Ich habe heute eine alte Word-Datei gefunden. Vor exakt zehn Jahren, hatte ich auf 35 Seiten "Wege zum Mehr" kartografiert und damit einen Abriss über den von mir praktizierten anthroposophischen Schulungsweg geschrieben. Damals hatte ich das Bedürfnis, einmal aufzuschreiben was ich da so seit einigen Jahren mache. Ich werde einzelne Aspekte davon hier vorstellen. Unverändert, so wie ich sie damals aufschrieb. Es ist spannend festzustellen, wie manches davon zu meinem Lebensinhalt geworden und das vieles was ich bin, dadurch so ist, weil ich eben diesen spezifischen Weg ging. Das sind meine spirituellen Übungsgrundlagen. Manches davon macht mich an und animiert mich dazu, es nochmal vom heutigen Standpunkt aus aufzugreifen und daraus zu lernen. Lustig, wenn man sich als dem damaligen Schüler begegnet und dieser nun zum eigener Lehrer wird. Zur emotionalen Erinnerung: Das war der damalige SPIEGEL-Titel.
Der Schulungsweg umfasst drei Merkmale, welche nur im gleichberechtigten Zusammenwirken ihre Kraft entfalten können: 1. Die Studien, 2. Die Meditation, 3. Das moralische Üben
1. Die Studien:
In diesem Studieren soll die Fähigkeit geschult werden, sich auf eine bestimmte Sache so zu konzentrieren, dass man sie derart versteht, auf dass man sie förmlich vor seinem geistigen Auge erkennen kann.
Heute ist dies schwerer denn je, wo Bilder in rasanter Schnittechnik an uns vorbeizucken, wo die konzentrierte Beschäftigung mit einem Text manchem äußerst schwer fällt. Sogar die meisten Studenten, deren "Beruf" es ja gerade ist, sich mit Texten konzentriert auseinander zu setzen, schaffen dies oft kaum noch länger als eine Stunde am Stück.
Es kommt bei diesem Studium überhabt nicht darauf an, viel zu lesen - es reicht vielleicht im äußersten Falle EIN Satz. Einen Satz aus einem klassischen Werk der Weltliteratur (z.B. Goethes Faust, Rilkes Brief an eine jungen Dichte, Handkes Gedicht an die Dauer Kleists Marionettentheater, diese Werke halte ich für geeignet, andere mögen anderes vorziehen) wirklich verstehen. Regelmäßig dieses Buch aufschlagen und eine Seite, einen Absatz, einen Satz lesen......, verstehen....... und vor seinem geistigen Auge sehen........
Hier geht es nicht um einen flachen Intelektualismus, sondern um ein tiefes, verdichtetes Denken.
2. Die Meditation
Die Meditation kann dazu führen, dem Menschen die Kraft zu geben, sich über Ärgernisse und Sorgen des Alltags zu erheben und trotzdem die Probleme zu lösen die er lösen muss.
Äußere Ruhe - innere Aktivität, das sind die beiden Merkmale dieser Meditationsform.
2.1. Meditationsthemen und -techniken:
Auch hier gibt es verschiedene Ansätze. Man kann z.B. die Natur bei einem Spaziergang betrachten und sich dann eine Pflanze vorstellen: Vom Samen über den Keim, zum Spross, zum Stängel und Blättern, bis zur Blüte mit den Samen und so fort.
Man kann sich im Sommer ein grünes Blatt anschauen und überlegen, wie es welkt, vergeht und wieder zu Knospen beginnt.
Man kann sich ein Feld anschauen und sich vorstellen, wie es gepflügt, bepflanzt, gedüngt und bewässert wird und wie es dann geerntet wird.
Auch ist es möglich, sich einen Stein anzuschauen und dann mit geschlossenen Augen diesen Stein in seiner exakten Form sich vorzustellen.
Bei all diesen Beispielen geht es nicht um eine Naturschwärmerei oder Spekulation, sondern darum die beobachteten Phänomene klar zu sehen, auf sich wirken zu lassen und die Prozesse (z.B. von Werden und Vergehen) in seinem Inneren nachzuempfinden.
Ein weiteres Thema zur Meditation kann der Tagesrückblick sein, der umgekehrt (also vom Abend zum Morgen) erfolgen sollte. Sachlich und objektiv, ohne Selbstanklage sollte dieser Tagesrückblick geschehen, was auch helfen kann, sich von dem Tagesgeschehen zu befreien. Es ist halt so passiert wie es passiert ist - rückgängig kann es nicht gemacht werden; macht man sich das klar, so kann dies auch sehr beruhigend wirken.
Ich kann noch eine weiters Thema nennen, welches sich bei mir als gute Meditationsübung erwiesen hat:
Ich spreche den Prolog des Johannesevangeliums oder das Vaterunser in Gedanken. Dabei kommt es gar nicht darauf an, den Inhalt zu verstehen oder ihn gar zu glauben (das ist wieder ein anders Thema - trotzdem wirken diese "Urworte" ganz gewiss, sozusagen als positive Nebenwirkung), es kommt hier nur darauf an, die Worte, Laute und Buchstaben in sich zu formen und zu "hören" und "zu sehen" wie sie klingen. Diese beiden Texte haben den Vorteil, dass sie nüchtern und einfach verfasst sind und nach einiger Zeit beginnen sich die Wörter zu verändern und man braucht dann Kraft, sich wieder ganz auf die äußere Form dieser Wörter zu konzentrieren.
Für alle diese Meditationen reichen täglich 5 bis 10 Minuten, möglichst in ent-spannter Haltung (Yogastellungen sind nicht nötig) und stiller Umgebung (Rolläden runter, Tür zu).
3. Das moralische Üben
Bevor die sechs moralischen Übungen beschrieben werden, sei gleich zu Beginn ein Satz zitiert, der als "goldene Regel" für alle gilt, welche sich nach Erkenntnissen geheimer Wahrheiten und nach innerer Ruche sehnen:
"Wenn Du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten, so mache sogleich drei vorwärts in der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten"
Das Gute in seiner absoluten reinen und edlen Form kann man auch Liebe nennen, dies bedeutet für mich, dass diese "Goldene Grundregel" dem entspricht, was in 1. Korinther 13,2 zu lesen ist: Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erken-ntnisse...und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Weitere Leitsätze möchte ich teilweise in meinen Worten hier wiedergeben, sie sind aber allesamt nicht auf "meinem Mist gewachsen" sondern vorher von Steiner erkannt worden:
Die Höhe des Geistes kann nur erklommen werden, wenn durch das Tor der Demut geschritten wird. Und auch der Weiseste kann von Kindern und Einfachem lernen.
Begegne ich einem Menschen und tadle seine Schwächen, so raube ich mir höhere Erkenntniskraft, suche ich liebevoll mich in seine Vorzüge zu vertiefen, so sammle ich solche Kraft.
Wenn Du nur nach Erkenntnissen suchst um Dich zu bereichern, führt das vom Weg ab, suche lieber nach Erkenntnissen um den Menschen und der Weltentwicklung zu helfen.
Lerne in Ruhe wesentliche von unwesentlichen Dingen zu unterscheiden.
Die wirklich Wissenden sind die Bescheidensten und haben keine Machtgelüste.
Erkenntnisgier behindert Erkenntnisstreben.
Wenn man etwas nicht verstanden hat, sollte man es besser nicht be- und schon gar nicht verurteilen.
Ohne gesunden Menschenverstand und Heiterkeit wird alles Streben nicht zur vollen Blüte reifen.
Mittwoch, 29. August 2007
Zehn Jahre Schulungsweg
Dienstag, 28. August 2007
Momos Herz und das reine Wasser
Was passiert, wenn wir aus Platons Höhle treten? Wir verleihen als erwachte Geister der Sonne neuen Glanz. Das ist der Moment, wo alle rohe Persönlichkeit, zur edlen Individualität wird, wo das Leben im wahrsten Sinne zum Evangelium wird, wo sich grundlegende Fähigkeiten und Charaktereigenschaften in Werkzeuge des Bedeutsamen verwandeln. Wir ergreifen unser Erbe um die Zukunft zu gestalten.
Das ist der Moment, der kommen kann und heute kommt, aber der auch wieder verschwinden könnte. Der Mensch schaut auf den Regenbogen und sieht wie die Farben aus sich selber heraus quellen, er blickt dem Schmetterling hinterher und sein Blick erhöht die Schlagfrequenz des zarten Fliegers und er schaut einem Kind in die Augen und da wo sich ihre Blicke berühren, da schaut das Kind das Kind an und erkennt sich als den einen Gott im Frieden.
Ob ich mich stelle, oder ob ich es leugne, die Sache ist diese: "In dem Maße, wie ein Mensch bereit ist zu akzeptieren, dass die Erschaffung der Zukunft buchstäblich von ihm abhängt, erwacht er zu dem, was ich als Authentisches Selbst bezeichne. Das Authentische Selbst ist der evolutionäre Impuls, dieselbe Energie und Intelligenz, die die ganze Schöpfung hervorbrachte." (A. Cohen)
Die Vorstellung, dass der ewige Gott immer göttlicher wird, sprengt unser Vorstellungsvermögen. Aber genau so ist es. Die Schönheit aller Schönheiten blüht über sich hinaus, wenn wir über uns hinaus aufblühen. Dann stehen wir, wie die kleine Momo von Michael Ende, dem von Steiner inspirierten Bestseller Autor, vor der Blüte der Stundenblume: "Es war eine Blüte von solcher Herrlichkeit, wie Momo sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie schien aus nichts als leuchtenden Farben zu bestehen. Momo hatte nie geahnt, dass es solche Farben überhaupt gab. Der Duft allein schien ihr wie etwas, wonach sie sich immer gesehnt hatte, ohne zu wissen, was es war."
Dann muss Momo mit schmerzlichem Schreck feststellen, dass diese Blüte am Höhepunkt ihrer Schönheit verwelkt und stirbt. Da geschieht das nicht für möglich gehaltene. Eine noch viel herrlichere Blüte begann aufzubrechen. "Sie war ganz und gar anders als die vorhergehende Blüte. Auch ihre Farben hatte Momo noch nie zuvor gesehen, aber es schien ihr, als sei diese noch viel reicher und kostbarer. Sie duftete ganz anders, viel herrlicher, und je länger Momo sie betrachtete, um so mehr wundervolle Einzelheiten entdeckte sie." Aber wieder löste sich die Blüte auf und versank." Und wieder ging eine Blüte auf. "Diese Blüte war nun die allerschönste, wie es Momo schien. Dies war die Blüte aller Blüten, ein einziger Wunder!"
Auch diese vergeht und auch sie wird durch eine nächste gesteigert. Am Ende hört sie analog dazu die herrlichste Musik und die heiligsten Worte in unbekannter Sprache. Worte der Planete und Sterne, die ihren eigentlichen, ihren wirlichen Namen offenbaren.
"Und auf einmal begriff Momo, dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt, wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, dass sie anblickte und zu ihr redete".
Am Ende erfährt sie an welchem geheimnisvollen Ort sie gerade war: In ihrem eigenen Herzen.
Was ist der Unterschied zwischem GottesWasser und MenschenWasser? MenschenWasser ist gleichzeitig persönlich angereichert und objektiv geklärt. Die Erde braucht genau dieses transformierte MenschenWasser. Denn ein reines Wasser muß durch einen tiefen Stein.
Montag, 27. August 2007
Steiner Surfer
Rudolf Steiner gab es dreimal. Gemeinhin wird angenommen, dass Steiner sich allmählich vom Philosphen zum Christen entwickelt hat. Entwickelt hat er sich tatsächlich. Aber nicht vom Philosophen zum Christen, sondern vom Eingeweihten zum Lehrer und schließlich vom Lehrer zum Surfer. Zum Surfer?
Der zweite Steiner sprach über die wirkliche Wirklichkeit so, wie seine jeweiligen Zuhörer sie am besten verstehen konnten: In imaginativen Geschichten und als großer Didakt. Er war nur an einem interessiert: Daran, die wirkliche Wirklichkeit lehrend in anderen aufleben zu lassen. Er stand gebeugt und mit dem Kopf am Herzen der Menschen – er gab, was gebraucht wurde.
Am Ende, war Steiner sogar bereit seine universellen und zeitlosen Erfahrungen des Seins,
in eine konkrete Welt des Werdens, ja sogar in die Worte einer speziellen Religion zu fassen, die für einen bestimmten kulturellen Raum, in dem er lebte, gerade von Relevanz war.
Seine Barmherzigkeit ging so weit, dass er die Weisheit in die vorherrschende, zeitgenössische Mythologie des Christentums und ihre charakteristischen Wesen hineinopferte.
Er redete nicht nur zu Köpfen. Er griff in die Herzen und wollte, dass etwas passiert.
Das ist der dritte Steiner. Er legt Hand an und wollte dazu animieren, dass andere Hand an legen. Er wollte, dass das Wort in den Willen geht, dass ewas passiert. Er wollte das Leben konkret und durch und durch mit Geist durchdringen, durchformen, verwandeln, transformieren. Er brachte das Eine in die Vielen und die Vielen in das Eine. "Das geistige im Menschen zum geistigen im Weltenall".
Steiner war das, was Wilber als Siddah bezeichnet: "Der Siddah holt sich ein Surfbrett und reitet die Wellen". Steiner wollte die Wellen des Lebens nie los werden. Er wollte die Welle surfen. Für ihn war die Welle kein Feind. Er kannte das Meer und die Wellen waren der immer neue, immer einzigartige Ausdruck des einen Ozeans. Er wollte nicht im Einen versinken, er wollte die immer neuen Entfaltungen des Einen reiten. "Surfen macht Freude, erfrischt und belebt, auch wenn es sehr schmerzvoll, schwierig und angsterfüllt sein kann", so Wilber in der aktuellen Ausgabe von WIE, zu dieser Metapher.
Donnerstag, 23. August 2007
Ein Gleichnis
Stelle dir Menschen vor in einer unterirdischen Wohnstätte... von Kind auf sind sie in dieser Höhle festgebannt. Sie sehen nur geradeaus vor sich hin. Von oben her aber aus der Ferne von rückwärts erscheint ihnen ein Feuerschein; zwischen dem Feuer aber und den Gefesselten läuft oben ein Weg hin, längs dessen eine niedrige Mauer errichtet ist. Längs dieser Mauer tragen Menschen allerlei Gerätschaften vorbei.
Können solche Gefangenen von sich selbst sowohl wie gegenseitig voneinander gesehen haben als die Schatten, die durch die Wirkung des Feuers auf die ihnen gegenüberligende Wand der Höhle geworfen werden?
Durchweg also würden die Gefangenen nichts anderes für wahr gelten lassen als die Schatten der künstlichen Gegenstände.
Wenn einer von ihnen entfesselt und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals umzuwenden, nach dem Lichte emporzublicken.Und
wenn man ihn nun zwänge, sein Licht auf das Licht selbst zu richten, so würden ihn doch seine Augen schmerzen.Wenn man ihn nun aber von da gewaltsam durch den Aufgang aufwärts schleppte und nicht eher ruhete, als bis man ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, würde er diese Gewaltsamkeit nicht schmerzlich empfinden und sich dagegen sträuben? Zuletzt dann würde er die in voller Wirklichkeit schauen und ihre Beschaffenheit zu betrachten imstande sein.
Wenn ein solcher wieder hinabstiege in die Höhle und dort wieder seinen alten Platz einnähme, würden dann seine Augen nicht förmlich eingetaucht werden in Finsternis. Und wenn er nun wieder wetteifern müßte in der Deutung jener Schattenbilder, würde er sich da nicht lächerlich machen und würde es nicht von ihm heißen, sein Aufstieg nach oben sei schuld daran.und schon der bloße Versuch, nach oben zu gelangen, sei verwerflich?..
Mittwoch, 22. August 2007
Mein Bruder
Eines Tages kam ich morgens in meine siebte Klasse. Da stand er.
Ein neuer Schüler und dazu ein echtes Arschloch. Er trug ein Muskelshirt und er ließ sie spielen, seine dreizehnjährigen Muskeln. Machte witzige Bemerkungen, war charmant und schlagfertig. Und vor allem: Er wickelte die Mädchen um den Finger. Alle fanden ihn toll, super interessant und attraktiv. Ich konnte es nicht fassen. Hallo! Er eroberte mit den billigsten Taschenspielertricks, den einfachsten Gags und den dämlichsten Sprüchen die Herzen der ganzen Klasse.
Ich hasste dieses Arschloch eine Woche lang. Dann laß ich ein Buch, in dem folgender Satz stand: "Man hasst nur was man selber ist".
Wäre ich Kapitän Haddock, dann hätte ich "Hagel und Granaten und alle heulenden und jaulenden Höllenhunde" gebrüllt, aber ich brüllte nichts, war sprachlos aber wieder mal hellwach und ich sah was Sache ist: Dieses Arschloch war ich!
Nicht nur, dass er mir alle Mädchen ausspannte und mir den Status als Klassenstar streitig machte, nein, er benutzte meine Tricks. Er täuschte mit meinen Täuschungen, er blendete mit meinem Blendwerkzeug und er fuhr meine Manöver. Er erreichte alle meine Zeile mit meinen Mitteln. Ich war der einzige der ihn durchschaute, weil nur ich wie er war, ich war der einzige der seine Geltungssucht erkannte, weil es meine Geltungssucht war, die sich dort spiegelte – ich sah, dass er nichts zu verkaufen hatte, weil ich nichts zu verkaufen hatte. Er stahl meine Show mit meinen Mitteln, die mir bis dahin gar nicht bewusst gewesen waren.
Heute empfinde ich gegenüber meinem Klassenkameraden von damals eine warme und innige Zuneigung (wovon er nichts weiss. Wovon er nichts weiss?) und muss lächeln wenn ich daran denke, dass wir uns beide intensiv mit spirituellen Themen und Techniken auseinandersetzen (bei ihm ist es Zen) und beide die gleiche, nun ja, Frisur haben. Insofern hat sich nicht viel geändert. Auch nicht unsere Namen. Wir heissen immer noch beide Sebastian. Das Leben ist bisweilen ein Witz.
Montag, 20. August 2007
Sex ist Sex
Das Malergenie Picasso, dessen Leben von zahlreiche amoröse Beziehungen durchflochten war, verrät sein Erfolgsgeheimnis als Liebhaber wenn er sagt: „wenn Männer wüssten, was Frauen denken, dann wären sie tausendmal kühner“. Weil Männer leider nicht kühner, sondern ängstlicher wurden, haben sie seit Jahrhunderten versucht den Frauen einzureden, dass ihre potentielle sexuelle Erlebnisfähigkeit immer auf die jeweilige romantische LiebesGemeinschaft beschränkt sei. Es waren Männer, die Frauen einredeten Sexualität und Liebe würden untrennbar zusammengehören. Rudolf Steiner gehörte nicht zu diesen Männern.
Zu dem Mythos der Frau die nur dann sexuell aktiv sein kann, wenn die Liebe die Lust trägt, haben aber nicht selten auch Frauen beigetragen indem sie zum Beispiel das Märchen von der Frauen kolportieren, die auschließlich gegen ihren Willen gezwungen werden in ponografischen Filmen oder anderen sexuellen Handlungen teilzunehmen, die anders duften als kuscheliger Blümchensex. Frauen die es so treiben, wie es nur Männerphantasien unterstellt wird, sind keine Opfer.
Opfer und Täter gibt es selbstverständlich auch hier. So wie es auch Opfer bei Eisenbahnkatastrophen gibt, weil Terroristen die Schienen gesprängt haben. Die Normalität sieht aber anders aus. In ihr nehmen Frauen und Männer, frei von biologischen Fortpflanzugszwängen, ihr Recht als sexuelles Wesen war. Sie fragen nicht nach einer äusseren Moral, sondern vertrauen auf ihr persönliches Gewissen als ethische Individualisten.
Sex im spirituellen Kontext wird oft mit Tantra in Verbindung gesetzt. Vergessen werden sollte, bei allem sexuellen Reden und Tun eines nicht: Das ursprüngliche Hauptziel von Tantra war es niemals, die grundlegenden seelisch-körperliche Ebene der Sexualität an die Stelle des bedeutsamen GEISTES zu stellen, sondern vielmehr zu entdecken, dass es selbst in dieser Untiefe einen Faden gibt, der einem ermöglicht sich zum GEIST emporzuziehen - Selbst im Niedrigsten lebt das Höchste und Tantra erlaubt das Höchste im Niedrigsten zu umarmen – aber das Höchste kann als ganzes nur im Höchsten gefunden werden.
In jedem Orgasmus ist Gott. Aber nicht der gesamte Gott ist im Orgasmus, sondern gerade nur soviel, wie ein Orgasmus an Göttlichkeit aufnehmen kann. Das ist zwar viel, weil Gott immer viel ist, aber es ist eben auch mikroskopisch wenig (selbst in multiplen Orgasmen) – und wenn Gott nur in der Natur der Dinge sucht, sucht die banale Mikroversion dieses Gottes.
"Meine Triebe, Instinkte, Leidenschaften begründen nichts weiter in mir, als das ich zur allgemeinen Gattung Mensch gehöre, der Umstand, dass sich ein Ideelles in diesen Trieben, Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art auslebt, begrümdet meine Inividualität. Durch meine Triebe bin ich ein Mensch, von denen zwölf ein Dutzend machen." (Steiner: Philosophie der Freiheit).
Man kann Sex zwar sein lassen, aber Sex lässt einen niemals los – eben weil Sex grundlegend ist. Wenn Du Sex los werden willst, dann bindest Du Sex nur fester an Dich. Wer nicht laut über Sex reden kann, in dessen Kopf wird der Sex selber laut reden. Sex lässt einen nur frei, wenn man Sex frei lässt. Es ist die alte Geschichte aus dem Zen:
"Zwei Mönche gingen eine Straße entlang und kamen an ein Ufer. Am Ufer stand eine schöne junge Frau, die nicht wagte, den Fluss alleine zu überqueren. Einer der Mönche trat galant hinzu und bot ihr an, sie auf seinen Schultern zu tragen. Als sie die andere Seite erreichten,
dankte sie dem Mönch, und jeder ging seines Weges. Nachdem sie hundert Schritte gegangen waren, fragte der zweite Mönch den ersten: "Wie konntest du das nur tun? Du bist ein Mönch, einer der entsagt hat. Du solltest keine schönen Frauen auf deinen Schultern herumtragen." Worauf der erste Mönch sagte: " Oh, du trägst sie immer noch? Ich habe sie abgesetzt, als wir
das Ufer erreicht haben."
Im Verhältnis dazu, wie privaten Gespräch über alle Lust-, und angstvollen Dimensionen von Sexualität zunehmen, wird die gesellschaftliche und öffentlich-mediale Geschwätzigkeit darüber nachlassen. Das Tabu und die Sprachlosigkeit haben sich aus dem öffentlichen Raum in die Schlafzimmer der Frauen und Männer verlagert – zahllose Sexualtherapeuten wissen davon ein Lied mit endlosen Strophen zu singen.
Samstag, 18. August 2007
Der Mann und die Leere: Jede Woche eine neue Story
Jelle van der Meulen ist ein Sammler. Er sammelt Dinge, die er auf seinen Reisen durch die Welt findet – manches verliert er unterwegs, anderers verschenkt er aber einiges stellt er in sein Zimmer. Jedes Ding erinnert ihn an eine Geschichte, an eine Phase seines Lebens. Jede Geschichte ist dazu da, einen leeren Raum in seinem Inneren zu füllen. Jelle ist ein Regal. Er sammelt auch Gedanken und Idee. Ja sogar Stille und Raum kann er sammeln. Er ist empfänglich. Alles Empfangene wird mit der Zeit in ihm geordnet, ausgewertet, auf die Reihe gebracht und irgenwann wird die Reihe zu einer Zeile mit Buchstaben und dann zu einer weiteren Zeile. Dann ist irgendwann wieder ein Buch fertig. Jetzt hat er eine neue ReihenFolge eröffnet. Ein neuer Blog in der Anthrosphäre verspricht: "Jede Woche eine neue Story".
Viele kennen Jelle van der Meulen als Autor von Mittendrin und Herzwerk. Nicht nur in diesen Büchern geht er unorthodox und tiefsinnig auf die Fragen des Lebens ein, die sich ihm als guten Zuhörer vorgestellt haben. Jelle sieht viel und hört viel. Darum muss er auch viel aushalten. Er saugt am Leben. Das darf man nicht verwechseln mit einem Menschen, der das Leben lebt, tanzt und sich von den Wellen hochreissen und überspühlen lässt. Jelle ist keiner, der im Strudel des leidenschaftlichen Lebens zu ertrinken droht. Das ist nicht sein Problem. Sein Problem ist, dass er manchmal zuviel von der reinen Essens des Lebens aufsaugt. Er saugt und saugt und dann explodiert seine Vorratskammer mit einem lauten "Sprotzzz" und er bekommt einen Herzinfarkt. Darum ist Schreiben auch immer Prophylaxe, weil Schreiben wieder Platz schafft – Schreiben ist Jelles Aderlaß. Aber nicht alles kann rausgeschrieben werden.
Er schreibt gerne über seine Reisen, wo er es genießt, unerkannt und unbekannt fremde Kulturen, Sitten und Menschen zu studieren – eine Reise ist auch immer ein Abenteuer...aber ein begrenztes, welches man immer wieder durch Abreise beenden kann. Seine Sehnsucht nach Nähe prallt mit seinem Wunsch nach Distanz zusammen. Seine Lösung ist das Schreiben.
Viele Tage oder Jahre später, wenn er zwischen seinen Erinnerungen sitzt, erwacht die Reise wieder in seinem Inneren. Alle Eindrücke erfahren eine weitere Bedeutung, werden verknüpft mit anderen Eindrücken und formen sich zu einer neuen, tieferen Wahrheit.
Seine neue Webseite ist der Versuch, Verbindlichkeit herzustellen. Das Versprechen "Jede Woche eine neue Story" ist nichts typisches für diesen Mann, er hat es sich abgerungen. Jelles Energie ist die Weisheit und viele sehen in ihm Tiefe und unendlichen Reichtum.
Ohne Zweifel gibt es diesen Reichtum des Sammlers.
Aber ohne Zweifel gibt es auch die Leere in Jelle. Diese Leere ist Stärke und Schwäche zugleich. Jelles Verhältnis zu dieser Leere ist nämlich verbunden mit der Horror Vacui – der Angst vor der Leere - manchmal dehnt sich diese Angst auch in Langeweile aus.
Jelle muss und kann alles objektivieren. Selbst vor dieser Leere muss Jelle einen objektiven Standpunkt einnehmen, muss sich distanzieren, muss alle Varianten von Leere sammeln, betrachten analysieren, will sie verstehen und deuten.
Das ist seine große Gabe und so hat er Menschen über ihre Abgründe geholfen, in dem er sie verstehen ließ, dass ein Abgrund nicht nur ein Problem ist vor dem man fortrennen muss, sondern immer auch etwas Wesentliches, die große Chance – etwas worauf man den Blick richten darf.
Paradox an der ganzen Sache ist, dass für Jelle die Lösung gerade nicht darin liegt, sich von der Leere zu distanzieren, sie zu sammeln und zu verstehen. Die Lösung für Jelle liegt darin, sich mitten in die Leere zu stellen, nein, die Leere zu sein und alles aufzugeben, was nicht Leere ist – sein Selbst aufzugeben. Das aber gerade ist, wie er sagt, "nicht mein Ding".
Jelles Ding, sind Dinge. Sichtbare und unsichtbare. Die Leere macht er auch zu einem Ding – einfach in dem er sie zum Thema macht. Die Leere ist aber im eigentlichen Sinne kein Thema, kein Ding über das man sprechen könnte, sie ist ein Erfahrung. Sie ist das Sein.
Die Leere ist in Wirklichkeit keine Gefahr, die Leere ist die unsterbliche Wirklichkeit und diese Wirklichkeit kann man nicht verstehen, man muss sie erleben. Dazu muss alles was in den Räumen gesammelt und gewusst wurde, aufgegeben und verbrannt werden – nicht verwertet und verstanden.
Ausser dem Verstehen, gibt es nämlich noch etwas anderes im Leben. Anstatt etwas zu verstehen, geht es auch darum, etwas zu tun und zwar nicht nur nach einem durchdachten Plan, sonder Handeln aus dem Nichts, aus leerem Verstand, aus Unverstand, aus leidenschaftlicher Impulsivität, aus direkter Liebe zur Tat, aus dem Bauch heraus. Das kopflose Handeln mit der Warscheinlichkeit fette Fehler zu begehen, die Kühnheit der Tat, der verschwitzte Hautkontakt mit dem Leben, die liebevolle Beziehung zwischen Kopf und Bauch – das ist Jelles Sache nicht.
(Ich erinnere mich, wie er mir laufend SMS-Nachrichten von einem spanischen Stierkampf schrieb: "Der erst ist tot". Nach einer Pause: "Wieder tot". "Dritte tot". Er brüllte nicht selbstvergessen wie die anderen, er demonstrierte auch nicht, ging weder so noch so im lebendigsten Todeskampf der Welt auf und unter. Nein, er tippte Todeschroniken nach Deutschland). Sein Bauch führt aus, was sein Kopf sagt, aber manchmal weigert sich auch der Bauch nur ausführendes Organ zu sein – so wie sich auch das Herz weigert nur für das Denken zu schlagen. Sie wollen ein eigenes Leben haben und sie fordern dieses Recht ein. Aber Jelle ist absolut bereit sich zu ändern. Ich kenne wenig Menschen die so bereit sind sich zu wandeln und die sich in wenigern Jahren wirklich gewandelt haben – aber da ist immer auch ein wenig Angst, Fehler zu machen.
Statt selber Fehler zu tun, hilft Jelle lieber anderen, auch mir, Fehler zu verstehen, sie als etwas mystisches, geheimnisvolles zu betrachten, sich ihnen mit Achtsamkeit zuzuwenden und nicht vor ihnen zu fliehen. Vielleicht ist es so etwas wie ein Opfer, dass er stellvertretend für andere, am Abgrund steht und diesen verStehen will – jedenfalls ist es eine gut Tat, für dich ich "Danke" sage.
Ist sie auch eine freie Tat? Manchmal sind Fehler einfach nur Fehler, manchmal steht hinter einem Geheimnis kein zweites, siebtes oder zwölftes Geheimnis, welches man ergründen könnte, sondern einfach nur ein schlichtes, durchschaubares System von Aktionen und Reaktionen (welches Jelle eher als ein Bild für ein weitere geheimnisvolles Systeme hält). Das Leben ist manchmal ein simpler Code. Eine einfaches Programm, welches nur einen Selbstzweck hat: Unser Selbst, unser Ego, am Leben zu erhalten. Leere würde den Tod des Egos bedeuten und das Ego hat Angst vor dem Tod. Panik vor der Leere.
Gegen diese Angst saugt das Ego-Programm immer neue Informationen auf, verknüpft und festigt so das System, denn Wissen ist Macht und somit verhindert Wissen Ohnmacht.
Wer Ohnmacht verstehen will, tut damit alles um Ohnmacht nie erfahren zu können. Denn natürlich schafft das Wissen über die Ohnmacht, Macht über die Ohnmacht und somit beisst sich die Katze in den Schwanz, denn Ohnmacht ist gerade ohne Macht.
Jelle will Durchblick. Die Leere aber ist von aussen undurchschaubar. Man kann nicht in die Leere sehen, man kann nicht in die Leere gehen, sonst würde die Leere ja mit diesem "man" gefüllt werden. Niemand kann in die Leere gehen. Wenn Du aber endlich dieser Niemand bist, dann kann Niemand in die Leere gehen.
Solange wir Jemand sein wollen, solange wir meinen, wir seien Jemand, solange bleibt die Tür zu. Wenn wir Niemand mehr sind, dann öffnet sich die Tür, Niemand geht durch und JEMAND kommt heraus. Das wäre auch mal eine neue Story.
Mittwoch, 15. August 2007
Temet Nosce: Ich bin der Irrtum
"Oh neeiin, bin ich blöd!" Wenn wir als Schüler so einen Satz sagten, weil uns mal wieder die einfachste Mathelösung nicht eingefallen war, dann kam mit Sicherheit aus einer Ecke der Klasse dieser Spruch: "Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zu Besserung!" Später begreifen wir dann, wie wahr dieser Satz ist. Aber wie wahr dieser Satz wirklich ist und bis zu welchem radikalen Ende dieser Weg der konsequenten Selbsterkenntnis führt, das habe ich erst viel später erfahren dürfen.
"Die Selbsterkenntnis", so Ewertowski in seinem Buch "Die Entdeckung der Bewusstseinsseele", unterscheidet sich von allen anderen Erkenntnissen dadurch, dass sie niemals bloß theoretische Kenntnis sein kann, sondern immer mit einer Wandlung verbunden ist. Sie wirkt unmittelbar auf ihren Gegenstand zurück. Nachdem ich mich erkannt habe, bin ich in gesteigertem Maße mit mir selbst identisch - und doch auch ein anderer, da mich diese Erkenntnis verändert hat.
Wahre und tiefe Selbsterkenntnis ist Selbsterneuerung im Sinn der Wiedergeburt."
Ewertowski interpretiert hier ("endlich, endlich" möchte ich rufen) "Wiedergeburt" nicht im traditionellen Sinne von Horst-Dieter-inkarniert-sich-in-Lotti-Maria-Reinkarnation, sondern als "jene Selbsterneuerung, jene zweite Geburt, in der sich die menschliche Seele mit dem Geist vereinigt."
Was aber muss passieren, bevor diese Geburt erfolgen kann, was steht vor diesem Werden aus dem Geist heraus? Vor dem Werden steht das Sterben. Der Tod des Ego.
Was bedeutet das?
Es bedeutet, dass Du alles was Du bist, als das erkennst was es ist: Das Ergebnis Deiner Taten, Entscheidungen und Gedanken. Die Struktur die Du bist, hast Du erschaffen.
In dem Moment wo Du das erkennst, stirbt Dein Ego, dass heisst die Unbewusstheit hört auf Dich zu manipulieren und die Bewusstheit erwacht zum Leben.
Das ist der Moment, wo in Dir alle Ausreden restlos aufhören zu quatschen und etwas nie dagewesenes steht als erschütternde Erkenntnis vor Dir, die Rudolf Steiner so formuliert:
"Man fühlt sich mit seinem vollen Leben in einem Irrtum drinnen stehend. Doch unterscheidet sich dieser Irrtum von anderen Irrtümern. Diese werden gedacht, er aber wird erlebt. Ein Irrtum, der gedacht ist, wird weggeschafft, wenn man an die Stelle des unrichtigen Gedankens den richtigen setzt. Der erlebte Irrtum ist ein Teil des Seelenlebens selbst geworden; man ist der Irrtum; man kann ihn nicht einfach verbessern, denn man mag denken, wie man will, er ist da, er ist ein Teil der Wirklichkeit, und zwar der eigenen Wirklichkeit. Ein solches Erlebnis hat etwas Vernichtendes für das eigene Selbst." (GA16)
Das auserordentlich Bedeutsame an dieser endgültigen Selbsterkenntnis ist, dass Du sie wollen musst. Du musst Dich für Sie entscheiden. Du musst Deine Verantwortung für Dein Karma und das Karma, welches durch Dich geschaffen wurde, annehmen wollen.
Auch Steiner betont dieses "musst". Und zwar nicht deshalb, weil es nicht auch anders ginge, sondern weil ihm als verantwortlicher Lehrer klar war, was passieren kann, wenn man anders, so wie der Jüngling zu Sais, zu der Wahrheit kommt. Diesem wird die Wahrheit nämlich "nimmermehr erfreulich sein – Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe..."
Denn kommt diese Selbsterkenntnis anders zu Dir, also nicht als Deine gewollte und freie Entscheidung, dann kann dieses "Vernichtende für das eigene Selbst" mit Gedanken an Suizid einhergehen. Zu früh erfahrene Selbsterkenntnis kann zum äusseren, statt zum inneren Selbstmord führen.
Zu früher Wille zur geistigen Wiedergeburt wiederum, bevor Du wirklich gestorben bist, kann dazu führen, dass nicht Dein wirkliches Ich, sondern der Narziss geboren wird.
Im der anthroposophsichen Mythologie spricht man auch von Luzifer, der – anstelle des Christus – in das menschliche Ich-Organ einzieht.
Hast Du Dich aber frei entschieden, bist Du wirklich gestorben, dann wird aus der Asche Deiner verbrannten IchSucht die "Quelle der geistigen Wiedergeburt" (Steiner) entspringen.
Diese Selbsterkenntnis besteht sowohl aus Momenten, wie auch aus Prozessen.
Nach der geistigen Wiedergeburt kannst Du Dich mit Dir versöhnen. Du kannst Dich, so wie Du bist, umarmen. Du kannst werden, was Du immer schon gewesen bist. Die Ursache.
Bild: Dargestellt ist diese Szene aus dem Film "Matrix – Revolution", in der das Orakel auf die Frage von Neo "und wer hat darüber entschieden?" mit: "Du weißt wer" antwortet.
Das sprechend, deutet sie auf das Schild über der Tür auf dem steht: Temet Nosce.
Lateinisch für: Erkenne dich selbst.
Dienstag, 14. August 2007
Die Angst und die Elite
Ein paar Wörter machen uns Angst. Elite ist eines dieser Wörter. Einerseits ist das gut so, denn darin wird erkennbar, dass es eine riesige Gefahr im Zusammenhang mit diesem Wort gibt, welches so alt ist wie das Wort selber. Überheblichkeit, Arroganz, Hochmut oder im schlimmsten Fall Sozialdarwinismus mit allem bekannten Horror, sind ein paar dunkle Stichwörter. Aber die Angst vor diesem Wort hat noch eine andere Dimension.
Nur die Elite hat Zeit, Verstand und das moralische Feuer um über einen Begriff wie Elite zu philosophieren, zu streiten, zu diskutieren und zu urteilen. Wer sagt, ich gehöre nicht zur Elite", der sagt damit nur "ich habe Angst mich der Verantwortung zu stellen".
Der Philosoph Michael Großheim führt es weiter aus und er spricht von Eliten und von Ihnen: "Sie müssen Fragen stellen, die weitergehen als das Suchen nach Optimierung in einem gegebenen Rahmen. Fragen dieser Art stellt sich Leo Tolstoi, als er über Nacht ein reicher Erbe wird: Mitten in meinen Gedanken an die Wirtschaft schoss mir plötzlich die Frage durch den Kopf: 'Schön, du wirst sechstausend Morgen besitzen und dreihundert Pferde, und was weiter?' Und ich stand regungslos da und wusste nicht, was ich weiter denken sollte. Materielle Möglichkeiten sind nun einmal keine Antwort auf die entscheidenden Lebensfragen: Was geht mich an? Was kann ich glauben? Wo soll ich zweifeln? Was ignoriere ich? Ist das alles wirklich? Wer bin ich selbst? Worauf läuft das hinaus?
Noch einmal Tolstoi: Die Fragen warten nicht, sie heischen auf der Stelle eine Antwort; hat man die Antwort nicht, so kann man nicht leben. Die Fragen, um die es hier geht, sind auch Lebensfragen; man kann viel tun, um ihnen aus dem Weg zu gehen, doch es gibt keinen garantierten Schutz gegen sie."
Mehr noch: Sie wollen sich nicht vor diesen Fragen schützen, Sie suchen diese Fragen geradezu.
Eliten sind Menschengruppen für die es nicht nur die horizontale und grundsätzliche Gleichheit aller Menschen gibt, sondern die darüber hinaus auch die Wichtigkeit der Vertikalen erkannt haben. Anthroposophie ist in diesem Sinne elitär. Sie strebt nach Transformation, nach Höherentwicklung, und darauf, dass Menschen sie mit diesen Fähigkeiten der Welt zuwenden um sie besser zu machen.
Anthroposophie will veredeln. Edel ist höher als unedel. Die Veredelung einer Rose geschieht nicht durch die Rose selber, sondern durch den Gärtner, der eine höhere Sicht und ein tieferes Wissen über die Rosenkräfte hat. Vor allem, hat er ein Ziel, von dem die träumende Rose nichts weiss. Sie kennt ihre Zukunft nicht. Der Gärtner aber schon.
Freitag, 10. August 2007
Die Gott-Konstruktion. Kraft und Falle der Mythen
Manchmal rede ich von Gott. Ich sage, dass Gott dies oder jenes macht oder bedeutet. Was aber ist Gott eigentlich? Gott ist eine mystische Tatsache. Das bedeute, Gott ist gleichzeitig ein Mythos und eine Tatsache. Er ist eine Tatsache, weil jeder Mensche tatsächliche die Schwelle zu einem Erfahrungsfeld übertreten kann, welches nur mit einem Wort zu beschreiben ist, das durch kein anderes zu steigern ist. Dieses Wort lautet in unserer Kultur: Gott. Gott steht in unserer diskursiven Praxis – ob man an ihn glaubt oder nicht – für den größten Mythos aller Zeiten. Es gibt drei Sprachen in denen man über Gott sprechen kann: In der Sprache des Glaubens, in der Sprache des Atheismus und in der Sprache des Mysten.
Der Myste erfindet die Götter. Der Myste ist jemand, der vor einem spezifischen kulturell-geistigen Backround, hinter den letzten Vorhang getreten ist – er kennt noch nicht alle Details und hat noch zahllose offener Fragen, aber er steht bereits im Jenseits – hinter der Schwelle, in der geistigen Welt.
Nun muss er denen, die noch vor dem Vorhang stehen, von Dingen sprechen, die eigentlich unbesprechbar sind – jedenfalls in der Eindimensionalität unserer Sprache.
Er bedient sich eindringlicher Bilder und einer archetypischen Sprache, die bis tief in jede Menschenseele greift. Er tut somit etwas, was auch Nicht-Eingeweihte machen, wenn ihnen die Worte für innere Erlebnisse fehlen. Denn alles was an Glaubensinhalten und Mythen aus den Völkern hervorging, ist das Ergebnis eines unbewussten Schauens der wirklichen, wahren Wirklichkeit hinter dem Vorhang. Es ist, wie man sagt, ein atavistisches Hellsehen.
Das ist auch der bedeutsame Unterschied zum Mysten. Sein Götterschaffen vollzieht sich bewusst. "Der Myste erkennt, daß er Götter schafft; er erkennt, warum er sie schafft; er ist sozusagen hinter die Naturgesetzmäßigkeit des Götterschaffens gekommen."
Rudolf Steiner zeigt, nach diesem Zitat, an einem einfachen Beispiel was er damit meint:
"Es ist mit ihm so, wie wenn die Pflanze plötzlich wissend würde und die Gesetze ihres eigenen Wachstums, ihrer eignen Entwicklung kennen lernte. Sie entwickelt sich in holder Unbewußtheit. Wüßte sie um ihre Gesetze, müßte sie ein ganz anderes Verhältnis zu sich selbst gewinnen. Was der Lyriker empfindet, wenn er die Pflanze besingt, was der Botaniker denkt, wenn er ihren Gesetzen nachforscht: Das würde einer wissenden Pflanze als Ideal von sich selbst vorschweben. - So ist es mit dem Mysten in bezug auf seine Gesetze, auf die in ihm wirkenden Kräfte.
Als Wissender muß er über sich hinaus ein Göttliches schaffen. Und so stellten sich auch die Eingeweihten zu dem, was das Volk über die Natur hinaus geschaffen hatte. So stellten sie sich zu der Götter- und Mythenwelt des Volkes. Sie wollten die Gesetze dieser Götter- und Mythenwelt erkennen. Da wo das Volk eine Göttergestalt, wo es einen Mythos hatte: da suchten sie eine höhere Wahrheit."
Rudolf Steiner handelte wie ein Myste. Er erschuf Wesen, er konstruierte und übernahm geistige Kreaturen und er bediente sich bekannter religiöser Geschöpfe um seine wirkliche, aber unausprechbaren Erfahrungen und Erkenntnisse, in einem bestimmten kulturell-geistig-religiösen Kontext, besprechbar zu machen.
Darum sprach er vom "Christentum als mystische Tatsache" und fügte unterstreichend in einem Brief hinzu: "Der Zusatz >als mystische Tatsache> will ganz ernst genommen werden."
Das Christentum ist eine von vielen Mythen und was über Christus in den Evangelien geschrieben steht "lag immer schon als typisches Leben des Gottessohnes in den Mysterientraditionen vorgebildet".
Jesus war aus dieser Perspektive ein Eingeweihter, der eine transpersonale Einweihungserfahrung gemacht hatte und "es spricht für die hochragende Persönlichkeit Jesu, dass er in vier, verschiedenen Traditionen angehörigen Schriftgelehrten den Glauben weckte: er sei derjenige der ihrem Typus eines Eingeweihten in so vollkommenen Grade entspricht, dass sie sich zu ihm wie zu einer Persönlichkeit verhalten können, die den typischen Lebenslauf lebt, der in ihren Mysterien vorgezeichnet ist."
Steiner beschreibt die Evangelisten hier also als Angehörige verschiedener Mysterienschulen, die dann das Leben Jesu, "nach Maßgabe ihrer Mysterientradition beschrieben" haben.
Ken Wilber kommt zu der gleichen Einsicht und eskortiert Steiners Aussage so: "Er (Jesus) wurde einfach der herrschenden Mythologie einverleibt".
Diese "Mysterienweisheit wurde für die christliche Gemeinde unlösbar verknüpft mit der Persönlichkeit des Christus Jesus. Dass er gelebt hat und dass seine Bekenner zu ihm gehörten: Dieser Glaube trat an die Stelle dessen, was man vorher mit den Mysterien hatte erreichen wollen. "
Der christliche Mythos unterscheidet sich von anderen Mythen dadurch, dass man Jesus nicht sein ließ was er war, "nämlich einer, der der ganzen Menscheit dient, sondern machte ihn zum einzigen Sohn Jehovas", wie Wilber sagt, oder wie Steiner es ähnlich ausdrückt: "Was früher auf die ganze Welt verteilt war: das wurde nunmehr auf eine einzige Persönlichkeit vereinigt."
Nun wird deutlich, welche herrliche Chance und gleichzeitig welche furchtbare Sünde in diesem christlichen Mysterium liegt: Die Chance liegt darin, dass Jesus für den Menschen "als das größte Ideal erscheinen muss", als ein Mensch der sich voll und ganz mit der wirklichen Wirklichkeit vereinigt hat. Nicht nur Stückweise ist er Gott ähnlich geworden, sondern bis in sein Fleisch, bis in die blutige Substanz seines Körpers ist er eins geworden mit der Ewigkeit, also mit Gott. Er hat sein Ego zu 100 Prozent durch das ewige und authentische Prinzip ausgetauscht. "Nicht ich, sondern Christus in mir", so dass Paulus-Wort.
Jesus hat gezeigt, dass es einem Menschen möglich ist, das Leben in der Welt vollständig und vollkommen zu transzendieren und gleichzeitig für diese Welt zu leben. In dieser Welt zu sein, aber nicht von dieser Welt zu sein. Damit ist er das mystische Vorbild, für alle Menschen, die nicht nur Stückweise, sondern voll und ganz, über sich hinaus und in ES hinein wachsen wollen. Darum nennt Steiner seine Statue auch nicht "Christusstatue", sondern "Menscheitsrepräsentant". Christus repräsentiert, was jeder Mensche sein und tun kann – er kann sogar Evangelien schreiben, wie es Steiner dann auch tat.
Das aus diesem Mythos abgeleitete Problem, die Lüge, besteht nun darin, dass Jesus als der Einzige verkauft wird, dem diese vollständige Wandlung gelungen ist und (darin liegt die wirkliche Sünde der christlichen Kirche), dass er auch der Einzige b l e i b e n soll, dem das jemals hier und jetzt, auf der Erde, gelingen soll. Dem Rest der Menscheit wird, so das kirchliche Dogma, diese Vereinigung erst im Himmel widerfahren und wer das Gegenteil behauptet, erfährt das gleiche Schicksal wie es Jesus erfahren hat. Er wird gekreuzigt. So, oder so.
Das ist besonders widersinnig, weil gerade das Christentum der Mythos ist, dessen Wesenskern im Leben Jesu zeigt, dass man das Göttliche voll und ganz als das Göttlich-Göttliche erfahren kann und nicht nur als "Menschlich-Göttliches...auf einer bestimmten Entwicklungsstufe".
Der christliche Mystiker hat in Christus Jesus eine okkult-magische Hilfskonstruktion mit dem er sein inneres trübes Licht zu einem göttlichen Schauen verwandeln kann und er kann sich nun sagen: "das Licht, das mir solches Schauen ermöglicht, ist in dem erschienenen Christus gegeben. Er ist, wodurch ich in mir zum Höchsten steigern kann.".
Wenn ich also von Gott spreche, dann erzähle ich bewusst eine bestimmte Geschichte die als "eine Schöpfung des Geistes, der unbewußt schaffenden Seelen" bereits existiert.
Steiner hat ständig solche Geschichten erzählt, hat seine Erkenntnisse in bestimmte Bilder gegossen und auch gesagt warum er das tut: "Die Seele hat eine ganz bestimmte Gesetzmäßigkeit. Sie muß in einer bestimmten Richtung wirken, um über sich hinaus zu schaffen. Auf der mythologischen Stufe tut sie das in Bildern; aber diese Bilder sind nach Maßgabe der Seelengesetzmäßigkeit gebaut." Auf diese Seelengesetzmäßigkeiten ging Steiner ein und handelte so in der Tradition der Mysten - allerdings hatte er vorher in seinen Bücher sein mystisches Programm offen gelegt.
Das großartige an Mythen ist, dass diese die wirkliche, wahre Wirklichkeit durch die Zeit und in alle Menschen tragen. Das Fatale an Mythen ist, dass sie sich zu Monstern aufbauen können, die nichts anderes tun, als vor der wirklichen Wirklichkeit zu stehen und diese als Scheinheilige verbergen. Manchmal sind Mythen ein Aufzug für die Seele und manchmal sind Mythen ein Staubsauger, der die heiligen und größten Seelenkräte absorbiert.
Wer als Myste von Gott spricht, muss sich dieser Tatsache bewusst sein. Ein Myste spricht immer mit höchster Achtung und Demut von Gott, vor diesem ewigen DU. Er verneigt sich vor der wirklichen Wirklichkeit - und er weiss gleichzeitig, dass er in seiner wahren Natur nicht Unterschiedlich ist zur Natur dieser wirklichen Wirklichkeit.
Ein Trans-Christlicher Myste, also zum Beispiel ein Anthroposoph 2.1, ehrt und würdigt das Christentum als das was es war.
Er erlebt Christus und die Evangelien nicht als Widerspruch zu seiner spirituellen Erfahrung, sondern hat ihre wahre Wirklichkeit hinter dem mythologischen Diskurs selber durchlebt.
Christus hat sich in ihm aufgeklärt.
Die Zitat von Steiner stammen (wenn nicht anders gekennzeichnet) aus "Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Alterums" GA 8
Mittwoch, 8. August 2007
Anthroposophie ist keine Quelle
Anthroposophie ist eine evolutionäre Spiritualität. Das bedeutet, dass sie ständig über sich hinaus wächst, sich ständig transzendieren will. Ihr Zustand ist die glückselige Unzufriedenheit. Glückselig, weil sie in der unsterblichen, göttlich-monistischen Einheit des Seins ruht. Unzufrieden, weil sie diese All-Einheit durch das permanente Werden ihrer sterblichen Persönlichkeit immer besser, strahlender, tiefer und weiter machen will. Als Michelangelo diese Bild malte, bildete er dort dort nur die Erschaffung des Menschen ab? Oder sehen Sie auch die Sehnsucht Gottes, der sich streckt, um endlich berührt zu werden?
Es scheint verrückt, aber der göttliche Seinsgrund, aus dem Rudolf Steiner seine Gedanken und Taten schöpfte, ist weniger bedeutsam als der göttliche Seinsgrund aus dem Sie und ich unsere Inspirationen ableiten könnten.
Das liegt daran, dass jedes erwachte Bewusstsein, jedes erleuchtete Denken, Reden und Tun, das große, universale Maximal-Bewusstsein maximiert. Gott erwacht durch unser Erwachen zu sich selbst. Der Gott, vor dem wir uns heute neigen, ist größer als der Gott vor dem sich Steiner beugte – er ist größer, weil Steiner, und alle anderen mit und nach ihm, an diesem Gott gebaut, ihn genährt und geweckt haben.
Das ewige Sein, gerät immer mehr in Bewegung und entwickelt sich zu einem Werden. Und das Werden? Es übernimmt gleichzeitig die Qualitäten des Seins.
Das Sein besteht aus reiner Liebe. Das Urprinzip des Werdens aber ist die Freiheit. Indem sich Sein und Werden durchdringen, verschmelzen Liebe und Freiheit zu einer neuen Hierarchie.
Wer Anthroposophie als Quelle nutzt, schöpft fraglos aus einen unfassbar tiefen und reichhaltigen Brunnen, der wie eine unversiegbare Quelle wirkt.
Aber Anthroposophie ist von ihrem Wesen her gar keine Quelle, sondern nur eine von vielen Möglichkeiten, um selber zur Quelle vorzustoßen, um selber zur Quelle zu werden.
Anthroposophie wirkt wie eine Schatztruhe – aber das ist eine Täuschung. Wer sich von den Schätzen der Anthroposphie blenden lässt, übersieht, dass sie in Wirklichkeit etwas ist, was auf das hinweist, was darüber hinaus geht: Anthroposophie ist Schatzkarte zu dem Schatz der Schätze.
Dieser Schatz wird größer, wenn man Anthroposophie als Schatz liegen lässt und sich mit ihrer Hilfe dem Schatz der Schätze nähert.
Und was passiert wenn man in die Kammer des Schatzes der Schätze tritt? Jeder Schritt in diese Kammer dehnt die Kammer weiter aus und füllt sie mit weiteren Schätzen. Darum kommen wir nie 100 Prozent in diesem Raum an, weil unser Ankommen bewirkt, dass sich das Ende des Raumes weiter und weiter ausdehnt und sich immer reichere Schätze ausbreiten.
Das ist das Paradox des spirituellen Ankommens: Jeder Schritt erschafft neues Territorium.
Ein spirituell Angekommener verspürt darum immer nur eine Lust: Weiter zu marschieren.
Wo kann die "Weltenseele" auferstehen? "Wo kann sie wieder aufleben? Allein in der Seele des eingeweihten Menschen...Die Auferstehung, die Erlösung Gottes: Das ist die Erkenntnis. Von dem Unvollkommenen zum Vollkommenen..."
Unsere Entscheidung das Vollkommene, das Absolute, hier und jetzt zu leben und zu realisieren, das ist der Weckruf an Gott aufzustehen!
Zitate aus: Rudolf Steiner, Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien desAltertums.
Montag, 6. August 2007
Resümee der Männertage: Die Badelatschen-Revolution
Zwei mal zwei intensive Tage sind vorüber. Bevor die insgesamt 75 jungen Männer zu ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) ins Ausland gehen, stand eine Lektion in Sachen Anthroposophie auf dem Stundenplan – was ich erlebte, war etwas völlig neues für mich: Die Invasion der Sanftmütigen.
Ich war beeindruckt. Auf meine Frage nach den persönlichen Eigenschaften, die mit einem negativen Vorzeichen behaftet sind, die man generell als "schlechte Eigenschaften", als "Sünde" beschriebt, zeichneten die Teilnehmer ein detailliertes und ehrliches Psychogramm der eigenen Schlechtigkeiten.
Soviel Offenheit und Selbstkritik war mir noch nie begegnet und ich war seltsam berührt davon, wie furchtlos diese Generation vor ihren individuellen Abgründen steht, wie unbefangen sie auf eigenen und fremden Wunden blicken können.
In beiden Seminaren, war sich am Ende die große Mehrheit einig: "Wir sind faul – stinkfaul".
Tatsächlich konnte ich vordergründig diese kritische Selbsteinschätzung bestätigen.
Zeigte man sich doch in sämtlichen Posen des trägen Phlegmas, der Lehrer oft zur Weissglut bringt: Angefangen von den Badelatschen, über die schluff-schlabber Klamotten, bis zu lässigen Körperbewegungen. Wenig bewegliche Mimik, leise und monotone sprechweise und ein gedämpfter emotionaler Grundton, waren die Qualitäten die mir entgegen kamen. Feuriges Engagement? Inspirierende Wachheit? Geballter Tatendrang? Drei mal Fehlanzeige. So viele Männer – so wenig Kraft.
Aber stimmte dieser vordergründige Eindruck? Was zeigte sich hinter dem Vorhang der äusseren Illusion? Der Erkenntnis folgend, dass es nie darum geht, charakterliche Zustände zu kontrollieren, sondern immer darum, sie zu transformieren, arbeiteten wir uns vorwäts.
Ich hatte einen Stuhlkreis aufgestellt. Der ansonsten volle und strukturierte Raum, war zu einem Freiraum der Möglichkeiten geworden. Einer der Teilnehmer steht gähnend auf, stellt sich in die Mitte und springt ansatzlos auf beide Hände, macht Dinge, bei deren Anblick ich mir schon das Genick breche. Ein Anderer beobachtet den Vorgang, drückt sich mühsam vom Stuhl hoch und springt, wieder ohne Ansatz, auch auch seine Hände um irre Dinge vorzuführen.
Das gleiche Spiel in der Pause: Akrobatik, gegen die selbst Miro Kloses Salto diletantisch und angestrent wirken. Alles von Null auf Hundert.
Andere Teilnehmer nehmen sich einen Baskettball, und "schlapp, schlapp" in Adiletten-Badelatschen, versenken sie den Ball mit einem Dunking im Korb – alles lässig und alles ohne grobe Aggressivität.
Manche fangen schlagartig an abgefahrene Rythmen zu klatschen und zu schlagen, knallen gekonnt poppige Musikstücke ins Klavier (um anschließend wieder in Lethargie zu versinken) oder werfen Bälle unfassbar hoch in die Luft, um sie dann von einem Kollegen lässig auffangen zu lassen. Das ganze natürlich immer in Badelatschen und durch und durch cool.
Alles von Männer, die sehr schlank und (bis auf wenige Ausnahmen) wenig muskulös sind.
Die explosive Kraft ist keine antrainierte, keine gezüchtete Kraft, keine die sich aus einem vorwärtsdrängenden Tatentrieb speist.
Was sich in der Pause äusserlich zeigte, kommt mir in den Seminaren als Gedanken entgegen:
Auf den Punkt gebrachte Fragen, Kernsätze der evolutionären Spiritualität surfen wie aus dem nichts in den Raum. Gedankensaltos springen mir ohne Ansatz entgegen und anthropsophische Erkenntnisse flutschen aus Menschen heraus, die gerade aus dem Sekunden-Seminar-Schlaf erwacht sind.
Wir diskutieren philosphische Grenzfragen, legen uns mit Kant und Steiner an und beschäftigen uns immer wieder und intensiv mit dem Monismus, mit dem was man als "Gott", "Einfach Das", "die Ideenwelt" oder das "All-Eine" bezeichnen kann.
Gerade dieses pardadoxe Feld, dieser ewige Gott, der durch unser denken, reden und tun immer ewiger, wacher und bewusster wird, hat es vielen Teilnehmern angetan und es fallen grandiose Sätze...
Als ich den mantrischen Spruch Steiners "Ich trage Ruhe in mir, ich trage in mir selbst die Kräfte, die mich stärken..." vortrage, da verstehe ich schlagartig, was hier los ist.
Vor mir sitzt eine Generation, deren Kraft aus der Ruhe kommt. Nicht wie diese Rastlos-Hektik Generationen vorher, die aus der Unruhe, aus dem getrieben werden, aus einem unermüdlichen Tatendrang und aus Unzufriedenheit lebten und ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie für eine kurze oder sehr lange Weile nichts tun, ausser die Länge der Weile zu erfahren.
Diese Männer sind ganz anders. Sie fühlen als einen Dauerzustand, "wie Ruhe sich ergießt durch all mein Sein", sie stärken sich durch die "Ruhe als Kraft", die sie in sich selber tragen und sie chillen sich bis zu dem Punkt, wo ihr Flieger sie an einen Ort in der Welt bringt, wo sie aus dem Stand heraus die Kraft der Gutheit explodieren lassen.
In heilpädagogischen Einrichtungen, in Schulen, als Streetworker oder in Heimen und landwirtschaftlichen Betrieben. Sie haben hohe Hürden genommen um ihr FSJ antreten zu können, aber sie springen auch nur wenn eine Hürde da steht. Sie schluffen vor die Hürde, dann reissen sie sich an ihrem eigenen Schopf hoch, fliegen...und landen wieder in ihren Badelatschen.
Es sind nicht die antrainierten Muskeln die ihnen Kraft verleihen, es ist nicht das angelernte Wissen, was sie Weisheiten aussprechen lässt, es ist die Ruhe in ihnen selbst, aus der Kraft und Wissen fließen.
Ihr Werden begründet sich aus dem Sein.
Ihre Natur ist der Buddah-Natur näher als dem michaelischen Feuer.
Während das eine Seminar gerade in der Anfangsphase ist, stoße ich zu dem anderen Seminar, als dort die letzten von vierzehn Tagen angebrochen sind:
Ein Haufen Männer, auf engstem Raum, mit wenigen und ziemlich gruseligen sanitären Einrichtungen und einer Küche die nicht nur grottenschlecht und ungesund, sondern dazu noch viel zu wenig kocht – und das bei einer Eigenwerbung die besagt, dass "die Nahrungsmittel hauptsächlich aus kontrolliert-biologischem Anbau kommen" und "mit Gespür und Verständnis für den jugendlichen Geschmack zubereitet" werden.
Pustekuchen. Nix is.
Täglich die gleiche "Ja" Wurst-Käse Kombination und "Plus" Qualität. Eigentlich eine Brutstätte für Konflikte, aggressive Ausbrüche der Unzufriedenheit und zwischenmenschliche Kämpfe.
Pustekuchen. Nix is.
Lachen, klatschen, Musik hören, im Internet surfen, Filme gucken, lesen, ewig und drei Tage schweigen, immer wieder Saltos aus dem Stand, Jonglieren, Fußball und immer lässig auf die nächste Hürde zu latschen: Das soziale Jahr im Ausland.
Die Köchin kommt kurz rein und mir fällt fast das Essen aus dem Mund als ich einen Chor von Stimmen höre: "Danke für das Essen."
Danke für dieses Essen??? Seit zehn Tagen??? Das sagen junge, hungrige Männer???
Ich staune nur noch. Mich umspült ein mächtiger Strom des Sanftmutes.
Die Invasion der Sanftmütigen ist, das wird mir jetzt deutlich, eine männliche Invasion.
Keine Stimmungsschwankungen, keine emotionale Wellen, kein unnötiges Wort, keine großen Gefühle, keine Gehässigkeiten oder besonderen Freundlichkeiten.
Es geht hier unter Männern nicht um Fülle (nicht um mehr essen - auch wenn sie endlos essen könnten, einfach weil man einmal angefangen hat und es grad so gemütlich ist), sondern um das herrliche Gefühl des Vakuums (haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum Männer stundenlang lesend auf dem Klo verbringen können? Stichwort: Leer-Werden).
Der Weg des Mannes ist nicht Mehr-Werden, sondern Leer-Werden, nicht um Liebe geht es, sondern um Freiheit. Nicht um Hingabe, sondern um die loslösende Befreiung.
"Das Feminine sucht", so David Deida in seinem Buch Der Weg des Mannes, "nicht die Freiheit, sondern die Liebe. Die Beglückung einer Frau liegt nicht in der Leere, sondern in der Fülle. Ihr Mittel ist nicht die loslösende Befreiung sondern die Hingabe. Das ist der Grund, warum eine Frau sich ärgert, wenn der Mann nach dem Orgasmus zu schnarchen beginnt. Er hat endlich die Leere nach der Ejakulation erreicht, die beglückende Freiheit vom Stress, die er den ganzen Tag auf die eine oder andere Art gesucht hat. Die Frau hofft jedoch, im Sex Liebe und Fülle zu erfahren, und ein schnarchender Mann gibt ihr das einfach nicht.
Eine feminine Frau sucht die Fülle und verabscheut die Leere. Wenn sie die Fülle der Liebe nicht in sich spürt, füllt sie sich mit Eisbechern, Schokolade oder Gesprächen, anstatt ihren Stress mit Fernsehen oder Ejakulationen loszuwerden, wie Männer das häufig tun."
Auch wenn wir heftig diskutierten, ging es uns nicht um immer mehr Erkenntnisse, nicht um die Fülle neuen Wissen, sondern das Ziel war, sich einer bestimmte Formen des "Todes" zu stellen, "um jenseits davon die Freiheit zu finden". Im Falle des Philosophierens im "Stress lösende Ahhh der Erkenntnis", so Deida.
Frauen haben es viel schwerer damit dieses "Ahhh", diese Freiheit in der Leere zu erreichen, ihnen ist der Tod des Egos suspekt, sie füllen das Ego mit ihrer Hingabe und Liebe. Es ist ihr Weg, nicht der Weg des Mannes. Beide aber brauchen sich, denn Liebe und Freiheit gehören zusammen und der ethische Individualismus Steiners ist der Versuch, diese Wege zusammen zu führen.
Die Invasion der Sanftmütigen ist eine männliche Invasion und der Sanftmut und die Friedfertigkeit haben damit zu tun, dass jede Energie, die auf diese Männerseele trifft, sich in der Leere und in der raumlosen Tiefe ihres ruhigen Seins verläuft.
Diese Seelen sind Meer-Strand-Seelen. Auf der einen Seite die Ewigkeit des Ozeans auf der anderen Seite die endlose Wüste. Mitten drin ein Haufen Jungs in Boxershorts und Badelatschen.
Aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Ohne Vorwarnung springen sie ins Wasser und retten Ertrinkende und tränken Verdurstende...und dann schluffen sie weiter. Aus der Leere, in die Leere.
Die Abwesenheit des Weiblichen war eine neue, befreiende und entspannende Erfahrung.
Danke, meine Herrn! Und bitte: Lasst Euch von niemanden einreden, dass ihr faul seid. Ihr seid Badelatschen-Revolutionäre!
