Mittwoch, 30. Januar 2008

Auserwählte

Sind Sie auserwählt? Sie, die Sie gerade diese Zeile, dieses rote Wort hier lesen, Sie sind auserwählt? Sind Sie auserwählt eine neue Wirklichkeit zu erschaffen, eine Wirklichkeit die es noch nicht gibt?

Ich möchte Ihnen einen einfachen Vorschlag machen. Es geht bei diesem Vorschlag nicht darum abschließend zu klären was die wirkliche und letzte Wirklichkeit ist.
Als Anthroposoph, also als jemand dessen Sicht auf die Welt eine evolutionäre ist, gibt es keine abschließende Wirklichkeit.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Es geht nicht darum, dass man die wirkliche Wirklichkeit nicht erkennen könne – im Gegenteil:
Was der Einzelne erkennt ist immer eine Wirklichkeit. Es gibt also nicht nur Stufen der eignen Erkenntnis, sondern damit auch immer Stufen der eigenen Wirklichkeit.

Wirklichkeit existiert innerhalb eines bestimmten Interpretationsrahmens – es geht aber nicht darum, dass man sie nur verschieden versteht. Es geht darum, dass die Wirklichkeit erschaffen wird – immer auf der Basis unsere eignen Bewusstseinsentwicklung.

Darum müssen die Auserwählten so hart an ihrem Bewusstsein arbeiten – jenseits aller Mythen. Denn die Wirklichkeit ist abhängig von unserem Bewusstsein. Sind Sie auserwählt dieses neue Bewusstsein zu erschaffen?

Die Wirklichkeit soll abhängig sein von meinem Bewusstsein? Solch ein Gedanke ist innerhalb unseres eingefahrenen Denkens verwirrend. Ein Bild von Picasso bleibt in diesem Denken immer eine Wirklichkeit und wenn er vergessen auf dem Dachboden liegt, dann bleibt er doch ein Picasso.
Völlig anders sieht es bekanntlich aus, wenn ich mich subatomare Teilchen zuwende.
Die neue Physik lehrt uns, dass es feste Materie gibt (wenn auch als winzigstes Objekt), die sich je nach der Haltung des Beobachters verschieden verhalten kann und mal Materie, mal Nicht-Materie ist. Ein subatomarer Picasso wird, mit dem Maßstab von van Gogh gemessen, ein van Gogh. Wenn er nicht mehr beobachtet wird, löst er sich im Nebel des ungefähren auf – er verschwindet.

Es geht hier nicht um die subjektive Deutung eines immer gleichen Sachverhaltes, es geht darum, dass der Beobachter darüber entscheidet, was sich aus dem Nebel der Wahrscheinlichkeiten zu sichtbarer Wirklichkeit verdichtet.

Ich bin davon überzeugt, dass gerade auf dem Gebiet der Innerlichkeit, der Moral, der Ethik und des Bewusstsein, aber auch bei existenziellen Fragen des Zusammenlebens, dass dort eine neue Wirklichkeit entstehen kann, die als kulturelle Bewegung schlicht und einfach noch nicht existiert.

Es gibt allerdings Pioniere dieses neuen Bewusstseins. Bevor ich Ihnen sagen will, warum gerade Sie zu den auserwählten der neuen Kultur gehören könnten, will ich Ihnen kurz von einem dieser Pioniere erzählen.

„Zu welchem Thema haben Sie Ihre Meinung geändert und warum?“ Diese Frage hat der New Yorker Literaturagent John Brockman führenden Wissenschaftlern und Denkern gestellt – und einige überraschende Antworten bekommen, die sich auf der Webseite http://www.edge.org/ nachlesen lassen.

Der dänischen Wissenschaftsautors Tor Noerretranders zum Beispiel lässt die eher magischen und mythischen Erzählungen zum Thema Reinkarnation und Karma plötzlich in neuem Licht erscheinen.

Sein Gedanke gleicht dem eines erleuchteten Bewusstseins: Nicht der Körper ist die Konstante und der Geist die Variable – nicht so, sondern umgekehrt.
Nicht im Gehirn entsteht (wie auch immer) Bewusstsein – sondern umgekehrt: Bewusstsein, der Geist, wie auch immer wie es nennen, ES erschafft sich diese komplexeste aller Ausdrucksformen selber.


Tor Noerretranders antwortet also auf die Frage „Zu welchem Thema haben Sie Ihre Meinung geändert und warum?“, das Folgende:

„Ich denke heute anders über meinen Körper. Früher dachte ich, er sei eine Art Hardware, auf der sich meine geistige Software abspielt. Jetzt denke ich: Mein Körper selbst ist die Software. Mein Körper ist nicht wie ein typisches materielles Objekt, ein stabiles Ding.

Er gleicht mehr einer Flamme, oder einem Fluss. Ständig fließt Materie durch ihn hindurch. Die Bausteine werden immer und immer wieder ersetzt. 98 Prozent der Atome unseres Körpers werden jedes Jahr ersetzt. 98 Prozent! Fast kein einziges Atom harrt in Ihrem Körper von der Geburt bis zum Tod aus. Das, was konstant an Ihnen ist, ist nicht materiell.

Warum ist diese einfache Erkenntnis nicht auf der Allzeit-Top-10-Liste der wichtigen Entdeckungen? Vielleicht, weil sie ein bisschen nach Spiritualismus und Idealismus schmeckt? Nur Geister sind real? Wandernde Seelen? Wir werden ständig wiedergeboren. Ununterbrochen kleiden wir unsere Persönlichkeit in neues Fleisch. Ich halte meinen Geist lebendig, indem ich ihn von Atom zu Atom springen lasse.

Ein konstanter Fluss. Niemals dieselben Atome, immer derselbe Fluss. Kein Fließen, kein Fluss. Kein Fluss, kein Ich. Dies nenne ich permanente Reinkarnation: Software, die ihre Hardware ständig ersetzt. Atome, die ständig Atome ersetzen. Leben.

Es ist etwas ganz anderes als die religiöse Reinkarnation mit Seelen, die von Körpern zu Körpern springen (und Seelen, die da draußen auf der Lauer nach einem Körper liegen). Ich denke heute anders über die Stabilität meines Körpers: Er ändert sich die ganze Zeit. Sonst könnte ich nicht derselbe bleiben.“

Das ist ein gewaltiger Fortschritt so zu denken. Es transformiert einiges, was wir über Reinkarnation und Karma zu wissen glauben. Und es führt zu einer neuen Wirklichkeitsebene. Denn oberhalb der Wirklichkeit von Reinkarnation und Karma gibt es eine leuchtende Ebene des reinen Lichts, die sich aus dieser Wirklichkeitsebene herausentwickelt hat.

Wie alles, so sind auch die Wirklichkeiten von Reinkarnation und Karma nur Stufen, die transformiert werden können.
Dort, auf der Ebene des reinen Lichts, gelten dann neue Regel, besser sollte ich sagen: Neue Grade der Freiheit. Absolute Freiheitsgrade des einen Geistes der auch jetzt und immer schon sein „Ich-Bin“ in alle Richtungen auslebt.

Tor Noerretranders hat den Gedanken der Reinkarnation erweitert und die esoterische Viel-
Geisterei in Richtung eines geistigen Monismus entfaltet. So wie es im spirituellen Kern der Anthroposophie angelegt ist, denn das „Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen“, so Steiner.
Nicht Milliarden Ideen werden Wirklichkeit, sondern immer diese eine Idee wird Wirklichkeit.
Gott ist überall und überall gleichzeitig – aber überall anders
.

Die in Ewigkeit geborene Geist-Idee ist immer und immer ein ungeteilter Geist.
Sie nimmt gleichzeitig und ungeteilt die verschiedensten Stufen, Perspektiven und Aspekt der Wirklichkeit ein – so wird die Geist-Idee aus unserer Erfahrung erschaffen.
Wir sind im höchsten Maße dafür verantwortlich, ob, wie und wohin sich diese Geist-Idee entwickelt. Wir sind identisch mit ihr. Individueller Ausdruck des Einen.


Wenn wir dieser Geist-Idee in uns gewahr werden, dann sind wir eins mit dieser Geist-Idee.
Anthroposophie ist Dienerin dieser Geist-Idee.

„Diese anthroposophische Bewegung ist nicht ein Erdendienst, diese anthroposophische Bewegung ist in ihrer Ganzheit mit all ihren Einzelheiten ein Götter-, ein Gottesdienst.
Und die richtige Stimmung für sie treffen wir, wenn wir sie ansehen in ihrer Gänze als einen solchen Gottesdienst.“
(Rudolf Steiner, 24.12.23, GA 260.)

Es ist diese eine Geist-Idee, die „eine Gattung“, diese eine ungeteilte Idee die immer und überall lebt. „Das, was konstant an Ihnen ist, ist nicht materiell.“
Konstant allein ist der Geist.

Kommen wir zu Ihnen.
Warum könnten Sie auserwählt sein?
Anthroposophie geht davon aus, dass es Stufen der Entwicklung gibt.
Diese Stufen existieren nicht per se – weder im Einzelnen noch in einer Kultur.
Sie müssen aufgebaut werden. Sie werden durch Gedanken, Worte, Taten und Tatsachen konstruiert.
Ich möchte also nicht den Vorschlag machen, zu klären was das Ende ist – eben weil es nur ein Ende mit HorizontEffekt gibt: Je weiter ich mich ihm nähere, desto weiter entfernt es sich.

Mein Vorschlag ist, dass wir an den Stufen der Wirklichkeit arbeiten und gleichzeitig einen Stufenhebedienst organisieren.

Wir können zwar nach vorne marschieren, aber als Soldat habe ich gelernt, dass eine Gruppe immer nur so stark ist, wie das schwächste Glied.
Es hilft nichts: Wir müssen erschaffen, konsolidieren, ziehen und schieben in einem.
Ich denke, Sie könnte zu dieser starken Truppe gehören.


Wo und wer auch immer Sie, liebe Leserin, lieber Leser sind, diese Stufen werden nur zu begehbaren und breiten Stufen, wenn wir sie authentisch in uns errichten.
Wir müssen die Wirklichkeit werden, für die wir uns entscheiden.
Sie wird nicht, wenn wir nicht werden.
Die Konstante braucht unsere Entwicklung.
Einerseits müssen Sie das für sich alleine machen – so wie ich.
Andererseits wird diese Stufe nichts als ein Quadratmeter kleines Fleckchen, wenn wir diese Entwicklung nur für uns alleine machen – das ist definitiv kein angemessener Raum auf dieser Stufe.
Wer nicht mindestens für zwei Personen Raum auf seiner Stufe, der schafft keine Stufe.
Stufen für viele können nur mit vielen erschaffen werden.
Wir müssen das zusammen schaffen.


Sind Sie dazu auserwählt?
Klingt bescheuert?
Überlegen Sie mal:
Nehmen Sie mal alle Menschen dieser Welt in Ihr Herz. Alle. Wirklich alle. Naturkundige Urwaldvölker, todesmutige Stammeskrieger, tiefgläubige Religiöse, gesetzestreue Patrioten, leistungsorientierte Fortschrittsgläubige, die Kontinente mit Millionen und Millionen und Millionen und Millionen Aidskranken, die tausenden Kinder die jeden Tag sterben, die einsamen Greise. Die hilflosen Regierungen, die gewinnmaximierenden Aktienfirmen, aber auch die vielen kleinen engagierten NGOs: Die einen kämpfen für die feministische Gleichstellung, die anderen für die Bäume, andere fürs Klima und die nächsten für den Berggorilla.

Nehmen Sie auch noch die unsicheren, sehnsuchtsvollen spirituellen Sinnsucher und die, welche Modernismus ablehnen und darum niemals im Internet surfen.
Nehmen Sie alle diese. Nicht nur die weit entfernten. Auch den Obdachlosen. Das Heer von Alkoholikern und die Opfer von Krankheiten und nagender Armut, die in Ihrer Stadt leben.


Nehmen Sie Ihre Nachbarn, durch deren Fenster jeden Abend das TV Licht flimmert. Und nehmen Sie auch Ihre Eltern in Ihr Herz. Nehmen Sie alle in ihr Herz. Segnen Sie jeden einzelnen – denn jeder von ihnen hat dazu beigetragen, dass Sie so sind, wie Sie sind.

Verneigen Sie sich und dann prüfen Sie:

Wer befindet sich in der herausgehobensten Lage? Wer hat soviel Zeit und Ressourcen solche langen Texte zu lesen, zu verstehen, zu kritisieren und es besser zu wissen als der Autor?

Wer von ihnen ist zweifelsfrei in der Lage, die nächste Stufe zu erschaffen?
Die Stufe, auf der alles das, was Ihre Herzfreunde darstellen, transformiert wird.
Die Stufe, auf der man gemeinsam alles im Blick hat.
Eine Stufe, die sich aller Stufen bewusst ist.
Eine Stufe auf der das wiederwachen der westlichen Philosophie im souveränen Einklang mit östlicher Weisheit geschieht – in der gleichzeitig die pure Lust am Leben lebt.
Wer von Ihren Herzfreuden ist bereit für eine Moral, die Entwicklung eines kosmisches Bewusstsein fordert?
Wer von Ihren Herzfreunden verfügt über die leiblichen, seelischen und geistigen Ressourcen einen Raum zu erschaffen, der alles übersteigt was bereits existiert?
Wer von ihren Herzfreunden hat ein Ahnung davon, über was wir gerade sprechen?
Wer ist wirklich bereit, willens und fähig?

Sind Sie es?
Und wenn nicht: was fehlt Ihnen?
Vielleicht nur eines? Das wichtigste: Die Entscheidung auserwählt zu sein.
Schauen Sie sich die Fakten an – vieles spricht dafür, dass alles für Sie spricht.
Wer sollte es sonst schaffen?

Die Entscheidung kann Ihnen niemand abnehmen, letztlich hängt alles andere davon ab.
(Ihnen ist doch klar, dass Sie sich so oder so immer entscheiden? Wir können gar nicht anders als entscheiden – jetzt lautet die Frage nur noch: Für was?)

Wenn alles anders ist und wenn Sie den Gedanken auserwählt zu sein unmöglich, unerträglich oder albern und grotesk finden und somit meinem Vorschlag der Zusammenarbeit zur Erschaffung der neuen Wirklichkeit nicht folgen wollen, dann habe ich vier Fragen:

Wie würden Sie sich angesichts Ihrer objektiv herausgehobenen Stellung in der Welt (die es im historischen Sinne so nie zuvor gab) beschreiben?
Was ist die Konsequenz aus dieser Selbstbeschreibung?
Wie rechtfertigen Sie Ihre Entscheidung nicht zu den Auserwählten zu gehören?
Wie definieren Sie Verantwortung?

Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.








Donnerstag, 24. Januar 2008

Fair l´amour

Zur Zeit können Sie mich „Oberpfleger Sebastian“ nennen – „Ober“, weil sonst keiner mehr übrig ist. Unsere Patchwork-Familie hat sich in eine Husten-Fieber-Schnupfen-Halsweh-Bauchschmerz-Klinik verwandelt.
Bis zu vier Zimmer sind zeitweise belegt und ausser Ratiopharm können sich in diesem Jahr natürlich die Mitarbeiter von Weleda, Wala und DHU über eine ordentliche Weihnachtsgratifikation freuen – mit freundlicher Unterstützung aus dem Hause Gronbach.

Wenn Sie Kinder haben, dann wissen Sie, was ich in diesem Moment wiedereinmal verstanden habe: Kinder brauchen Zeit. Viel, viel Zeit. Zeit heilt nicht alle Wunden (dafür ist die Ewigkeit zuständig) – aber nur genutzte Zeit heilt Wunden. Wir denken zwar manchmal, dass Kinder vor allem Liebe brauchen – aber Liebe bleibt nur ein Wort, nur ein larmoyantes Gefühl, welches um sich selber kreist, wenn es sich nicht am anderen Menschen bricht.
Wenn Liebe durch Menschen auf die Erde kommt, dann ist sie zwar nie so groß und ganz, wie die kosmische Götter-Liebe – sie ist nur Stückwerk der einen, großen Liebe.
Aber nur die Liebe, die sich am anderen Menschen bricht, die Stückwerk wird, nur diese Liebe vollendet sich.

Anthroposophie ist Götter-Liebe, die sich am Menschen bricht.
Sie ist Liebe, die sich in den Menschen aufgibt, um sich in Ihnen zu vollenden.

Ich denke nicht, dass es Eltern heute an Liebe zu ihren Kindern mangelt – entschuldigen Sie wenn ich es sehr direkt formuliere – aber die Elternliebe zu unseren Kindern ist nichts originär menschliches, sondern ein angeborener Trieb, der uns als genetischer Code eingepflanzt ist.

Seine Kinder zu lieben ist für Eltern kein Kunststück, nichts besonderes und nichts worauf wir uns etwas einbilden können – das Kunststück beginnt in dem Moment, wo wir angemessen handeln.

Im Gegensatz zu Tieren ist uns das richtige Handeln nämlich nicht als Verhaltensprogramm mitgegeben – oder besser sollte ich sagen: Das Programm läuft aus.
Nach einer aktuellen Studie berichten zunehmend immer mehr Eltern, dass sie schlichtweg nicht wüssten, was es bedeutet Mutter oder Vater zu sein. Es bedeutet eben nicht nur zu lieben, sondern liebevolles und angemessenes Handeln. Tätige Liebe.
Manchmal ist dieses Handeln ein tröstendes Wort oder ein Streicheln. Manchmal ist es eine Geschichte die man erzählt, das weiche Licht und die gelüftete und glatt gestrichene Decke, manchmal die Gemüsesuppe oder der immer frische, warme Tee.
Mal ist es dies, mal das, aber immer ist es Zeit, die man sich nimmt und in der man etwas tun muss (und etwas anderes nicht tun kann. Zum Beispiel bloggen).

Wenn Kinder Grippe haben, hilft keine Kinderkrippe, kein schnell organisierter Fremddienst und keine Ganztagsschule. Wenn Kinder Kinderkrankheiten durchmachen, dann sind Familienpolitik und Kampf für Gleichberechtigung aussen vor und die Familie und das Recht des Kindes stehen im Mittelpunkt – jetzt zeigt sich, ob Liebe über das genetisches Programm hinaus geht und mit weisen und heilsamen Taten verbunden wird.
Gerade in Patchwork-Konstellationen zeigt sich nun, ob die Eltern-Verantwortung für gemeinsame Kinder, eine Scheidung überbrückt. Ob eigene Verwundungen zum Wohle des Kindes zurückstehen können und ob Hilfsbereitschaft über das eigen Fleisch und Blut hinausgeht.

Die Eltern-Liebe ist der Raum in der das Richtige geschehen kann, in dem die richtigen Gedanken und Taten entstehen, sie ist kein Ersatz für Eltern-Sein, kein Ersatz für Handeln.

Wer sich entscheidet ein offenes Herz zu haben, der wird inspiriert werden, das Richtige zu tun – diese Anregung zum richtige Handeln kommt einem manchmal wie ein zufälliger Gedanke vor, fast wie etwas wozu man nichts beigetragen hat – etwas, was aus Gnade geschieht. Der große Wissenschaftler Louis Pasteur schrieb einmal: „Der Zufall bevorzugt einen vorbereiteten Geist.“ Dieses Satz ergänzt der amerikanische „Herzheiler“ und Autor Dr. Dean Ornish so:
„Ich glaube, Gnade bevorzugt ein offenes Herz, oder genauer gesagt: Gnade ist gleichbedeutend mit einem offenen Herzen“.

Die Medikamente sind in diesen Tagen grundlegend. Wirklich bedeutsam und heilsam sind Nähe und Beziehung – und zwar in körperlicher, emotionaler und spiritueller Hinsicht. Alles das tragen wir als Anlage in uns.
Ob wir es entwickeln und Nutzen bringend praktizieren, das hängt am Ende davon ab, ob wir uns für all das entscheiden. Es hängt von unserem Bekenntnis zu diesen Werten ab. Und wir müssen uns jeden Tag vor unserem eigenen Bekenntnis beweisen.
Lieben kann jedes Kind.
Liebe machen, ist was für Erwachsene.

Es grüßt Sie, Ihr „Oberpfleger Sebastian“.

Dienstag, 15. Januar 2008

Sternstunden, Tränen und das Loch im Ego

Die Königin der Nacht schafft es in einer Minute und 11 Sekunden. Maria Callas braucht drei Minuten länger und Gustav Mahler benötigt fast eine Stunde.
Aber dann hat auch er erreicht, was den beiden Damen in Sekunden gelungen ist: Ich weine. Mozarts Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“, die Mozart der „Königin der Nacht“ schrieb, zerreisst mit dem hohen f den Himmel und bricht in Sphären des Übermenschlichen ein.

Mir ist klar, dass ich mein schluchzen und weinen mit vielen anderen teile und die „Königin der Nacht“ zu lieben ist so wenig außergewöhnlich wie Maria Callas für ihr „La mamma morta“ zu verehren – vor allem nicht, seitdem sie es für Tom Hanks in „Philadelphia“ sang. Tom Hanks trägt sogar einen wesentlichen Teil dazu bei, dass ich schluchzend vor dem Fernsehgerät sitze.
Sein faszinierender Auftritt, sein Eingehen auf den Text und sein Aufgehen in der Musik, ist einer der aussergewöhnlichsten Auftritte der Kinogeschichte.

Die Szene fällt völlig aus dem ästhetischen Rahmen und ist das Ergebnis einer schauspielerischen Improvisation, die nach einem einzigen Dreh im Kasten war.
Die Crew saß anschließend erschüttert da und wusste nicht was gerade passiert war.


Passiert war, was auch Gustav Mahler in seinem leidenschaftlichen und alle Rahmen sprengenden 3. Sinfoniekantate in d-Moll erreicht hatte.

Passiert war das, was Stefan Zweig als „Sternstunden der Menschheit“ bezeichnet:
„Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte.“

Immer wieder wenn eine Königin der Nacht ihre Stimme erhebt, dann sind das auch Feierminuten für diesen oft unglücklichen Mozart, der in diese Spähern des Übermenschlichen vorstieß.

Immer wenn die DVD Philadelphia bei mir spielt, dann sagen meine Tränen mir, dass die Sängerin Maria Callas, der Komponist Umberto Giordano und der Schauspieler Tom Hanks mehr machen als ihren Job.

Sie spielen diesen Text nicht, der von einem Gott spricht, „der vom Himmel zur Erde herabsteigt, um aus der Erde einen Himmel zu machen.“ Sie sind dann dieser Gott. Und auf eine geheimnisvolle Weise wird erst in dem posthumen Zusammenklang dieses ergreifende Meisterwerk daraus.

Und Gustav Mahler hat in seiner 3. Symphonie keinesfalls die Schöpfung vertont.
Er hat die Schöpfung auf seiner Weise erneuert.

Alle verwirklichen, was Rudolf Steiner die „ew’gen Götterziele“ nennt, die dem Menschen „zu freiem Wollen“ geschenkt wurden: Sie erwärmen unsere Herzen und erleuchten unsere Häupter.
Dann muss ich halt weinen.

Das ist nicht cool und über verheulte Sternstunden in einem Internetblog zu schreiben, ist irgendwie auch bescheuert – aber bekanntlich kann man ja durch den Tränenschleier manche Dinge sehen, die nur durch dieses Schleier sichtbar werden. Diese Sicht auf die Welt, wollte ich Ihnen dann doch nicht vorenthalten.

Ausserdem: Ich kann Tränen verschlucken. Aber jedes verschluckte Weinen macht einen Knoten im Hals. Mit der Zeit verschlucken wir diesen Knoten, aber sie bleiben alle in uns, lösen sich nicht auf und sterben nicht ab. Stattdessen verknoten sich Knoten mit Knoten und bilden ein wachsendes Geschwür aus verschlucktem Schmerz oder Freude, aus Tränen, die nicht nach außen, sondern nach innen gingen.

Um das zu verhindern, können wir weinen. Wer weint, macht sich frei. Er verleugnet und verdrängt nicht länger, was in ihm lebt, er klammert sich nicht länger an sein Gefühl, sondern er drückt sich aus, öffnet die Schleusen, damit durch die Tränen das Gefühl aus der Seele herausfließen kann.

Im Weinen fassen wir den ekstatischen Schmerz und die euphorische Freude in eine Form, wir gießen die Emotion in die Welt, zeigen ihr, was uns bewegt und rufen um Hilfe, weil wir als Menschen Menschen brauchen.

Wenn es tief in uns weh tut, aber auch wenn die Freude etwas aufbricht, dann dürfen wir weinen und erst die salzigen Tränen ermöglichen uns einen unfassbares Gefühl in eine sinnliche, eine menschliche Erfahrung und letztlich in Wissen zu transformieren.

Wunden können Öffnungen im Ego sein, durch die nicht nur überschüssiges Gefühl abfließt, sondern auch das SELBST einzieht.

Diese Wunden sind die Einfallstore Gottes in das Ego.
Wenn in das Ego durch diese Öffnungen nicht neue Egoität einfließen lässt, sondern die „Erkenntnis, die Kunst, die Religion und die liebevolle Hingabe an eine Persönlichkeit im Geiste“ (Rudolf Steiner), dann kann das Ego von innen ausgehöhlt werden.

So schafft es Raum. Raum für das ewige LEBEN.

Die Königin der Nacht, Maria Callas, Tom Hanks, Umberto Giordano und Gustav Mahler – sie alle schlagen Löcher in das Ego – aber danach ziehen sie sich nicht zurück sondern übernehmen Verantwortung und erfüllen uns mit dem GEIST, von dem Sie selber im höchsten Moment des künstlerischen Schaffens erfüllt waren.

Das ist dann die zweite Sternstunde. Dafür bin ich dankbar. Immer wieder. Spätestens nach 1ner Minute und 11 Sekunden.

Dienstag, 8. Januar 2008

Rhythmus trägt Leben

Bei uns zuhause ist der letzte Abend der Ferien, der Tag vor dem Schulbeginn, immer ein wenig schwierig. Die Kinder hatten sich schnell an das Leben in den Ferien gewöhnt. Sie schliefen länger und standen später auf. Jetzt ist natürlich keiner um acht Uhr müde.
Aber das macht auch nichts, denn schon nach wenigen Tagen hat sich der neue Rhythmus
eingependelt und nach einem ereignisreichen Tag und einer schönen Geschichte vor dem Kaminfeuer schlafen die Kinder wieder zeitig ein.

Rhythmus ist mächtig. Rhythmus geht in die Tiefe. Darum ist es so wichtig einen guten Rhythmus zu finden. Einen, der möglichst umfassend ist und vieles integriert. Die eigenen Bedürfnisse, die Notwendigkeiten des Alltags, die großen kosmischen Rhythmen von Tag und Nacht und die der Jahreszeiten.

Wenn jetzt ein neues Jahr beginnt ­ für das ich Ihnen noch einmal von Herzen alles Gute wünsche und mich für Ihre Aufmerksamkeit und großzügige Unterstützung
bedanke ­ dann gibt es wieder die Chance unseren Rhythmus zu finden.
Rhythmus kann man nämlich nicht festlegen ­ dann ist er stur und kalt und tot.
Das Leben aber ist anders. „Was ist Leben?“ fragt Rudolf Steiner und gibt diese Antwort: „Studieren sie die Rhythmen. Rhythmus trägt Leben“.

Ich freue mich nicht nur darüber, dass die WALA Heilmittel GmbH mit diesem Zitat Steiners (den sie auch als Quelle anzeigt) ihren Inspirator würdigt und sich entsprechend in der
Öffentlichkeit positioniert.
Dieses Zitat legt auch nahe, dass Rhythmus selbst nicht das Leben ist, sondern der Träger des Lebens.

Ich denke, hier liegt gleichzeitig die Stärke und die Schwäche der Anthroposophie.
Denn wir sind gut im Studieren der Rhythmen, wir erkennen das Leben in seinen vielfältigsten Ausprägungen und pulsierenden Formen. Aber haben wir auch eine Beziehung zu dem LEBEN selbst? Zum ewigen Sein, welches sich im rhythmischen Werden äußert?

Wir suchen das LEBEN in seinen lebendigen und pulsierenden Entäußerungen, dort, wo jedes Leben anders ist und immer wieder neu - und selbstverständlich ist es dort auch.
Das ist der Blick des Aristoteles.

Aber es gibt das Leben auch als LEBEN ohne ein Zweites. Als den ruhenden und jenseits jeden Wissens und jeder Vernunft seienden Frieden.
Dieses LEBEN, dieser Frieden, ist als Ganzes nie in den Einzelheiten erfahrbar, sondern nur im Betreten der einen Ideenwelt, in der All-Eins-Erfahrung und dem Aufgehen in Gott.
Dort gibt es keinen Unterschied zwischen ICH und WELT mehr gibt, sondern nur das EINE. In diese Welt blickt Platon.

Aristoteles schaut auf den Rhythmus, der das LEBEN trägt, Platon schaut auf das LEBEN, das vom Rhythmus getragen wird. Beide zusammen bringen das LEBEN in das Leben ­ und zurück.

Rhythmus dient immer dem Leben. Das Leben braucht den Rhythmus. Aufstieg und Abstieg in einem. Das gilt für den Kosmos, die Menschheit und für unsere Kinder.
Heute durften sie so lange lesen, bis sie von selber müde wurden ­ der Schlaf kam und das
Wachwerden kommt auch.

Das LEBEN findet seinen Rhythmus ­ aber jenseits aller Rhythmen ist dieses LEBEN der Frieden, der immer ist. Er kann nicht gefunden werden und muss nicht gesucht werden.
Das ist keine Glauben - sondern kann eine alles verändernde Erfahrung werden. Der Friede ist nicht irgendwo. Nicht irgendwann. Er ist jetzt da. Und er ist so groß.
Er ist in uns.
Wir sind in ihm.
Immer.
In diesem Augenblick, in diesem Augenblick, in diesem Augenblick...


Nicht suchen.
S e i n.

Und dann aubrechen und WERDEN...

Das Bodhisattva Gelübde

"Wenn man nachts träumt, dass Tausende von Menschen verhungern, dann gibt es zwei Möglichkeiten, wie man ihren Hunger beenden kann.

Ein Weg ist, ihnen allen - im Traum - Nahrung zu geben.

Der zweite Weg ist aufzuwachen und das beendet ihr Leiden sofort. Und beides ist richtig und wahr. Und mit beidem zu spielen ist so außerordentlich.

Es gibt zwei große Archetypen der erwachten Seele auf diesem Planeten, und sie beide sprechen sehr deutlich zu uns, und ich möchte nicht sagen, dass einer zum Osten und der andere zum Westen gehört, sie gehören zu beidem.

Der eine ist - klassisch - der erwachte Buddha, der im Frieden ist und einen Weg gefunden hat, das Rad des Leidens zu verlassen.

Der andere ist Christus, der die Verbindung und Überschneidung zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen erkannt hat und unter dieser Erkenntnis gewaltig leidet. Die Wahrheit dieser Verbindung und Überschneidung ist die Leidenschaft, das Leiden am Kreuz. Man leidet leidenschaftlich bei allem Leid, das erscheint, es reißt einen in Stücke.

Das Bodhisattva Gelübde besteht nun darin, sich diesem Leiden zu stellen, ohne sich jemals von ihm zu wenden.

Und wieder:
Es schmerzt mehr und es kümmert einen weniger - die große Vollkommenheit, die darin liegt - und beides ist wahr.

Es ist außerordentlich wichtig, beides zu würdigen. "
Ken Wilber

Freitag, 4. Januar 2008

Missionarische Ego-Shooter

Steiner sprach wenig über seine persönlichen Gefühle. Er sprach überhaupt wenig über persönliches. Bis vor kurzer Zeit fand ich das doof. Ich war der Ansicht, dass es im Grund immer um persönliches gehe. und ich war der Ansicht, dass Anthroposophie durch überpersönliches blutleer und stinkelangweilig würde.
Mein Buch mit dem Titel „Missionen. Geist bewegt - alles“, ist so angelegt, dass es nicht nur menschlich, sondern für manche allzu menschlich geschrieben ist. Zunächst geht es um die Missionen des Egos – aber nicht weil ich das wollte, ich konnte nicht anders. In meinem Buch beginne ich sehr persönlich und über lange Strecken kann man es so lesen, dass sich dort ein Narzisst austobt. Das darf jeder so lesen – auch weil es stimmt.


Aber dann ändert sich etwas im Ton und im Stil und im Inhalt des Buches und diese Veränderung ist kein Trick, kein didaktisches Manöver, sondern eine authentische Erfahrung. Ich höre auf mich wichtig zu nehmen und fange an, mich ernst zu nehmen.

Der Unterschied ist gewaltig und ich habe gegenüber vielen Anthroposophen einen wirklichen Vorteil: Ich habe die Phase, in der ich mich wichtig nahm, mich aufspielte und narzisstisch erhöhte, ja einen Messiaskomplex unterlag, diese Phase habe ich öffentlich durchlebt und nicht nur für meine zukünftigen Leserinnen und Leser vorgespielt.

Denn wer meint, er könne diese Phase der intensiven Auseinandersetzung, ja auch der Selbstbespiegelung bis zum Exzess, überspringen, umgehen oder verdrängen, der hat nichts, aber auch gar nichts von Evolution und schon gar nichts von Anthroposophie verstanden.
Wer meint, man könne das allzu Menschliche umgehen und direkt zum allgemeinen Menschlichen wechseln, der wird über seinen eigenen Schatten stolpern und sich am Ende das Genick brechen.

Das zu sagen ist natürlich wieder ein absolutes Unding. Jemand sagt, dass er sich früher wichtig nahm und heute erkennt, dass er sich ernst nimmt (und auch irgendwie vorgibt, bedeutsam zu sein), ist ziemlich unmöglich und in der Postmoderne kaum zu ertragen.
Es klingt verdächtig nach: „Ja früüüher hatte ich einen Messiaskomplex, heute weiss ich, dass ich der Messias bin“.
Das ist natürlich im höchsten Maße problematisch.

Aber im Grunde geht es genau darum.
Es ist der Klassiker, der in der christlichen Mythologie „Nicht ich, sondern Christus in mir“ heisst.
In dem Moment, wo ich erfahren hatte, was dieser Satz jenseits aller religiösen Formeln bedeutet, verstand ich, warum Rudolf Steiner nicht viel über persönliches sprach – ich konnte wirklich nachfühlen, was ich ihm bis dato nie geglaubt hatte und was er so beschreibt:

„Geht man ganz ehrlich mit sich zu Rate, so wird man zuletzt doch finden, dass eigentlich das Alleruninteressanteste von der ganzen Welt dasjenige ist, was man selber über sich im Kreise des engsten Ich denken und empfinden kann.“

Um es einfach zu sagen: Ich fand mich und alles was ich zu mir „im Kreise des engsten Ich denken und empfinden kann“ nun und nach dieser massiven Ego-Phase, als stinkelangweilig.

Dasjenige, was ich jahrelang für mein Ich, für meine Persönlichkeit und für meine Individualität gehalten hatte, waren nichts als Muster, Prägunggen, Mechanismen, Fixierungen und Verhaftungen der Ego-Struktur.

Ich war null Ich und 100 Prozent Ego.
Das hat sich nun geändert.

Wie diese Veränderung vor sich ging, das werde ich hier nicht erzählen. Aber ich habe es ausführlich in meinem Buch geschrieben.
Abgesehen davon, dass es ein verkaufsfördernder Trick ist (der niemals funktionieren würde, wenn Sie dächten es wäre einer. Sie können also garantiert nicht darauf hereinfallen – und das wissen Sie auch) , abgesehen also davon, brauchte ich Raum für diese Geschichte.

Ich musste mir selber einen Raum schaffen. In diesen Raum lade ich sie dann demnächst für 14.50 Euro ein. Es ist wichtig dieses Eintrittspreis zu zahlen – es ist die erste kleine SchutzGebühr, die mich (und das was über mich hinaus noch viel wichtiger ist) schützen soll. Die Perlen vor den Säuen. Und es gibt Säue.

Jedenfalls fand ich im Laufe des Schreibens nichts an mir, was im wirklichen Sinne Individualität ist.
Das war der Moment, in dem mein Ego anfing zu sterben.
Ich spreche nicht vom Tod. Aber von der Gewissheit, dass ein Sterbeprozess begann, der unumkehrbar und massiv war. In der Anthroposophie spricht man vom Schritt über die Schwelle.

Im Vorhof hinter der Schwelle, treffen sich die spirituellen Ego Shooter und sprechen über ihre erlegte Beute – und wenn stolz in ihren Augen aufblitzt, dann zücken die anderen Ego-Shooter ihre Waffen und schießen einen zurück über die Schwelle.
Spirituelle Ego-Schooter dürfen das untereinander. Sie haben sich dazu verpflichtet.

Mein altes Ich (was ja immer noch mit meinem heutiges Ich in Beziehung steht und ganz lebendig ist, denn Untote und Gewohnheiten sterben langsam) war mir nun todlangweilig geworden.

„Über dieses engste Ich empfinden und denken allerdings viele Menschen in der Gegenwart sehr viel. Daher ist ihr Leben so langweilig, daher sind sie so unbefriedigt vom Leben. Wir werden niemals interessant, wenn wir uns in diesem Punkt nur immer so herumdrehen.“ (RS)

Alles was mich an mir langweilte, das war das Tote an mir. Dadurch konnte etwas anderes, etwas wirklich lebendiges und unsterbliches, wach werden und sucht sich nun durch mich seinen spezifischen Ausdruck.
(Es ist sehr amüsant, wie manche einen solchen Satz auffassen: „Das hat absolut nichts mit mir zu tun - aber es kommt eben absolut auf mich an.“ Manche fassen ihn nämlich gar nicht auf. Manche zumindest intellektuell und andere verstehen ihn sofort und in aller Klarheit).


Wir sind es nicht gewohnt, solche Dinge zu lesen, wenn es Menschen schreiben, die mit uns leben. Solche Dinge lesen wir über Menschen die in alten Zeiten lebten oder ganz weit weg wohnen.
Solche Geschichten überschatten wir gerne mit unseren eigenen Projektionen und reagieren mit postmodernen Zynismus.
Aber ich denke, das sollten wir uns abgewöhnen.


Ich gehe in Kneipen und in Discos, ich blogge, habe moderne Freunde und ein amüsantes und volles Lebe und ich bin nicht bescheuert.
Mir ist vieles, was man an klugen, kritischen und satirischen Einwänden vorbringen könnte, klar. Mir ist klar, was man zu dem sagen könnte, was ich schreibe. Ich weiss wie ich klinge, aber um ehrlich zu sein: Ich habe keine Lust mehr auf ein Leben, was allzu sehr darauf Rücksicht nimmt, was Menschen meinen, die in Wirklichkeit keine Ahnung haben.
Es geht um mehr als um Rücksichtnahme auf irgendwelche Gefühle - meine und Ihre.

Anthroposophen geht es um viel, viel mehr.
Anthroposophen sind doch Menschen, die davon ausgehen, dass das Himmelreich auf Erden nicht mit religiösem Tam-Tam und einem großen erleuchteten Heilsbringer kommt, sondern sukzessive und als bisweilen brutaler und evolutionärer Prozess – in jedem von uns.
Auch in Ihnen. Aber auch in mir.


Wie wäre es, wenn Sie sich nicht länger fragen würden, ob ich ein missionarischer Spinner bin und sich statt dessen selber zum missionarischen Ego-Shooter würden und sich ernsthaft selber fragen:


„Was ist mein EGO und was ist meine MISSION?“

Dienstag, 1. Januar 2008

Quintessenz

Die geistige Quintessenz des vergangenen Jahres fällt erleichtert und ernüchtert so aus:

Das Individuum ist eine Illusion.
Die Desillusionierung dieser Illusion führt zur Individualisierung des EINEN.
Somit nimmt das EINE, eine einzigartige Form an -
So forme ich das SEIN, durch mein So-Sein.
Das hat absolut nichts mit mir zu tun - aber es kommt eben absolut auf mich an.

Seid gegrüßt und umarmt. In Dankbarkeit.
Sebastian Gronbach


Im nächsten Jahr begrüßen wir die zarten Anfänge des WIR.
RUDOLF STEINER zum nächsten Jahr:

"'Wo zwei oder drei in meinem Namen vereinigt sind, da bin ich mitten unter ihnen.'
Es ist nicht der eine und der andere und der Dritte, sondern etwas ganz Neues, was durch die Vereinigung entsteht. ...

So sind die menschlichen Vereinigungen die geheimnisvollen Stätten, in welche sich höhere geistige Wesenheiten herniedersenken, um durch die einzelnen Menschen zu wirken, wie die Seele durch die Glieder des Körpers wirkt. ... und ich wiederhole noch einmal, es ist das nicht bloß bildlich gesprochen, sondern als volle Wirklichkeit zu nehmen.

Zauberer sind die Menschen, die in der Bruderschaft zusammen wirken, weil sie höhere Wesen in ihren Kreis ziehen. ... Höhere Wesen manifestieren sich da.

Geben wir uns in der Bruderschaft auf, so ist dieses Aufgeben, dieses Aufgehen in der Gesamtheit eine Stählung, eine Kräftigung unserer Organe. ...

Das ist das Geheimnis des Fortschritts der zukünftigen Menschheit, aus Gemeinschaften heraus zu wirken."

(Rudolf Steiner, 23.11.1905, Berlin)