Nach den höchst glücklichen Tagen in Leipzig und dem großen Erfolg auf der Buchmesse, habe ich die vergangenen Kar-, und Ostertage dazu genutzt, intensiv über seelischen Schmerz und emotionales Leid nachzudenken. Gerade im anthroposophischen Kontext, haben Schmerzen und Leiden einen spirituellen Wert und sind nicht nur lästiges Übel – vor allem viele, die sich dem Christentum verbunden fühlen, suchen und sehen Sinn im Leid. Vieles ist darüber gesagt worden, inwiefern das Leiden etwas ist, was nicht nur negative, sondern auch positive Aspekte hat – das will ich gar nicht antasten, aber über eine andere Perspektive möchte ich etwas schreiben – etwas, was vielleicht manchem nicht gefallen mag.
Von einem psychologisch-biografischen Gesichtspunkt aus gesehen, haben Leiden und Schmerzen tatsächlich einen Sinn. Man ist auf sich zurückgeworfen und gezwungen selbst bei äusseren Krankheiten auch über die seelisch-psychosomatischen Aspekte nachzuforschen. Mit Sicherheit hat man einen Seite der Schattenarbeit vernachlässigt.
Die Konzentration des spirituell Interessierten richtet sich bewusst auf seine eigenen Sorgen und Nöte und darauf, diese nicht nur zu eliminieren, sondern sie ernst zu nehmen und zu transzendieren. Ich bin absolut einverstanden mit einer solchen Sichtweise, denn sie nimmt den Menschen ganzheitlich wahr und ernst.
Nicht Verdrängung führt weiter, sondern nur bewusstes Verarbeiten – dieses Kapitel haben wir gelernt und es ist wichtig, dass wir unsere großen und kleinen, inneren und äusseren Wunden ernst nehmen. Nicht wegdrücken, sondern ausdrücken, lautet die richtige Devise. Verdrängung macht krank, Bewusstwerdung heilt. So weit. So gut.
Wir wollen gesünder werden – sogar ganzheitlich gesund. Das ist ok.
Aber nun die Frage des Tages: Wozu? Wozu dient es? Wem dient Schattenarbeit? Wem dient die eigene seelische und physische Gesundheit? Wem oder was dient es, wenn ich mich wohl und besser fühle?
Wem diene ich?
Bei dieser Frage wurde mir schlagartig klar, dass Leid und Schmerz nicht nur für den betroffenen Menschen, sondern für den ganzen Kosmos zu einem Drama werden können – und zwar genau dann, wenn der betroffene Mensch seinen Schmerz und sein Leid für etwas besonderes und einzigartiges hält; etwas, was ihn unterscheidet von anderen Menschen.
Leid und Schmerz beinhalten immer auch eine illusionäre Dimension und diese Dimension hat damit zu tun, dass wir uns im Leid isoliert und einzigartig fühlen – und genau das ist eine gefährliche Illusion.
Um es volkstümlich auszudrücken: Jeder muss sein Kreuz tragen. Kreuze zu tragen, wie immer sie auch aussehen (und sie sehen im konkreten Fall immer blutig, leidvoll und unermesslich grausam aus), ist absolut nichts besonderes und nichts, was uns von unseren Mitmenschen trennt. Leiden ist der Normalfall und niemand hat das natürliche Recht auf Leidfreiheit – warum auch?
Leid ist völlig gewöhnlich und es gibt keinerlei Grund anzunehmen, dass es eine Zeit gab oder geben wird, wo Menschen ohne Leid waren oder sein werden – im historischen Vergleich müssten wir (den äusseren Faktoren nach) – zu den glücklichsten Menschen aller Zeiten zählen. Viel besser kann es uns (zumindest hier im Westen) nicht mehr gehen – das Leid der Seele lässt trotzdem niemals nach...
Wir leiden alle.
Immer.
Egal wie individuell dramatisch eine Opfergeschichte auch sein mag – sie ist auch einfach nur eine ganz normale Opfergeschichte, wie sie jeden Tag unendlich oft erzählt werden kann.
Wenn wir als Opfer leiden, dann haben wir oft das Gefühl, dass uns das Leid und der Opferstatus zu etwas besonderem machen – aber gerade das ist nicht der Fall.
Immer dann, wenn wir körperlich oder seelisch leiden, sind wir nicht mehr individuell, nicht mehr einzigartig und nicht mehr herausgehoben. Wir sind dann zurückgeworfen in das allgemein Menschliche.
Nicht nur „meine Triebe, Instinkte, Leidenschaften“, sondern auch jeglicher Schmerz, "begründen nichts weiter in mir, als dass ich zur allgemeinen Gattung Mensch gehöre“ (Rudolf Steiner).
Wenn in früheren Zeiten die Kranken und Leidenden zum Isenheimer Altar gebracht wurden und vor dem Bild des Gekreuzigten aufgebahrt wurden, dann sicherlich nicht um sich ihres individuellen Leides bewusst zu werden.
Sie sollten sehen, dass Leid und Schmerz zum Menschsein dazugehören und uns persönlicher Schmerz nicht von anderen Personen trennt, sondern uns mit allen anderen Lebewesen auf einer sehr grundlegenden Ebene vereint.
Über dieser grundlegenden Ebene gibt es jedoch die bedeutsame Ebene – diese Ebene bleibt uns aber auf immer verschlossen, wenn wir nicht dazu bereit sind, einem überpersönlichen Ziel zu dienen.
Oft und zu oft erlebe ich es, dass seelische Krisen zu einer Perpetuum Mobile-Ausrede werden: „Wie soll ich dem Überpersönlichen dienen, wenn ich persönlich leide?“
Es hat sich, nicht nur im esoterischen Kontext, eine Leid-Pflege-Industrie etabliert, die dem Ego dient, damit das Ego weiter sich selber dienen kann.
Man nimmt sich ernst und wichtig – und das war´s dann auch.
Rudolf Steiner hat mich gelehrt, diese Haltung (die ich selber lange Zeit hatte und pflegte) unnachgiebig zu betrachten: „Dieses fortwährende nur in seiner eigenen Seele leben und spinnen, dieses fortwährende in der eigenen Seele spintisieren, muss überwunden werden.“
Und an anderer Stelle:
„Geht man ganz ehrlich mit sich zu Rate, so wird man zuletzt doch finden, dass eigentlich das Allertuninteressanteste von der ganzen Welt dasjenige ist, was man selber über sich im Kreise des engsten Ich denken und empfinden kann. Über dieses engste Ich empfinden und denken allerdings viele Menschen in der Gegenwart sehr viel. Daher ist das Leben so langweilig, daher sind sie so unbefriedigt im Leben“
Andrew Cohen, Lehrer der evolutionären Erleuchtung, kommt zum gleichen Schluss:
„Der spirituelle Weg dreht sich für zu viele von uns lediglich um das Drama des getrennten Selbst, unsere persönlichen Hoffnungen und Ängste, Höhen und Tiefen, Erfolge und Fehlschläge. Das ist auch verständlich; früher oder später müssen wir jedoch erkennen, dass es darum einfach nicht geht. In einem evolutionären Kontext ist die persönliche Dimension unserer eigenen Erfahrung nur ein sehr kleiner Teil eines viel größeren Bildes.“
Was ist das größere Bild und was das kleinere Bild?
Fragen Sie eine Mutter, die nach einer Ewigkeit von entsetzlichen Wehen ein Kind geboren hat. Der bestialische Schmerz, das ist das kleine Bild – das kleine Baby, das ist das große Bild.
Fragen Sie einen Soldaten, der im Krieg war und selbst unter unfassbaren Entbergungen für die Freiheit gekämpft hat. Der unmenschliche Kampf und die Aufgabe der persönlichen Freiheit, das ist das kleine Bild – die übermenschlichen Ideale und die Freiheit von Vielen, das ist das große Bild.
Fragen Sie die libanesische Starjournalistin May Chidiac, die ihre radikale Offenheit mit einem furchtbaren Anschlag bezahlen musste. Das kleine Bild sind die Arme und Beine die sie verloren hat, denn diese bezeichnet sie als „Preis für meine Offenheit“.
Ihr Weigerung zu Schweigen und ihr Eintreten für ihre Ideale, das ist große Bild.
Fragen Sie Rudolf Steiner, der bis zum schmerzhaften Tod Anregungen gab, Menschen inspirierte und in ausnehmender Höflichkeit und bis zum letzten Moment für das Projekt Anthroposophie brannte. Sein Tod ist das kleine Bild, sein Werk das große Bild.
Fragen Sie die zahllosen einfachen Menschen in vielen Firmen und Betrieben, die trotz allem immer wieder aufstehen und ihre solide Arbeit machen. Ihre Müdigkeit ist für sie das kleine Bild, die Firma ist für sie das große Bild.
Manchmal lächeln wir über so eine Treue zu einer Firma, aber fragen Sie sich, die Sie sich für die wirklich großen Dinge interessieren, die Sie über Gott nachdenken und über Bewusstsein, die Sie über so viel Privilegien verfügen, fragen Sie sich: Leben ich für das kleine Bild, oder lebe ich für das große Bild?
Weil das große Bild aus unseren kleinen Mosaikbildern besteht, ist es absolut wichtig, dass wir unser kleines Bild rein und klar halten, dass wir nicht nach dem Höherem streben, weil wir Angst vor dem Niedern haben.
Es ist entscheidend, dass wir uns nicht aus Frust über unsere Unvollkommenheit, zum Vollkommenen wenden.
Wir dürfen den Seelenmüll nicht unter der Decke halten, sonst explodiert dieser illegale Müllkippe – das alles muss in der Schattenarbeit geklärt werden. Keine Frage. Aber Müll ist eben auch nur Müll und es gibt keinen Grund diesem Müll mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als dessen Entsorgung benötigt.
Aber Schattenarbeiter und Lichtkrieger, spirituelle Sinnsucher und beseelte Geistforscher, sollten sich immer wieder und immer wieder Fragen:
Wozu dient mein Kampf? Wem dient Schattenarbeit? Für wen bin ich ein Lichtkrieger? Wem dient die eigene seelische und physische Gesundheit? Wozu will ich gesund sein?
Wem diene ich?
Dem kleinen, oder dem großen Bild?
Es ist nicht nötig, sich auf die Suche nach dem Sinn der Leiden zu machen. Leiden haben nur den Sinn, dass man erkennt, dass sie keinen Sinn haben. Wer dem großen Bild dient, für den verlieren Leiden und Schmerzen an Bedeutung. Er betrachtet sie, er ist sich ihnen bewusst, er behandelt sie, aber er dient ihnen nicht. Er betrachtet sie wie ein Soldat seine Schusswunde betrachtet: „Glatter Durchschuss – muss man mal beim Sani reinigen lassen. Keine Lebensgefahr. Vorwärts marsch!“
Leid ist einfach nur Leid. Nichts besonders. Zwar von großem Schmerz, aber nichts von großer Bedeutung. Persönliche Krisen, Ängste, Unsicherheiten und aller Kummer dieser Welt, sind höchstens Begleiterscheinungen.
Sie gehören vielleicht zu Geburtswehen, die sich von uns lösen. Jede Schmerzwelle die geht, ist für immer fort. Die eine Schmerzwellen die uns gerade verlässt, kommt nie wieder – lassen wir den persönlichen Schmerz zu und lassen wir ihn gehen. Nicht runterschlucken, nicht verdrängen, nicht festhalten, sondern bewusst ausatmen.
Atmen wir ihn aus – es ist eine Schwäche, die uns verlässt – atmen wir sie einfach und bewusst aus. Aber hören wir auf, sie aufzublasen.
Denn es geht bei Geburten nicht darum, unsere persönliche Wehenkrise zu analysieren – es geht darum, neues Leben zur Welt zu bringen.
Wir dienen dem neuen LEBEN – dieses LEBEN ist größer als wir und gleichzeitig sind wir der einzige Garant für dieses neue LEBEN.
Darum können es uns nicht erlauben, im persönlichen Schmerz stecken zu bleiben, wir müssen ruhig ausatmen und am Ende feste pressen, denn „immer wenn wir uns erlauben in einer persönlichen Krise stecken zu bleiben, wird Gott der wahre Verlierer sein und nicht wir.“ (Andrew Cohen)
(Immer noch bitte ich freundlich um Geduld, bis ich persönlich auf alle Mails uns Briefe genatwortet habe. danke)

4 Kommentare:
Wie kann ich dienen, wenn ich nicht weiß was "ich" ist? WIe kann ich ein Lichtkrieger werden, wenn ich jenes Gefühl des Ich-bin-ich nicht kenne, weil mir von anthro Eltern immer eingebleut ist dass ich nicht wichtig bin, egoismus verboten ist? Wenn meine Seele durch allerlei ihren Zugang zum Ich verloren hat....? "wer sich selbst nicht lieb hat, kann Gott nicht lieben..."H. Hesse, was dann? Also mus Mann doch vorsichtig sein, mit der Relativierung und dem Aufruf weg von dem eigene Leid zu kommen, erst wenn ich etwas habe, kann ich auch etwas geben; Selbstlosigkeit kann auch zum Fluch werden, denn mir wurde es gepredigt und nun bin ich es los...dieses selbst....und glauben Sie mir, das wünsche ich keinem...!!!!
Liebe Jeanned'Arc,
sie haben völlig Recht mit dem was Sie schreiben.
Ich erlaube mir hier mal einen harten Satz, der mir nach ihrer Beschreibung Ihrer Kindheit spontan eingefallen ist:
Sie hatten keine Anthro-Eltern, sondern Vollidioten.
Jetzt aber, schreiben Sie mir doch und Sie, die Sie mir schreiben, sind doch "etwas".
So klein sie es auch empfinden, - dieses "etwas" kann sich entschließen zu wachsen und ich würde das kleine "etwas" in diesem Zusammenhang fragen: "Für was willst Du wachsen"?
Ich bin davon überzeugt, dass uns der gesunde, dienende Blick zur hohen Sonnen nicht kleiner macht, sondern uns nach oben zieht.
Zu dem, was wir immer schon sind.
Denn in der wirklichen Wirklichkeit, sind wir selber immer das große Bild und unser Entschluss zur Selbstlosigkeit ist ein Entschluss dazu, Diener unserer eigenen Größe zu sein, die alles umfasst.
Vielleicht ist der kraftvolle Namen, den Sie sich da ausgesucht haben, ja ein Hinweis.
Vielleicht wäre es eine großartige Sache, wenn Sie in Ihren Namen hineinwachsen wachsen würden.
Wenn Sie dann Jeanned'Arc sind, werden Sie vielleicht erkennen, dass Jeanned'Arc im Vergleich dazu, was SIE wirklich und bereits jetzt sind, nur das kleine Bild war.
Ganz Herzlich
Sebastian Gronbach
Lieber Sebastian Gronbach, herzlichen Dank für die lieben Worte!
Ich bin auf Sie gestoßen durch ein Interview im aTempo und dort las ich auch, dass Sie so alt sind wie ich, aber Sie kamen mir soooo groß vor und ich dachte nur, wow,ist der mutig, der traut sich was und dabei ist er doch nur so alt wie ich...ich fühlte mich so klein...aber ganz tief innen regte sich in mir die Lust daran, mich mit Ihnen auseinanderzusetzten, kennenzulernen wie es geht, dieser Dialog! Ja Jeanned'Arc war schon immer eine Vorbild, schon in meiner Jugend, so mutig sie war...aber so wie es sich für mich anfühlt, unereichbar....
Sie fragten, wofür...ja wofür lohnt es sich? Bislang habe ich solche Fragen immer damit beantwortet "für meine Kinder" aber nun stellt sich mir die Frage, ist denen damit geholfen? Immerhin wurde Jeanne auf dem Scheiterhaufen verbrannt!
Herzlichen Gruß,Jeanne
Ich übe mich darin, das Leid, das ich erlebe, wenn ich es eben schaffe, einfach auszuhalten, mich nicht dagegen zu wehren, es zu verdrängen, sondern es sein zu lassen. Dadurch öffnen sich neue Möglichkeiten. Es verlangt mir Geduld und Vertrauen ab, beides habe ich oft nicht, diesen Weg zu gehen,aber es fühlt sich lebendiger, mehr ich selber an, als das was ich vorher gelebt habe. Ich bin gespannt, wohin mich der Weg führt, im Augenblick weg von allem Gewohnten...DAs verunsichert, aber ein Zurück gibt es auch nicht mehr. Aber das ist Leben im Gegensatz zu Gewohnheiten.
Bin gerne auf dieser Seite, danke an Sebastian für den Mut,das Bemühen so unverstellt zu sein hier und anderswo, wo ich das schon lange beobachte. Lycksele
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