"Ich ärgere mich immer, wenn ich morgens auf Ihren Blog gehe und da gibt es nichts neues!" Das sagte in diesen Tagen ein junger Mann zu mir, der mich wirklich erstaunt hat. Nicht wegen dieses Satzes, sondern wegen seiner höflichen Aufmerksamkeit. Höflichen Aufmerksamkeit ist kein besonders großes Wort, aber ich meine es groß und tief und weit. Eine große und tiefe und weite höfliche Aufmerksamkeit. In seinen Augen scheint ein Scanner eingebaut zu sein. Bei allem höflichen Respekt vor dem Leben, scannt das Leben nach LEBEN ab. In den letzten Tagen, das ist auch der Grund für meine "Blogckade", traf ich mich mit dem Leben in der anthropsophischen Szene. Ich war viel unterwegs und würde Ihnen, meinen Lesern, gerne ein paat Takte davon erzählen. Eines sage ich Ihnen sofort: Anthroposophie erscheint mir als eine fantastische Möglichkeit seine persönlichen Potentiale immer mehr zu erweitern und zu vertiefen – dies alles, um damit gleichzeitig das über-persönlichen Leistungsvermögen der Menscheit auszubauen. Anthroposophie hat bewiesen, dass sie dem Leben dient. Durch Anthroposophie wurde das Leben menschlicher – ich bin sicher, dass diese Leistung in der nächsten Zeit gewürdigt wird. Von unten stützen, kann man das alles heute schon. Das Leben und die Menschen, da hat Anthroposophie Maßstäbe gesetzt. Aber was ist mit dem LEBEN?
Ich war also viel unterwegs. In intensiven Sitzungen mit Kollegen im Arbeitszentrum der AnthroposophischenGesellschaft in NRW/Bochum, mit Gästen beim FreiTalk, mit einem Priester der Christengemeinschaft und immer wieder mit meinen Kollegen von der Firma für Anthroposophie.
Am Anfang der Woche hatte ich ein langes Gespräch mit dem ärztlichen Direktor der Geschäftsführung des Gemeinschaftskrankenhauses in Herdecke. Ein Vorbild an unermüdlichen Engagement und dem Willen immer besser das erfüllen zu können, was seine Mission ist: Für den Patienten da zu sein. Den desktruktiven Schicksalsschlag von einem Menschen abzuwehren und diesen in eine lebendig werdende Bewegung zu verwandeln, die in ein neues Leben führt. Herdecke hat sich verpflichtet alles zur Gesundung seiner Patienten zu tun – aber es hat einen Selbstanspruch der darüber hinaus geht. Herdecke will heilsam sein. Es wird Zeit, dass der anthroposophischen Medizin ein Denkmal gebaut wird.
Bei einem Treffen mit den Öffentlichkeitsarbeitern der anthroposophischen Unternehmen und Organisationen, sprachen wir auch über die Rassismus Debatte. Es waren alle gekommen: Vom Bund der Waldorfschulen, über Demeter und GLS Bank und viele andere, bis zu Weleda.
Ich freue mich darüber, dass meine Stellungnahme, die vor bald zwei Jahren verfasste und die damals für heftige Gegenreaktionen aus Teilen der anthroposophischen Szene geführt hat, nun Allgemeingut zu werden scheint.
Anschließend gab es ein Meeting mit den Redakteuren der verschiedensten anthroposphsichen Zeitschriften von a tempo, über Erziehungskunst, Die Drei, Das Goetheanum und info3, bis zu Lebendige Erde und. Neben vielem was uns eint und manchem was uns trennte, steht unbestritten fest: Die Ideen Steiners sind an unglaublich vielen Orten Wirklichkeit geworden. Dieser spirituelle Humanismus hat das konkrete Leben von konkreten Menschen besser gemacht. Diese Menschen, das ist unser eindeutiger Eindruck, wissen zu unterscheiden: Zwischen berechtigter Kritik an Anthroposophie und haltlosen Diffarmierungen.
Das alles hat etwas mit dem Leben zu tun. Aber wenn ich es abscanne, dann frage ich mich: Was hat das mit dem LEBEN zu tun? Sind wir im LEBEN so gut wie im Leben. Ich denke nicht. Ein Beispiel:
Ich hatte neulich ein konzentriertes Gespräch über den "Hüter der Schwelle", den Steiner als eine "im Menschen steckende geistige Wesenheit" bezeichnet, "die man selber ist, die man aber so wenig durch das gewöhnliche Bewusstsein erkennen kann, wie das Auge sich selber sehen kann."
Der "Hüter" ist die letzte Instanz innerhalb Egos, welche mich daran verhindert, die Schwelle zur Geistigen Welt zu überschreiten, die Schwelle, die jenseits des Egos führt.
Im "Hüter an der Schwelle" sammeln sich alle egoischen Irrtümer des Menschen zu etwas, was man als einer wesenartige Essens erleben kann. Diese Essens besteht nicht aus diesen oder jenen Irrtümern, sie ist "der Irrtum".
Im großen HorrorMoment der Selbsterkenntnis, steht der Mensch vor diesem Irrtum, der er selber ist. Er betrachtet sich wie von aussen und erkennt alles das, womit er sich bisher identifiziert hat (am Ende selber seine Person mit diesem oder einem anderen Namen), als Irrtum. Das ist der Anfang vom Ende des Egos.
Für viele Anthroposophen scheint dieser "Hüter der Schwelle" eines von vielen weiteren realen Wesen zu sein, welches zusätzlich neben mir existiern.
Ich denke, dass solche Gedanken nur auf einer kräftigen purpur-roten Seele wachsen können, die zwar einen Herr-der-Ringe-Charme, aber ansonsten wenig mit moderener Anthroposophie zu tun hat. Es geht nicht darum, ob es übersinnliche Wesen gibt oder nicht, es geht ausschließlich darum wessen Ursprungs sie sind und wo sie leben.
Sie leben in uns - sie sind wir. Sie sind Imaginationen unserer seelischen Struktur.
Die Wahrheit von der wir hier reden, ist "niemals eine Abspiegelung von irgendeinem Realen, sondern ein freies Erzeugnis des Menschegeistes, das überhaupt nirgends existierte, wenn wir es nicht selbst hervorbrächten", so Steiner.
Der gesamte Inhalt der esoterischen Anthroposophie existiert nicht an sich und unabhängig von einem schöpferischen Bewusstsein. Er verdankt sich dem "freien Erbilden der geistigen Welten", wie Steiner es nennt.
Menschen sind Engelmacher - wir schaffen bewegliche Bilder von Zuständen in uns.
Die Kraft und Selbstverständlichkeit, mit der manche Anthroposophen über Wesenheiten als sprechen, hat mich als Kind zutiefst beeindruckt.
Ich war eben ein Kind.
Heute kann ich mich nicht entscheiden, ob es als bedauerliche Seelensenilität oder anerkennenswerte Imaginationen einer "alten Seele" bezeichnen soll.
Vielleicht ist es so: Sich tradierter Bilder und Beschreibungen zu bedienen und diese dann mit neuem Leben zu erfüllen ist immer dann eine Hilfe wenn diese in suchenden Menschen als Anreiz funktionieren, eigene Erfahrungen und Erkenntnisse zu machen.
Sobald diese lebendigen und vorläufigen Imaginationen zu fixierten und endgültigen Kopien einer viel größeren, eigenen Wirklichkeit werden, verhindern sie selbständige, Erfahrungen und Erkenntnisse.
Imaginationen und Mythen können ein Aufzug sein. Ob er nach oben oder unten führt, hängt von zwei Dingen ab. Davon, was man selber für einen Knopf drückt, aber auch davon, was die anderen, die schon im Aufzug standen als man eintrat, vorher gedrückt hatten.
Im Grunde gibt es nur zwei Knöpfe: "Prä" oder "Trans".
Ich drücke auf "Trans", aber ich frage mich, wie lange ich warten muss, bis ich mit meinen Freunden nach oben gefahren werde.
Vielleicht sollte ich einfach aussteigen und wieder die Treppe nehmen. Nichts leichter als das. Ich rase die Stufen hoch.
Da sitzt ein Mann.
Der junge Mann von höfflicher Aufmerksamkeit steht vor mir und fragt mich:
Wohin führt die Treppe ganz am Ende?
Direkt in das LEBEN.
In das Leben?
Nein. In das LEBEN.
Und der Unterschied ist?
Der Unterschied ist, dass im LEBEN das ganze Leben erscheint, aber im Leben nur ein Bruchteil des LEBENS verwirklicht ist.
Ist das, was Du das LEBEN nennst, dasjenige, was Steiner die geistige Welt nennt?
Nein. Im LEBEN gibt es keine geistige Welt. Im LEBEN findt man nur das LEBEN – das LEBEN hat kein Gegenüber.
Sondern?
Das LEBEN ist das Bewusstsein in dem das Leben erscheint. Steiner nennt es die "übergeistige Umwelt".
Sie ist die Leere, die Stille, das Nirwana. Diese Leere ist Fülle, die Stille ist Weltklang und Nirwana ist "höchste Gipfel des Bewusstseins und Seins", wie unser Freund Steiner sagt.
Es ist nicht Gott, es ist Über-Gott. Ohne Wesen, ohne Gedanken, Gefühle ohne einen Willen. Nur Sein. Mitten im endlosen Raum ohne Mitte und Aussen, lebt ein immerwährendes Ich-bin. Du kennst dieses Ich-Bin. Fühl, was Du jetzt fühlst. Fühl das Ich-Bin. Das ist es, was Du am Ende findest.
Sonst ist da nichts?
Ich sag Dir mal was noch NICHT drin ist: Keine Erlebnisse und Erinnerungen der Sinnes,- der elementarischen und der geistigen Welt. Es gibt nichts darin, was Du jemals gedacht, gefühlt, gewollt hast. Mit anderen Worten: Wenn Du ganz oben angekommen bist, dann ist nichts mehr da ausser einem: Du. Dein "wahres Ich". Das LEBEN. Die Quelle des Lebens. Du. Die Quelle, die Du immer bist. Auch jetzt und jetzt und jetzt.
Und was ist dann die geistige Welt von der Anthroposophen immer sprechen?
Das sind die Stufen in diesen Raum. Das Licht, das zur Erleuchtung führt. Wenn Du im LEBEN bist, bist Du ausserhalb aller Stufen. Alles was vorher war, erscheint Dir nun "als eine äussere Welt". Auch alles was geistige Welt war. Hier erlebst Du nichts anderes als ICH.
Die geistige Welt ist nur eine Stufe?
Ja.
Die ganze Anthroposophie ist an und für sich dann nichts als ein paar Stufen?
Naja. Wenn man nach oben will und wenn man nicht mit dem Aufzug fahren möchte, der vielleicht nach unten führt, können Stufen recht nützlich sein. Anthroposophie ist nichts was man suchen oder finden muss. Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, den man gehen kann.
Um in das LEBEN zu kommen? Da wo Leere ist? Ohne geistige Wesen? Ohne ein Gegenüber? Alles im Ich-bin? Das scheint mir nicht besonders attraktiv dort.
Stimmt. Darum bist Du ja auch hier. Darum hast Du die Welt erschaffen und das LEBEN zugunsten des Lebens aufgegeben. Man kann auch sagen, Du hast die Einheit durch Unterscheidung vernichtet. Anthroposophie gibt es, weil Steiner sich entschieden hat, aus dem LEBEN heraus für das Leben zu dienen. Der Fluss des LEBENS fließt durch Dich ins Leben - vorausgesetzt: Du bist das LEBEN.
Und warum soll ich jetzt wieder zurück?
Gegenfrage: Willst Du glücklich und frei sein? Ich meine so glücklich und frei wie Du überhaupt nur sein kannst?
Ja. Aber geht es nicht darum, anderen zu helfen?
Denkst Du, Du kannst anderen besser helfen, wenn Du unglücklich und unfrei bist?
Das nicht, aber Deine absolute Dimension des Glücks, des Eins-Sein, scheint mir doch eher wie eine Illusion. Meine anthroposophischen Freunde würde sagen, eine "luziferische Illusion".
Das Leben ist eine Illusion. Das LEBEN ist die einzige Wirklichkeit und wenn Du die kennst, dann kannst Du aus überquellendem Glück und aus Freiheit heraus tun was Dir beliebt. Oder Du lässt es. Das Leben gehört Dir, wenn Du das LEBEN kennst. LEBEN ist GLÜCK. Fließe in das Leben über. Sei fruchtbar für das Leben.
Ich bin frei und glücklich. Wie kommt das?
Weil Du verstehst welcher Sinn hinter allem ist.
Jetzt bin ich gespannt.
Der Sinn ist der, den Du gibst. Anthroposophie bereitet Deine Seele so vor, dass sie fähig ist, den Sinn zu finden und vor allem im Leben zu verwirklichen , den Du im LEBEN kennengelernt hast. Anthroposophie führt nicht nur in das LEBEN, sie stattet Dich mit Fähigkeiten aus, das LEBEN in das Leben zu bringen...Aber ohne das LEBEN ist sie zwar eine nette Bürgerbewegung, aber auch nicht mehr.
Das klingt mir etwas simpel. Warum hat Steiner 6000 Vorträge gehalten, wenn alles so einfach ist?
Das hat er sich manchmachl auch gefragt. Aber vor allem, weil er es konnte. Er war im LEBEN und wenn man aus dem LEBEN heraus das Leben anschaut, dann kommt man schon auf richtig gute Ideen. Das reicht locker für viele tausend Vorträge - wenn man denn will.
Mhmm. War Steiner eigentlich ein Anthroposoph?
Steiner hat jedenfalls nie Steiner gelesen um wie Steiner zu werden. Anthroposophie hat zwei Verwendungsmöglichkeiten. Sie ist erstens ein Botton-up-Erkenntnisweg, der in das LEBEN führt – kartografiert und formuliert von Steiner. Sie ist zweitens das Resultat des Steinerschen Überquellens aus dem LEBEN in das Leben, also eine Top-down-Bewegung. Diese Fülle, die er in das Leben aus dem LEBEN goss, ist einzigartig unter den erleuchteten Gurus.
Ist man noch Anthroposoph, wenn man im LEBEN steht?
Nein. Niemand ist "etwas" im LEBEN. Im LEBEN ist man das LEBEN. Es ist das gleiche wie GLÜCK. Auch wenn man Steiners Überfluss nutzt, ist man kein Anthroposoph. Dann ist man Bäcker, Bauer, Lehrer oder Arzt, der diese oder jene Anleitung befolgt. Man ist Teil einer Bürgerbewegung.
Anthroposoph ist man, wenn einen die Fragen nach dem Sinn des Leben auf dem Erkenntnisweg nach oben treiben, oder wenn man, von oben kommend, anderen den Weg nach oben zeigt. Manchmal vermischen sich diese Bewegungen auch.
Ok. Wie kommt man da hin?
Eigentlich ist es ganz, ganz einfach. Man muss einfach immer weiter gehen. Stufe für Stufe. Dabei holt Anthroposophie jeden ab wo er steht. Den einen im Knast, den anderen in der Hochschule.
Es geht immer und ständig darum, seinen gegenwärtigen Standpunkt zu transformieren.
Das geht immer so weiter und irgendwann gibt es einen leisen oder lauten Knall und Du stehst im LEBEN. Dann kannst Du entweder als Mensch zurückgehen und andere Menschen den Weg weisen oder ihnen so oder so beistehen, oder Du machst sonst irgendwas, oder Du läßt den lieben Gott nen guten Mensch sein...Eines darfst Du allerdings niemals vergessen.
Nämlich?
Wenn Du Dich entscheidest wieder zurückzugehen, dann entscheidest Du Dich dafür ein Mensch zu sein. Du entscheidest Dich für Vorläufigkeit, für Fehler, für Sünde und für Unvollkommenheit. Für den ganzen Katalog an menschlichen Schwächen – aber es gibt einen riesigen Unterschied.
Den Du mir sicher erzählst?
Ja. Du weißt, dass alles das, was Du bist und darstellst, nichts, aber auch rein gar nichts mit dem zu tun hast, was du wirklich bist. Weil Du in dem immerwährenden Gefühl lebst, dass Du nichts von allem bist was man das Leben nennt, sondern Du bist das LEBEN, was sich Deines Lebens bewusst ist. Du bist der Raum, in dem alles erscheint und Du hälst alles in Liebe und väterlicher Mütterlichkeit in Deinen Armen. Du fühlst Dich frei und Du kannst Dich engagieren - aber nicht weil Du musst, sondern weil Du es liebst.
Was hast Du gemacht, als Dir das alles klar wurde?
Ich hab meinen Milchkaffee leer getrunken – den besten meines Lebens, dann hab ich alles sehr genau in mein Buch geschrieben und der Spaß ging dann erst los.
Ich sprang aus dem LEBEN in das Leben und erkannte und umarmt das Leben als das LEBEN.
Was denkst Du, soll ich als nächstes tun?
Bleibe aufmerksam. Scanne weiter. Suche das LEBEN und gib Dich niemals mit dem Leben zufrieden...und genieße Deinen Milchkaffee Denn Milchkaffee gibt es exklusiv für Menschen.
Ein guter Milchkaffee ist immer ein guter Grund, ein Mensch zu werden.