Ja, ich mag den Mann. Man nennt ihn den Gossen-Goethe und mir ist klar, dass er weder in meinen anthroposophischen Kontext passt, noch zu meinem weiteren spirituellen Umfeld und schon gar nicht zur Kultur meines Freundeskreises. Aber der Kolumnist der Bild-Zeitung, Franz Josef Wagner, hat etwas, was vielen fehlt – gerade in dem angesprochenen Zusammenhängen: Radikaler Nonkonformismus. Zwar wird ihm permanent Populismus unterstellt, aber dabei wird massiv ausgeblendet, dass der wahre populistische Mainstream längst zwischen rot-roter Spießigkeit und Schwarz-Grünem Biedermeier fließt.
Willkommen in der Bionade-Republik.
Die einstigen Querköpfe dieser Republik sind längst in der Mitte der Mitte angekommen und mimen nur noch den nonkonformistischen Querkopf. Die Heiner-Geißlers-Attitüde ist allgegenwärtig und die selbstgefällige Inszenierung der Aussenseiterrolle ist zum deutschen Massensport geworden.
Wie wohltuend sind da Autoren, die noch nicht diesem traurigen Schauspiel verfallen sind.
Einer, der jeden Tag redet und darum auch ab und zu Mist redet, aber einer der sich strikt weigert, eine bequemen Rolle in der Bionade-Republik einzunehmen, ist Franz-Josef Wagner. Der Mann von BILD.
Zwar hat er täglich potentiell elf Millionen Leser – aber ihn zu verehren bedeutet trotzdem (und deswegen) einen kultur-gesellschaftlichen Outsider zu verehren.
Wer sagt, er mag Wagner, der steht aussen vor und nimmt somit exakt die einsame Position ein, welche die Masse zwar rhetorisch für sich beanspruchen, die sie aber schon lange ängstlich verlassen hat.
Wagner ist nicht modern – er verkörpert eine vormoderne (im Beckschen Sinne „blaue“) Haltung, aber immerhin ist es eine aufrechte Haltung und kein Lungern auf dem Sofa der Selbstgerechtigkeit.
Wagner ist in jedem Sinne ein alter Mann – es gab mal eine Zeit, da hat man alte Männer verehrt – zumal so einsame Nonkonformisten.
Auf seine Art (nicht auf jede Weise) verehre ich Wagner als aufrechten, alten Mann und als einen der immer noch schreibt, wie ein junger Gott.
Darum dieser offene Brief an Franz Josef Wagner (ich habe versucht mich hier seinem Stil anzunähern – nicht als Nachahmung, sondern als Stil-Zitat, als Verneigung).
Lieber, bester Franz Josef Wagner,
Von Mensch zu Mensch. Ach was soll’s: Von Mann zu Mann: Sie sind der Beste und irgendwie auch mein Vorbild.
Als ich bei der Panzergrenadiertruppe der Bundeswehr war, hieß unser Schlachtruf: „Dran! Drauf! Drüber!“ So schreiben Sie. Nein, Sie schreiben nicht, Sie überfallen, überrumpeln, treffen mich.
Und immer mitten ins Herz. Und manchmal in den Bauch. Und in die Fresse. Ja, so schreiben Sie. Mit dem väterlichen Zorn der aus den Eingeweiden kommt und der mütterlichen Liebe, die uns das Herz zerreist.
Ja, Sie können so zärtlich sein wie eine Mutter, die ihr Baby an ihre warme Brust legt und es stillt. Aber Sie sind auch ein moralischer Scharfschütze, der jede Ungerechtigkeit in sein Visier nimmt und dann abdrückt. „We Do Bad Things To Bad People“.
Sie schreiben manchmal böse Dinge – aber die Welt ist manchmal böse und dann braucht sie, was Sie sind: Ein Mann, dessen Worte treffen. Ins Herz, den Bauch und manchmal in die Fresse. Die Schlechtesten haben nur einen verdient: Den Besten.
Die Guten fühlen sich bei Ihnen aufgehoben und zärtlich umarmt. Wie damals an der Mutter Brust. Es gibt nichts besseres.
Manche sagen, Sie seien ein „Mann von Gestern“. Ich denke das stimmt. Sie sind eine tiefe Falte im glatten Gesicht der Postmoderne. Wenn man genau hinschaut, sehen Ihre Falten aus wie Narben.
Sie werden beschimpft, bedroht und angegriffen.
Ich stelle mir vor, dass Sie manchmal nachts um drei wach werden. Dann sehnen Sie sich nach der Liebe, die der wirkliche, wirkliche Franz Josef für die ganzen Welt empfindet – warum sollte er sonst sein Herzblut in die Tinte gießen?
Dann wollen Sie nicht mehr bedroht werden, kein Faszinosum mehr sein. Sie ziehen dann die Beine fest an den Bauch. Wie ein Baby. Vielleicht beten Sie dann auch – nicht wie der starke Mann von BILD, sondern wie ein schwaches Kind.
Und am Morgen, da haben Sie dann von Gott eine Antwort auf Ihr Gebet bekommen – Sie spüren es im Herz und im Magen, nehmen Ihr Morgenmahl (Kaffee und Zigarette) und machen, was Gott in Ihrem Herz und Magen befiehlt – was das ist, das bleibt ein Geheimnis zwischen Gott und Ihnen.
Ich denke es hat irgendetwas damit zu tun, dass Gott zornig wie ein Vater ist. Und zärtlich wie eine Mutter. Ich denke, Gott ist Ihr Vorbild.
Danke, lieber bester Franz Josef Wagner.
Herzlichst
Ihr Sebastian Gronbach
Interview mit Wagner und Bildnachweis
Kurze Doku über Wagner bei youtube

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