"Wir brauchen junge Mitglieder!" Dieser Ruf tönt durch die Anthroposophische Gesellschaft und ich stimme in diesen Ruf aus vielen Gründen ein. Aber nicht um jeden Preis.


Die Anthroposophische Gesellschaft ist keine Kirche, in die man per Geburt eingetreten wird, sie ist kein Kindergarten, sondern sie ist eine Gesellschaft für Erwachsene. Und erwachsen ist man, wenn man die Worte Freiheit und Verantwortung nicht nur kennt, sondern lebt.


Dem Ruf nach jungen Mitgliedern folgt die im Schüttelfrost des Zweifels vorgetragene Frage: "Wie müssen wir uns ändern, um für junge Menschen attraktiver zu werden?" Mittlerweile kommt mir diese devote Fragehaltung nicht nur etwas nuttig, sondern auch strategisch dumm vor. Man kann nur anbieten, was man hat. Dasjenige, was man hat, kann man gekonnt unterstreichen und charmant präsentieren – alles andere wirkt abstoßend anbiedernd – gerade auf junge Menschen.


Wir sind, was wir sind. Was sind wir und was nicht? Wir sind kein junger, hipper und basisdemokratischer Spaßverein. Wir sind eine alte, traditionsreiche, ernste und hierarchisierte Gesellschaft mit einer stolzen Basis. Wir bieten keine Meinungsforen an, wo jeder sagen kann, was er gerade so fühlt und denkt.


Wir bieten textfundierte Kolloquien an, in denen das Gesagte authentisch und quellensicher formuliert werden muss. Anthroposophie ist tiefgründig, hochspirituell und weit über das Alltägliche hinausgehend. Ihre geistigen Fragen sind uns existenziell – sie gehen über physischen Hunger und Durst hinaus und wir sind davon überzeugt, dass wer nicht in dieser Sphäre des Spirituellen lebt, überhaupt nicht lebt.


Die Anthroposophsiche Gesellschaft hat ein Ohr für jeden Menschen, aber nicht für jeden Quatsch und wir scheuen uns nicht Flachland als Flachland zu bezeichnen. Unser "Ja" zum menschlichen Ideal und zur Ich-Idee begründet manchmal auch das "Nein" zu egoistischen Wirren und persönlichen Abirrungen. Wir begrüßen das wahre, ewige Leben, darum entthronen wir sukzessive die Illusionen des Lebens. Wir werden, bei aller Selbstkritik, niemals eine Gesellschaft sein, die ihrem Gründer und der gewachsenen, philosophisch-esoterischen Substanz gegenüber Gleichgültigkeit empfindet. Wer, wenn nicht wir, soll definieren, was Anthroposophie ist? Anthroposophie ist Barmherzigkeit aus Weisheit und Weisheit durch Barmherzigkeit. Ist sie eines nicht, ist sie nicht Anthroposophie.

Die Anthroposophische Gesellschaft stellt Fragen, aber gibt auch Antworten, die Türen zu ungeahnten Mysterien öffnen. Die geistige Essenz der Anthroposophische Gesellschaft steht nicht nur in Büchern, sie lebt auch in unseren alten und ehrwürdigen Mitgliedern. Sie verkörpern nicht nur Vergreisung, sie verkörpern Weisheit, die wir mit höchstem Respekt behandeln – und das bei schärfstem inhaltlichem Disput.


Ich für meinen Teil frage nicht länger nur nach dem, was wir für jungen Menschen tun, sondern, was die jungen Menschen für die Anthroposophische Gesellschaft tun können. Es reicht mir nicht mehr, wenn mir jemand sagt, er fühle sich der Anthroposphischen Bewegung zugehörig. Ich will entschiedene Verantwortung und Selbstverpflichtung sehen. Ich kann als Partner nur ernst nehmen, wer die Sache ernst nimmt und wer sich, ohne Fluchtversuche, in den Kreis stellt.
Nicht wie wir uns verändern müssen, damit andere uns toll finden, ist meine vorrangige Frage und ich will nicht jeden als Mitglied haben.

Meine Frage an Junge und Alte ist, was haben Sie der Anthroposophischen Gesellschaft zu bieten? Welche Ihrer besten Eigenschaften können Sie einbringen?

Warum sollten wir gerade Sie brauchen? Warum ist die Anthroposophische Gesellschaft mit Ihnen eine bessere Gesellschaft?


Das verwendete Bild stammt von Claude-Max Lochu.

Montag, 12. März 2007

Anthroposophie in NRW – es wird geblogt


Mein Name ist Sebastian Gronbach.
Ich bin Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft (Fotobeweis links)
Das internationale Headquarter der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG) ist in Dornach.
Der deutsche Teil der AAG heisst Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland (AGiD) und der Hauptsitz ist in Stuttgart.
Die AGiD ist in zehn Arbeitszentren eingeteilt. Eines davon ist das Arbeitszentrum Nordrhein-Westfalen.
Dieses Arbeitszentrum hat in Bochum – im Kulturhaus Oskar – ein neues, wunderbares Zuhause gefunden.
Dieser Blog ist mein Blog und nicht der offizielle Blog der AGiD in NRW, aber als verantwortliches Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und Mitarbeiter des NRW Arbeitszentrums, werde ich von Stund an darüber berichten, was die Anthroposophen in NRW so tun.