Donnerstag, 31. Mai 2007

Der Kampf der Britney mit dem Drachen

Ich bin ein Fan von Britney Spears. Erstens sieht sie Hammer-Geil aus, zweitens macht sie erstklassige Musik und drittens ist sie ein der moderne Ikonen der Menschenheit. Ikone der Menschheit?
Sie verkörpert den spirituellen Kampf der westlichen Gesellschaft. Es ist der Kampf zwischen Ego und Selbst. Es ist der Kampf, wie man in der Anthroposophie sagt, an der Schwelle zur Geistigen Welt. Es ist der schier unerträgliche Moment, in dem man seinem eigenem Schatten begegnet. Es ist der Kampf mit dem eigenen Drachen, der verführerischen Schlange der Selbstverliebtheit.


Das Leben kann ein Sakrament, eine Einweihung sein. Wir können über die Schwelle treten. Aber wir können auch stolpern, versagen und sterben, bevor wir zum ewigen Leben aufsteigen. Jeder einzelne kann diese Schwelle übertreten, aber auch die Menschheit als Gesamtheit. So wie seit jeher, gibt es einzelne, öffentliche Menschen, die vor unserer aller Augen diesen Kampf an der Schwelle führen.
Ein Kampf der nicht entschieden ist – auch darum sind wir fasziniert davon, was die Popkultur für uns inszeniert.
Sie zeigt uns in grellen Farben und schrillen Tönen ein Mysterienspiel, welches sich genau so in jeder Seele von uns abspielt.

Die geheimnisvolle Britney Spears ist eine Ikone dieses Drachenkampfes und ich veröffentliche nicht nur das neuste Zeugnis dieser seelischen Schlacht, sondern ich bete dafür, dass am Ende siegen wird, was sie wirklich, wirklich ist – und nicht der alles verschlingende Drache des Egos. Britney, Du bist ein Michaelstreiter.

Neuer Brief an die Fans - 30.05.2007



"Liebe Fans,
Ich wollte Euch allen auf diesem Wege ein paar Dinge erklären, mit denen ich in der letzten Zeit konfrontiert worden bin...
Kürzlich wurde ich zu einem sehr demütigenden Ort namens Rehab geschickt. Ich war wirklich am Tiefpunkt angelangt. Bis heute denke ich, dass weder Alkohol noch Depressionen daran Schuld waren. Ich benahm mich wie ein ungezogenes Kind mit einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom.



Ein Manager aus früheren Zeiten kam zu mir und versuchte, mich und mein Leben nach der Scheidung in die richtige Bahn zu lenken. Ich war so überwältigt, dass ich glaube, auch ein wenig unter Schock gestanden zu haben. Ich wusste nicht, wo ich hingehen sollte. Ich realisierte, wieviel Energie und Liebe ich in meine kaputte Beziehung gesteckt hatte, denn als sie vorbei war, wusste ich ernsthaft nicht, was ich mit mir selbst anfangen soll. Das machte mich total traurig. Ich gestehe, ich war richtig verloren.

Dieser Brief ist nicht dazu da, jemandem die Schuld in die Schuhe zu schieben. Auch wenn ich jetzt die Welt mit ganz anderen Augen sehe.
Wenn man von Freunden zu Abendessen und Parties ausgeführt wird und danach feststellt, dass man für alles bezahlt hat, ist das schon eine riesengroße Lehre.
Ich denke, daß größte Problem war, dass ich zu viele Leute an meinem Leben teilhaben ließ. Man weiß einfach nie, was der andere beabsichtigt und von einem will.
Ich war zu offen und suchte nach Antworten, die ich eigentlich schon längst kannte. Ich musste so viele Leute aus meinem Leben streichen. Das ist so traurig, denn wenn jemand ein Familienmensch ist, bin ich das.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich als kleines Kind jeden Abend mit meiner Familie Filme angeschaut habe und mich dabei immer so friedlich fühlte. Ich habe die ganze Zeit getanzt und gesungen, das gemacht, was jedes kleine Mädchen machen sollte. Nun möchte ich, dass auch meine Kinder dieses Gefühl die ganze Zeit haben. Ich muss mich einer ganzen Palette an Problemen stellen, seitdem ich Kinder habe. Viele Unisicherheiten aus meiner eigenen Kindheit kommen wieder in mir hoch. Es fühlt sich so an, als ob wir niemals gut genug sind.


Ich weiß, jeder denkt, dass ich das Opfer spiele. Aber das tue ich nicht, und ich hasse das, was gerade abgeht. Vielleicht ist das der Grund, warum ich diesen Brief schreibe... um den Leuten die Chance zu geben, mich vielleicht anders zu sehen. Das ist in etwa vergleichbar damit: wenn Du eine richtige Frau bist und aussprichst, was Du fühlst und denkst, wirst Du gleich als "bitch" abgestempelt.

Ich denke, einige Leute in meinem Leben haben manche Dingen einfach unnötig aufgebauscht. Außerdem denke ich, dass sie wussten, dass ich ausnahmsweise mal anfing, mein eigenes Gehirn zu benutzen und einige Bindungen aufzulösen. Sie wollten einfach mehr Kontrolle über mein Leben haben als ich selbst.
Ich finde es normal, wenn ein junges Mädchen nach einer Scheidung um die Häuser zieht. Bei mir war das wahrscheinlich eine so große Sache, weil ich vorher schon so lange nicht mehr ausgegangen war. Ich bin 25 und ich habe noch eine Menge zu lernen. Ich werde weiterhin täglich Fehler machen und ich bin mir sicher, dass jeder einzelne davon auf CNN oder "Good Morning America" zu sehen sein wird. Leute, ich bin auch nur ein Mensch und ich liebe Euch dafür, dass ihr mich noch liebt.


Ich sitze gerade zu Hause und es ist 6:25 Uhr. Meine beiden Söhne schlafen noch. Ich bin wirklich gesegnet, dass ich sie in meinem Leben habe. Jeder Tag ist so unwirklich. Das Leben im allgemeinen ist so unwirklich und verrückt.

Ich hoffe nur, dass dieser Brief manche von euch veranlasst, ein bisschen mehr von mir und darüber, von wo ich herkomme, zu halten. Ich möchte ja nur die selben Dinge im Leben wie Ihr auch... und das ist vor allem glücklich sein.
Es ist nur so komisch, denn jeder hat seine eigene Wahrnehmung über mich. Es ist schon seltsam, wie Geschichten erzählt werden.

Da gibt es Eure Seite, meine Seite und die Wahrheit. Jemand muss es herausfinden. Ich denke, wir werden das Leben nie ganz verstehen oder entschlüsseln können. Das ist die Aufgabe von Gott. Ich kann es kaum erwarten, ihn ... oder sie zu treffen.


Love, Britney"


Von Rudolf Steiner stammt der Hinweis, dass die Kunst, also auch die Musik und der Tanz, ein Weg aus der Selbstbezogenheit des Egos ist. Ein Weg der zum wahren Selbst und zur Wahrheit führt. Britneys Waffen in diesem Kampf ist ihre Kunst.

Hier gehts zur offiziellen deutschen Britney Spears Webseite

„Wagenladungen von Notizbüchern“ Der Stift als Waffe der Geistesjägers

Ich kann nicht richtig denken, wenn ich nicht dabei schreiben kann (manche behaupten, ich könne gar nicht richtig denken – sie attestieren mir, ich könne wohl schreiben, aber nicht denken und das wäre eine ganz besonders teuflische Kombination. "Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden" – Preisfrage: Wer wird hier zitiert?).
Mit Hesses Buch "Demian" fing es an und allmählich verstehe ich woran es liegt.


Dieses Buch faszinierte mich auf bisher nicht gekannte Weise. Ich war vierzehn oder fünfzehn und teile diese Phase der Hessischen Demianverehrung sicher mit Generationen von Pupertierenden. Zum ersten mal, schnappte ich mir einen Bleistift und notierte mir am Rand Stichworte, die mir einfielen und unterstrich einzelne Stellen und Passagen. Ich malte Zeichen und fixiert Einfälle. Von da an waren Buch und Stift unzertrennliche Partner.

Ein Buch, welches ich ohne Stift lese fliegt sofort wieder aus meinem Kopf. Die Striche und Kringel sind wie kleine Bindfäden, die ich an den einzelne Gedanken festknote und sie so fange.
Wenn ich mit Kollegen zusammensitze und wir überlegen uns eine Schlagzeile, oder einen Untertitel, dann sitze ich solange stumm dabei, bis ich mir Papier und Stift nehme. Dann werfe ich den kleinen Bindfaden aus Tinte oder Grafit wie ein Lasso aus und fange Wörter und Sätze ein. Jetzt erst kann ich sinnlich denken.

Auch in Podiumsgesprächen oder Diskussionsrunden brauche ich dieses Lasso – oft muss ich dann gar nicht mehr nachschauen, was ich notiert habe (noch öfter kann ich es gar nicht mehr lesen), es reicht, dass ich es einmal getan habe.
Der eine Moment der Geistesgegenwärtigkeit, verbunden mit dem ausgeführten Willen, exakt diesen Gedanken festzuhalten, macht aus einer Idee im Raum, meine Idee in mir. Oder anders: Mein Geist verbindet sich mit dem Geist da draussen und im Verbinden wird mir klar, dass wir aus dem gleichen Stoff sind und uns brauchen.

Wenn ich einen Artikel schreibe, dann habe ich vorher nur eine diffuse Ahnung um was es gehen könnte und erst beim Schreiben selber, fördere ich Dinge in meinen Computer, von denen ich nicht einmal diffus ahnte, dass sie in mir lebten. Mein Erkenntnisprozess ist abhängig von Stift, Papier und Laptop.

Schreiben ist immer eine Reduzierung und deshalb immer eine Lüge. Eine Reduzierung, weil es immer nur ein winziger Aspekt des EINEN sein kann, den ich aus diesem EINEN herausgreife. Diese Reduzierung ist aber auch die einzige Möglichkeit das EINE, zum menschlichen Leben zu führen. Schreiben ist immer eine Glückserfahrung, weil ich den Geist in mir zur Welt bringe und der Welt zeigen kann. Schreiben ist immer auch ein Schmerz, weil ich immer nur einen winzigen Aspekt des Geistes inkarnieren kann.

Der Geist kann teuflisch schnell sein und wenn ich ihn aufspüren und festhalten will, dann brauche ich das, was Rudolf Steiner in "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten" geschildert hat, nämlich Geistesgegenwart. Geistesgegewart ist nach Steiner "etwas ungeheuer Notwendiges für die Geisteserkenntnis".

Die Vorstellung von Steiner als einen Eingeweihten ist doch häufig so, dass er in aller Seelenruhe in die geistige Welt griff, daraus etwas für uns herausnahm und es in schönen Worten darstellte. Die Vorstellung, dass Steiner auch ein spiritueller Trapper, ein Geistesjäger war, der mit Papier und Bleistift bewaffnet auf der Lauer lag und Fallen stellte, ist uns eher fremd.
Anthroposophie, so wurde und wird es mir oft vorgelebt, ist doch eher etwas bedächtiges, etwas was nur in Ruhe und ganz tastend und zögernd wahr genommen werden kann.
In dem öffentlichen Vortrag in Den Haag vom 16. November 1923, "Anthroposophie als menschlich-persönlicher Lebensweg", präsentiert Steiner eine andere Version und sich als mit Stift und Papier aufgerüsteten Geistesjäger:


"Es ist eigentlich so, dass sehr viele Menschen verhältnismaßig rasch Erlebnissie in der geistigen Welt haben können. Mann muss aber Geistesgegenwart dazu haben, dass heisst rasch auffassen. Für die meisten Menschen ist das, was sie in der geistigen Welt erleben, zwar da, aber eh sie die Aufmerksamkeit darauf verwenden, ist es schon wieder weg. Man muss die Geistesgegenwart haben, den Seelenblick rasch auf das Erlebte hinzuwenden."

Dann plaudert Steiner aus dem Nähkästchen des Geistesjägers:

"Mir zum Beispiel ist es immer eine Notwendigkeit, entweder durch einzelne abgerissene Worte oder durch kleine symbolische Zeichnungen das zu fixieren, was sich mir in geistiger Anschauung ergibt. Das ist nicht deshalb, um etwas medial zu schreiben.
Es ist voll besonnenes, absolut bewusstes Schreiben, aber man betätig dabei nicht boß den Kopf, sondern auch etwas anderes, was die menschliche Tätigkeit vervollständigt zum ganzen Menschen hin, wenn man zugleich schreibt.
Es kommt dabei gar nicht darauf an, dass man dies, was man so geschrieben hat, dann später als Notizen verwendet, sondern es kommt drauf nur an, was man tut.
Ich kann ihnen verraten, dass ich ganze Wagenladungen von Notizbüchern auf diese Weise in meinem Leben zustandegebracht habe, die ich nie wieder angesehen habe – weil es darauf ankommt, das, was man in der geistigen Welt geschaut hat, mit einer stärkeren Kraft festzuhalten, als es die bloße Kraft des Kopfes ist. Und es wird mit einer stärkeren Kraft festgehalten, wenn man das Erlebnis in die Hand hinein in jenen Willensimpuls ergießt, der zum Schreiben führt."

Wenn Sie einmal nach Dornach kommen, dann sollten alles daran setzten, im Rudolf Steiner Archiv diese "Wagenladungen von Notizbüchern" zu besichtigen. Es ist ein ergreifender Moment, wenn die großen Schubladen aufgehen. Dann öffnet sich eine Welt, die uns immer verschlossen bleibt. Es sei denn, wir greifen zu den Waffen der Geistesjäger: Stift, Papier und Laptop.

Aufbereitet, wenn auch ohne de magischen Glanz der Originale, finden sie eine hervoragende Sammlung Steiners Notizbücher in diesem Katalog einer Ausstellung (daher auch das Bild in diesem Blog.

Mittwoch, 30. Mai 2007

Die Kraft der Entscheidung

Warum tue ich das, was ich tue? Warum entblöße ich mich? Warum erhöhe ich mich? Und das alles im Licht? Warum lasse ich nicht ab von allem was ich tue und trete in den Schatten? Denn egal was ich tue, immer finden sich ein Dutzend Leute, die genau das was ich gerade tue, vernehmbar verachten oder belächeln. Tue ich das Gegenteil findet sich ein anderes Dutzend. Warum tue ich, was ich tue?


Matrix, Mr. Smith:
"Warum, Mr. Anderson, warum, warum... Wieso tun Sie das? Wieso? Warum aufstehen? Warum weiterkämpfen? Glauben Sie wirklich, Sie kämpfen für etwas, für mehr als Ihr Überleben? Können Sie mir sagen, was es ist, wissen Sie es überhaupt? Ist es Freiheit, vielleicht Wahrheit, vielleicht Frieden - könnt‘ es für die Liebe sein? Illusionen, Mr. Anderson, Launen der Wahrnehmung! Vorübergehende Konstrukte eines schwächlichen menschlichen Intellekts, der verzweifelt versucht, eine Existenz zu rechtfertigen, die ohne Bedeutung oder Bestimmung ist!" Warum, Mr. Anderson?

Neo:
"Weil ich mich so entschieden habe."
Wir sind hier, weil wir uns entschieden haben, hier zu sein. Alles was Smith sagt, kann richtig sein, aber durch das alles hindurch, war es unsere Entscheidungen. Jenseits der Matrix erkennen wir: Alles ist unsere Entscheidung.

Der Bürger des 21. Jahrhunderts, ist ein Bürger, der sich entscheiden muss.
Wir werden nicht mehr in zementierte Strukturen geboren, wir können aufsteigen, absteigen.
Nichts ist mehr von struktureller Persistenz.
Wir selbst müssen immer wieder neu über jeden Schritt entscheiden. Entscheidend sind oft die kleinen Schritte.

Manche sagen mir, dass Idealismus und Begeisterung nicht lange halten werden und später würde vieles relativiert. Wenn aber eh alles im Rückblick relativiert wird (ja, so wird es sein), dann bedeutet das doch, dass die Gegenwart noch viel radikaler und kompromissloser gelebt werden muss. Soll ich jetzt schon anfangen zu relativieren, weil später alles relativiert wird? Soll ich dann einmal die Relativierung der der Relativierung betreiben?

Soll ein Krieger einen Kampf beenden, weil ihm bewusst wird, dass es nur ein Kampf unter milionen Kämpfen ist? Nein, gerade im diesem Bewusstsein der relativen Bedeutung oder relativen Bedeutungslosigkeit, legt er alles in genau diesen Kampf.
Der Krieger ist kein Historiker. Aber der Historiker ist auch kein Kriger. Sie sollten sich nicht in den Job rein reden.

Man hat mich in der Schule einen Text gelehrt, in dem vom "Schönen bewundern, vom Wahren behüten und vom Guten beschließen" die Rede war. Ich habe diesen Text viele Jahre in mir getragen, gesprochen und ihn in mir klingen gehört.

Ja, glaubt man denn nicht an das, was man uns damals lehrte?
Wenn ich heute, auch durch durch den anthropsoophsichen Schulungsweg, sukzessiv, eine authentische Beziehung zum Wahren, Schönen und Gute bekomme, soll ich dann sagen "naja, was ist schon Wahrheit? Schönheit liegt wohl im Auge des Betrachters und einen Kampf für das Gute ist nichts anderes als Talibanisierung des Humanismus?"

In der Schule war viel davon die Rede, dass man zu seiner Entscheidung und seinen Werten stehen müsse – auch wenn die Mehrheit dagegen sei.
Was hat sich seit damals geändert? Ich denke die Mehrheiten haben sich geändert.

Das Problem ist nämlich nicht, dass ich Schwärmer bin, oder mich mit Begeisterung für Dinge engagiere. Das Problem meiner Kritiker ist, dass ich es nicht für ihre Träume, sondern für meine tue.
Tut mir leid, aber Ihr habt mich in der Waldorfschule gelehrt, treu zu den eigenen Träumen und zum eigenen Herzen zu sein.
Jetzt verkörpere ich zwar Eure Haltung, aber meinen Traum.
Das ist es, was Euch weh tut.

Warum tue ich das, was ich tue? Weil ich mich dafür entschieden habe, meine Träume zu leben. Das war einmal ein alter 68er Sponti-Spruch.
Jetzt ist es mein Spruch.
Basta.

"Ein Krieger des Lichts fällt Entscheidungen. Seine Seele ist frei wie die Wolken am Himmel, aber er ist seinem Traum verpflichtet." (P. Coelho)


Montag, 28. Mai 2007

Fülle und Leere - Pfingstgedanken. 2. Teil: Das Modul der Fülle

Leere ohne Begrenzung kann nicht gefüllt werden.
Anthroposophie bietet auch das Modul der Fülle an. Neben dem Modul der Leere ist das Modul der Fülle jenes, welches Baumaterial und Werkzeug für die Begrenzung, für die Wändes des erstklassigen Tempel anbietet. Reichtum und Schätze, Farben und Formen, Strukturen, Gerüste und Bilder und Symbole in Hülle und Fülle.


Mit Hilfe der Anthroposophie konstruieren wir uns zu einem würdigen Gefäß, wir bilden uns um zu einem heiligen Gral, in den sich der heilige Geist ergießen kann, oder, je nach Sichtweise, in dem der heilige Geist in uns aufsteigen und geboren werden kann.

Anthroposphie killt somit niemals die Persönlichkeit, sondern sie gestaltet den sündigen Menschen zu einem geläuterten Menschen um, sie schafft starke, fähige und ausgehölte Persönlichkeiten. Ausgehölt?
Sie erlöst den Menschen vom angstvollen und schwachen Ego und schafft ein "Loch der Freiheit" (van der Meulen) für den Geist, der dann in diesem freien Menschen aufleuchten kann.

Pfingsten wird deshalb von Steiner "das Fest der freien Individualität" gennant, weil die Menschen allmählich und in einem evolutionären Prozess zu dem freien Entschluss finden, eine athletische Leerheit, ein heiliger Gral zu werden. Ein Gral, der im Moment der Leere und des Abgrundes, Heiligkeit erzeugt, die sich mit der kosmischen Heiligkeit vereint. Anthroposophie fürhrt das "Geistige im Menschen, zum Geistigen im Weltenall". (Steiner)

Im christlichen Kontext, ist dieser Moment das Pfingsereignis, in dem die Apostel vom heiligen Geist erfüllt werden.
Der Geist entzündet sie, sie reden alle in unterschiedlichen Sprachen, ein Bild für freie, individualistische und starke Persönlichkeiten, sie sprechen verschiedenste Sprachen – aber sie verstehen einander und sie lieben einander. Sie sprechen mit "Feuer und Flamme", aber sie verbrennen sich nicht, sondern sie beGEISTern sich.

Sie sind frei UND vereint. Sie sind Einzeln UND Gemeinschaft.
Bedeutsam ist nämlich, dass die Apostel dieses Ereignis zwar als einzelne Menschen erleben, aber nur in der Gemeinschaft (im Pfingstbild ist es "das Haus") dazu finden können.
Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche, der Gemeinde.
Sinn und Zweck der Kirche ist es demnach, permanent eine "Gemeinschaft der Heiligen" zu organisieren um die Präsenz des heiligen Geistes zu ermöglichen.

Die Apostel sind eine Gemeinde, die ihre bewussten subjektiven Standpunkte transzendiert und auf etwas höheres ausrichtet.
Transzendieren bedeutet, dass sie ihren Standpunkt zugunsten eines höheren Standpunktes verlassen. Alles, was ihr alter Standpunkt ausgemacht hat, bleibt erhalten, aber erfährt einen Wertezuwachs ein "darüber hinaus". Ihr alter Standpunkt war angemesen, aber ihr neuer Standpunkt ist angemessener und wertvoller.

Durch die Gemeinschaft können die Apostel ihre ICH-Impulse bündeln und auf ein intersubjektives Feld zentrieren – dieses Feld reagiert auf diese tranzendierten Impulse.
Ich erlebe dieses Feld so, dass es gleichzeitig immer vorhanden und immer wieder neu geboren werden muss. Es ist ein Über-ICH-Impuls, der von mir abhängt und doch so viel mehr ist als ich es bin. Dieses große Über-ICH, vielleicht sollte man lieber sagen, das ES, existiert nur wenn eine Gemeinschaft von bewussten Menschen will, dass es existiert.

ES ist abhängig von meinem ICH - und umgekehrt.

Im gleichen Maße ist ES undendlich weiser, mächtiger und älter als meine Person und wenn ES die Gemeinschaft der Individuen mit Liebe und Erkenntnis elektrisiert, dann wird die Gemeinschaft auf ein höheres Stadium gehoben, welches mehr ist als die Summe der individuellen Möglichkeiten.

In der christlichen Mythologie gibt es ein einfaches Bild für diesen Prozess:
"Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ICH unter Euch".

Der Christus, Bild für den universale Ich-Impuls, ist abhängig von den "zwei oder drei", also der Gemeinschaft – aber die zwei oder drei, müssen sich auf Christus ausrichten und ihre Namen ablegen, um diesen kosmischen Multiplikator zu erfahren.

So richtig, ernsthaft und bedeutsam das ist, so amüsant ist es auch. Denn aus der der Non-Dualen Erfahrung, aus dem All-Eins-Erlebnis, sind alle diese Begegnungen und Gespräche zwischen ICHen und Über-ICHen und ES und DU...nichts weiter als Selbstgespräche, die Gott mit sich führt. Ein Gott, der gerade aufsteht und sich fragt, was er heute mal unternehmen könnte...
Frohe Pfinsten!
Bild: El Greco, Ausgießung des Hl. Geistes.

Sonntag, 27. Mai 2007

Fülle und Leere - Pfingstgedanken in zwei Teilen. 1. Teil: Warum es gut ist, dass wir alle hohl sind

Wer aufnehmen will, muss erst leer werden und er braucht ein intaktes Gefäß. Religiöse und spirituelle Software arbeitet seit jeher mit diesen beiden Modulen – auch die Anthroposophie. Einerseits geht es darum, leer zu werden, sich zu öffnen, einen freien Raum der reinen Aufmerksamkeit in sich zu schaffen und sich von allen störenden Gefühlen und ablenkenden Vorurteilen zu befreien.
Der anthroposophische Schulungsweg bietet viele solcher Leerheitsmodule an, die im Christentum zu einem Zustand führen der in dem Christuswort vom „seelig sind die geistig Armen“, seinen Niederschlag findet.

Andererseits geht es um Bildung, um Erkenntnisse und um Wissenschaft, es geht um die Aneignung von Kompetenz, umfassender Bildung und Erfahrung, es geht darum sich übersinnliche Organe zu schaffen. Es geht darum reicher und kräftiger zu werden.

Vom Waldorfkindergarten bis zur Sterbebegleitung wird immer wieder betohnt, dass Anthroposophie keine Lehre sei – das kann verwirren, denn de facto lehrt sie doch, vermittelt Wissen und will studiert werden.

Das Missverständnis löst sich auf, wenn man sich anschaut, worauf sich Wissen, Studium und Lehre beziehen. Anthroposophie ist in dem Sinne keine Lehre, weil keine inhaltlichen Wahrheiten verkündet werde, die man gläubig aufnehmen soll – im Gegenteil.
Sie ist vielmehr Mittel zum Zweck. Das Mittel ist die Schaffung eines menschlichen, bruchsichern, funktionsfähigen Gefäßes. In der Hirnforschung spricht man davon, dass möglichst starke und vielfältig geknüpfte Netze gesponnen werden müssen, in denen das Wissen hängen bleiben und andocken kann – Anthroposophie knüpft solchen Netze aus reinem und edlem Nichts.

Sie will einen Ort arrangieren in dem absolute Hochspannung herrscht, eine knisternde Konzentration, eine zerreissende Stille. Wie ein festlich ausgeleuchtetes Fußballstation mit sattem, grünen, hoffnungsvollen Rasen und der Bereitschaft aller Fans für ein großes Ereignis von dem sie Teil werden wollen.
Aber das ist alles nur das Mittel zum Zweck. Das Stadion, die Zuschauer, das Licht und der Gesang...alles wartet auf das Ereignis, den Zweck des Stadions. Ein Ereignis mit absolut offenem Ausgang.

Der Zweck ist die Wahrheit die in diesem menschlichen Gefäß zum Leben wird, die das Netzt des Wissen zum glühen bringt und den Menschen zum Schöpfer werden lässt.
Über diese reine Wahrheit kann zwar gesprochen werden, aber sie ist letztlich nur etwas was erfahren werden kann und will – sonst bleibt sie leere Lehre.

Darum arbeitet Anthroposophie am Menschen. Sie will einen Beitrag dazu leisten, dass er fähig und würdig für die Wahrheit wird.
Anthroposophie erfüllt somit ein Pauluswort aus dem ersten Brief an die Korinther, welches inhaltlich im Zusammenahng mit dem Pfingsfest steht:
„Wisst ihr denn nicht, dass euer Leib ein Tempel des euch innewohnenden heiligen Geistes ist? Ihr hab ihn von Gott empfangen; ihr gehört euch nicht selber an...Lasset nun euren Leib zu einer Offenbarung Gottes werden.“

Im Laufe der Menschheitsentwicklung ließ der Menschen immer mehr ab von den großen, ihn ausfüllenden, magischen und mythologischen Inhalten und Bildern, die er ansonsten mit der sozialen Muttermilch aufgesogen hatte.
Menschliche Entwicklung bedeutet in diesem Sinne nicht „mehr“ werden, sondern „weniger“ werden. Weniger Mythen, weniger Magie und mehr vorurteilsfreie und leere Aufmerksamkeit.
In diesem Sinne ist es gut, dass wir keine, oder immer weniger allgemeinverbindliche Werte, Regeln und Normen mehr haben. Orientierungslosigkeit ist so gesehen eine Tugend.

Der Mensch wurde tatsächlich immer hohler.
Steiner: „In jenen Zeiten, in denen das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat, ist der Mensch ausgehöhlt worden, ist er hohl geworden.“

Wie alle großen Religionen, hat auch das Christentum große atavistische Sinnbilder geschaffen. Das Mysterium von Golgatha ist sicherlich eines der eindruckvollsten. Es bezeichnet einen Prozess, in dessen Verlauf der Mensch sich nicht länger mit den Symbolen des Menschen identifiziert, also mit seinem Körper, seinen Gefühlen und alles was Ding und Illusion ist. Alles das wird gekreuzigt und stirbt. Es stirbt, damit etwas anderes, die Wirklichkeit, auferstehen kann.

Der Mensch wird leer, damit er erfüllt wird – stirb und werde.
Wenn Rudolf Steiner die Anthroposophie als die moderne „Wissenschaft vom Gral“ bezeichnet, dann tut er dies in genau diesem Sinne. Der Mensch als ein Wesen, welches sich zum Glas, zum Tempel, zum heiliger Kelch, zum Gral transformiert.

Anthroposphische Selbsterkenntnis ist somit nicht nur ein Prozess in dem man immer mehr und mehr über sich erfährt, sondern ein Weg dahin zu erkennen, dass man nichts von dem ist, für was man sich gehalten hat. Am Ende befreit man sich selbst von der Identifizierung mit seiner Person mit Namen und Biografie. Das ist das Modul der Leere. Ohne dieses Modul keine Erfüllung.

Lesen Sie morgen: Das Modul der Fülle

Samstag, 26. Mai 2007

Geheime Chronik eines Hauses

Das Haus, in dem ich seit einem Monat lebe, wurde ungefähr 1880 gebaut. Ich wollte wissen, welche Geschichte dieses Gebäude hat und fragte mich durch Stadtarchiv und Baubehörde. Die Auskünfte waren freundlich, aber mager. Dann bekam ich den Hinweis auf einen "Alten vom Dorfe". Tatsächlich konnte mir dieses wandelnde Archiv nicht nur sämtliche Daten und Fakten nennen, sondern auch viele lebendige Geschichte um dieses Haus erzählen.

Geschichten von kleinen Bahnangestellten die hier, gegenüber vom Bahnhof, lebten, vom Oberlehrer mit seinen sechzehn Kindern und Geschichten vom Krieg, geheimen Tunneln und Hakenkreuzfahnen. In solchen Häusern, bitte entschuldigen Sie diesen etwas respektlosen Umgang mit einem bedeutenden Ausdruck, erlebe ich die "Taschenbuchausgabe der Akasha-Chronik".
Vom ersten Moment des Betretens dieses Hauses an flimmerte und summte etwas darin. Etwas, was in keinem Neubau ist, etwas, was Geschichte und gleichzeitig Ewigkeit ist. Ein bleibender Eindruck alles Gewesenen.
Begriffe wie Akasha-Chronik wollen wir als Anthroposophen nicht so gerne öffentlich nutzen, lieber verweisen wir auf wachsende Schulen, Banken und Landwirtschaft.

Aber gerade in diesen okkulten Begriffen liegt eine besondere Kraft der Anthroposophie. Eine Potenz, die weit über das hinaus geht, was ist. Ich schäme mich nicht für die geheime Seite der Anthroposophie. Sie hat Wachstumspotenzial und wer, wenn nicht wir, könnte davon besser reden?

Rudolf Steiner schreibt sehr klar über die Akasha-Chronik: "Wir machen uns den besten Begriff davon, wenn wir uns klar sind, dass alles, was auf unserer Erde oder sonst auf der Welt geschieht, einen bleibenden Eindruck auf gewisse feine Essenzen macht. Das, was er damals gedacht, gefühlt, gewollt hat, das, was in seine Taten übergegangen ist, ist nicht ausgelöscht, sondern es ist aufbewahrt in dieser feinen Essenz."

Akasha-Chronik ist nichts Unerklärliches und Mysteriöses. Jeder hat die Gabe, sie in Ansätzen zu entziffern. Jeder kennt Orte, an denen er sich unwohl fühlt, wo man die Glorie oder das Grauen vergangener Tage mit Händen greifen kann.
Dieses Gespür ist der erste feine Ansatz, um diese Chronik zu lesen.
Jeder, der sich hineinversetzt in längst vergangene Zeiten, kann das "Vorwort" zur jener Akasha-Chronik, das "Astrallicht", wahrnehmen. Im >Astrallicht<>"ist keine gewöhnliche Chronik, sondern eine Chronik, die man als eine lebendige bezeichnen könnte. Der Seher kann es >sehen<", so Steiner.

Zu Sehern werden wir alle, wenn wir Seher werden wollen und den Mut haben die Sinne zu öffnen. Jemand, der mit offenen Augen, Mund und sonstigen Sinnen in der Welt steht, sieht vielleicht etwas seltsam aus, aber er wird zu einem ganzheitlichen Organ... Und die drei Affen waren noch nie das Symbol der Anthroposophie.

Weite Teile dieses Textes stammen aus meiner Einleitung von inmedia. Inmedia ist der für alle kostenlose und wöchentlich erscheinende Newsletter "info,- und medienspiegel anthroposophie" aus dem Hause info3.

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Freitag, 25. Mai 2007

Vortrag: „Du schaffst das schon - selbstbewusste Kinder in einer unsicheren Zeit“.

Beim öffentlichen Schreiben, das erfährt mitterweile auch jeder Blogger, gibt man manchmal mehr von sich preis als man beabsichtigt. Manchmal ist das schön und manchmal tut das weh. Man kann das nicht abbestellen – es ist im "Paket Öffentlichkeit" enthalten. "Andererseits kann man sich hinter dem Preisgegebenen verstecken, was auch eine Form von Freiheit ist." (A. Laudert)
Bei Vorträgen ist das wieder etwas anderes.


Vorträge waren eine Zeit lang out. Nicht nur, dass die ehemaligen Zuhörer ihre eigenen Schätze selber heben wollten, anstatt sie ständig von fremden Weisheiten überlagern zu lassen. Es war auch so, dass die Reden, die früher noch viele Ohren fanden, nicht mehr funktionierten.
Die Inhalte veränderten sich nicht, aber die Zuhörer hatten das Gefühl, dass sich zwischen dem Inhalt und dem Redner eine Klufft auf tut. Inhalte die nicht in Deckung mit dem Redner waren, fanden keine Abnehmer mehr. Das alles wird im Diskurs der Anthentizität behandelt.

Mitterweile ändert sich die Vortragszene wieder. Ich selber erlebe es als Redner so, dass der Preis noch höher wird und der Raum in dem ich mich verstecken könnte, noch kleiner wird.
Ich muss mich zeigen, aber ohne Seelenstriptease. Ein Seiltanz der gelingt und nicht gelingt und bei dem mir die Zuhörer helfen müssen. Dann erst kommt der Inhalt und auch da wird zwischen authentischer und angelesener Kompetenz sehr sensibel unterschieden.

Gerade bei eher kleineren Vorträgen, wie der heutige im Waldorfkindergarten Pusteblume, bin ich mit meinen Zuhörern ganz dicht zusammen. Wenn ich über Scheidungskinder spreche, kann ich nicht so tun als wäre das nicht mein Thema. Wenn ich über die Unsicherheit und "Dunkle Nacht der Seele spreche", kann ich keine netten Tipps geben , sondern muss zuerst von meinen dunklen Erfahrungen sprechen. Dann öffnet sich der Raum in dem ich auch über die Transformation zum Guten sprechen kann.

Der Vortrag "Du schaffst das schon - selbstbewusste Kinder in einer unsicheren Zeit" handelt natürlich von Kindern und auch von äusseren Faktoren der Unsicherheit. Aber vor allem geht es um uns Eltern und unsere eigenen Angst und Unbewusstheit.

Weil Eltern immer Vorbilder sind, führt der Weg zur Seele des Kindes über uns selber - darum ist der Satz "Erziehung ist Selbsterziehung" so richtig.

Es geht darum, den "Mythos der heilen Kindheit" (M. Weiss) zu entschleiern und gleichzeitig wirkliche Heilmittel für die kindliche Seele zu erschafen. Heilmittel die in uns sind. Anthroposophie will helfen, dass wir unsere in unserer eigenen Seelen-Apotheke besser auskennen und bedienen können.

20 Uhr, Waldorfkindergarten "Pusteblume"Raiffeisenstrasse 1153501 Grafschaft-Oeverich

Bild: Lyonel Feiniger, 1911

Donnerstag, 24. Mai 2007

Verbündete - Teil Drei: Das neue grün ist gelb


So, wie sich die Grüne Bewegung und die Anthroposophie in den siebziger und frühen achtziger Jahren gegenseitig inspiriert, unterstützt und gefördert haben, bis zu einem, nie wieder erreichten Boom, der die Republik verändert hat, so besteht heute die Chance mit neuen Koalitionen den Sprung auf den nächsten Level zu erreichen.

Die Grüne Bewegung steht für bestimmte Qualität, die zu ihrer Zeit angemesen waren.
Dazu können gezählt werden:

Das ökologische Bewusstsein, die soziale und mediale Vernetzung unter gleichen Bedingungen für alle, das Herausstellen von Gefühlen und sozialer Verantwortung für Mensch und Schöpfung. Die Etablierung gleichrangiger Bindungen und die Abneigung gegen Hierarchie. Die Betonung des Dialoges und die Beziehungen als Basis der Wertegemeinschaften . Entscheidungen wurden im Konsens getroffen und die kirchliche und ausserkirchliche Spiritualität, zu der auch die Anthroposophie gehört, wurde erneuert. Eine pluralistische und egalitäe Werteordnung setzte auf Vielheit auf allen Enbenen als erstrebenswertes Modell.
Das Verhältnis zur Wahrheit wurde subjektiviert und von menschlicher Wärne durchdrungen. Organisationen wie Greenpeace wurden zu etablierten NROs.
Die Vertikale wurde gefällt und es blieb die Horizontale. Keine Höhe und Tiefe mehr. Nur noch Flachheit.

Nicht nur die Anthroposophie wird ist bis heute von diesem grünen Impuls durchdrungen und hätte ohne diese Grüne Bewegung niemals den gesellschaftlichen Rang erreicht, den sie heute hat. Sie konnte sich im Leben und den sozialen Zusammenhängen beweisen und Anerkennung finden. Die Grüne Bewegung auf der anderen Seite, wäre ohne den anthroposophischen Tiefgang, frühzeitig gestrandet.

Das war das Grüne Bündnis90.
In der Grünen Bewegung ging es ums überleben. Es ging darum, die Grundlagen zu sichern. Die ökologischen, die sozialen Grundlagen und die humanistischen. Wo ist noch Steigerung möglich? Noch mehr grün? Ganz viel grün? Wenn alles, bis zu G8 und bis zur Industrie grün wäre, wäre dann alles gut? Immer weiter die Lebensgrundlagen sichern? Aber wozu? Wo ist die höhere Bedeutung dieses Grundlegenden? Warum wollen wir überleben?
Um es plakativ zu sagen: Wir sind immer noch damit beschäftigt Futter zu besorgen, unsere Höhle warm und unsere Mitbewohner und Nachbarn bei Laune zu halten. Wir tun das mitterweile so, dass alle nett miteinader sein wollen und alles auf eine sehr vornehme Art und Weise – aber war das alles?

Was wird das Bündnis21?
Wollten wir nicht viel weiter kommen? Wollen wir nur die kleinen Nebenübungen machen, nicht die großen Hauptübungen? Was ist mit dem neuen Hellsehen, was mit dem ätherischen Christus, wollen wir noch zum Geistselbst und stehen wir Menschen, nach Steiner, jetzt wirklich "Anstelle Gottes?" Wollen wir die Menscheit so repräsentieren, oder können wir uns noch völlig neue und unerwartete Qualiäten aneignen? Wollten wir nicht "übersinnliche Welterkenntnis und Menschheitsbestimmung"? (Steiner)

Diese Ziele erreichen wir allerdings nicht mit dem egalitären und netten grün. Es ist eine Stufe, aber icht das Ziel.
Der geistige Aufbruch, die nächsten kleinen Schritte und großen Sprünge dieses Bewusstseins erfordert etwas, was wir in unserer begrünten Höhle vergessen haben: Die spirituelle Evolution in die unbekannten Zonen. Der Bewusstseinsschritt in das Terra incognita, welches genau so ausehen kann, wir wir es aussehen lassen.
Um diesen Schritt zu erreichen ist es aber unabdingbar, dass wir unsere Bewusstseinseele wirklich zu dem aufsteigen lassen was Wahr, Gut und Schön ist. Dieses Wahre, Gute und Schöne wird unser praktisches Erleben in jedem Augenblick.
Aber dann muss das Grün sich verwandeln. Denn wenn ich das Schöne als Wirklichkeit in mir sinnlich erfahre und bewundere, dann erkenne ich auch, was weniger schön, was gar hässlich ist. Rangordnungen entstehen und müssen im Zweifel verteidigt werden. Ich nehme wieder wahr, dass es das Böse und das Gute gibt – eine Kategorisierung die als überholt galt und die harte Konsequenzen erfordert, wenn ich weiter das Gute beschließen will.
Ich kann dann unterschiieden nach wahren Gurus und falschen Lehrern – Hierarchien des Wissens und der Erkennnis werden nun in mein Leben, auf allen Ebenen und in allen Bereichen, integriert.

Auf diesem neuen Gutheits,- Schönheits,- und Wahrheitserleben ist es möglich den großen Sprung vom Grundlegenden zum Bedeutsamen zu machen. Das ist der Sprung von Grün, zu Gelb. Und das ist eigentlich erst der Anfang eines Abenteuers, welches gerade beginnt...und die Reise führt uns exakt da hin, wohin wir die Resie führen. Diese geistige Entwicklung will Anthroposophie, als eine evolutionäre Spiritualität.

Inspirierende Verbündeten als Gegenüber zu haben, ist für die Anthroposophie eine Stärkung in jeder Hinsicht. Das "Karma der Anthroposophischen Gesellschaft" geht über diese Gesellschaft hinaus, die Suche nach Verbündeten fängt gerade erst an und wenn sich jetzt die ersten Allianzen bilden, dann ist das Grund zur Freude und nicht zur Nervosität.
Es werden Allianzen aus souveränen Partnern, die das Gute, Wahre und Schöne als eine authentische, spirituelle Wirklichkeit erleben. Eine Wirklichkeit, die selber Verbündete braucht um sich zu immer neuem und höheren Leben zu entwickeln.

Zum weiterforschen:
Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band 6.

Rudolf Steiner: Theosophie. Einführung in die übersinliche Welterkenntnis und Menschheitsbestimmung

Mittwoch, 23. Mai 2007

Verbündete - Teil zwei: Die kosmische Akademie


Im ersten Teil des Dreiteilers "Die Verbündeten" ging es um das anthroposophische Bündnis und die Anthroposophische Gesellschaft. Diese "spirituelle Bewegung, auf philosophischer Grundlage mit sozialer Ausrichtung" (Heisterkamp), die stolz auf das Erreichte sein kann und gleichzeitig, wie Jens R. Prochnow sagt, auf die Frage "was man hat" mit einem "charmanten ‘Nichts’ antworten muss. Lesen Sie nun, warum die neuen Bündnisse die alten sein könnten, wohin dieser dynamische Dialog führt und was es die kosmischen Akademie sein könnte.

Gerade wenn man eine öffentliche Person ist, dann erfährt man, dass auch andere Gesinnungen Bündnisse bilden um ihr jeweiliges Weltbild und ihre Vision von der Zukunft, zum Durchbruch zu bringen. Öffentlichkeit ruft Opposition hervor.
Schreiben und Veröffentlichen zieht im besten Fall aber auch echte Verbündete an – für mich ist das immer eine Sternstunde meines öffentlichen Daseins.

Wenn sich diese Verbündeten, mit ihrem klaren Profil und spezifischen Erfahrungshorizont, dazu entscheiden, sich mit Freude und größt möglicher Offenheit auf etwas einzulassen, was es noch nicht gibt, sondern erst kreirt werden muss, dann wird diese Sternstunde erschaffen.
Als besonders attraktive und der innerlichsten Ausrichtung der Anthroposophie geistesverwandte Bewegung, durfte ich die Integrale Initiative Frankfurt kennenlernen. Freunde und Schüler die sich um den spirituellen Lehrer Andrew Cohen und den Philosophen Ken Wilber formieren. Die von Cohen gegründete Zeitschrift What is Enlightenment? ist für diese Strömung ebenso ein Medium, wie es die Zeitschrift info3 für die Anthroposophie ist.
Gemeinsam und offen für weitere Partner und Verbündete, führen diese Menschen den Integralen Dialog.

Ich habe Ideen und Menschen mit andere Traditionen, andere Sozialisationen und anderen Begriffen kennen gelernt und sie rufen bei mir nicht nur kritikloses Einverständis und Begeisterung hervor, sondern auch Verwirrung und Fragen. Es ist vieles anders und manches ähnlich aber es ist das gleiche "Geistige im Weltenall", zum dem diese neuen Verbündeten "das Geistige im Menschen" führen wollen.

Ich erlebe die Inspirationen durch diese Verbündete als etwas was Anthroposophie, auf eine für mich nie geanhnte Weise, erneuert, bestätigt und transzendiert.

Kann es eine Allianz sein, die im Himmel geschmiedet und auf der Erde wirksam wird? Rudolf Steiner jedenfalls ging davon aus, dass es solche eine kosmische Akademie gibt und dass sich diese "übersinnliche Michaelschule" in unserer Zeit in verschiedensten Konstellation findet. Könnte es sein, dass der Anthroposophie gerade eine besondere Chance widerfährt, dass wir einige Verbündete wieder finden? Für mich ist das keine rhetorische, sondern eine zu erforschende, eine offene und spannende Frage. In jedem Fall ein Abenteuer auf welches ich mich einlasse.

Die Integrale Initiative hat andere Erfahrungen und andere Begriffe. Sie sind jünger, sie sind kleiner, sie sind ungeheuer kraftvoll, sie sind anders, aber sie haben die gleichen nächsten Schritte vor sich: Die vollständige Entwicklung der Bewusstseinsseele hin zum Geistselbst. "Die Bewusstseinsseele", so Rudolf Steiner, berührt die von jeder Symphatie und Antipathie unabhängige, durch sich selbst bestehende Wahrheit", die das Geistselbst in sich trägt. Es ist die Evolution des Menschen hin zur kosmischen Idee, zum "authentischen Selbst" (Cohen), zum Christus-Impuls (Steiner). Zu einem Zustand jenseits des Egos. Frei von persönlichen Befindlichkeiten und frei von Karma. Es ist die Realisierung des Schöpfer-Impulses im Menschen der die Gegenwart umgestaltet, es ist das "nicht ich, sondern ES in mir. Es ist die Verwirklichung eines Dranges, der immer in jeder Situation neu präsent sein will.

Nicht irgendwie, sondern indem man aus diesem Liebes-Impuls heraus los legt. Für sich, für seinen nächsten und für Gott. Aus Liebe zur Tat.

Verbündete sind verschieden und bleiben verschieden – auch das ist Stärke. Nicht die Verbündeten profitieren von einander, sondern die Idee profitiert von diesem Dialog. Es ist ein dynamischer Dialog und er geht über uns hinaus. Er geht in das hinein, was sich bildet, wenn wir in diesem Bewusstsein zusammen sind.

Es ist für mich ein bewegendes Experiment, herauszufinden was wir gemeinsam erreichen können, wo wir uns behindern, wo ergänzen und wohin die Reise geht.

Für mich sind es frohe Tage.

Lesen Sie morgen: "Warum das neue grün, gelb ist"

Bild: William Blake (1757-1827), Glad Day

Dienstag, 22. Mai 2007

Verbündete - Teil Eins: Das anthroposophische Bündnis

"Was bedeutet Dein Beruf, das öffentliche Schreiben, für Dich?"

Diese Frage beantwortete ein hoch geschätzter Kollege von mir mit diesem Satz: "Das öffentliche Schreiben ist die Such nach Verbündeten."
Über das anthroposophsiche Bündnis, die kosmische
Akademie und warum das neue grün, gelb ist. Eine Suche in drei Teilen.

Ein Grund, warum ich Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden bin, ist, dass ich dort Verbündete gesucht und tatsächlich gefunden habe. Verbündete sind wichtig – gerade dann, wenn dasjenige was man in sich für bedeutsam, ja für heilig erachtet, etwas ist, was man gleichzeitig als fragil und als mächtig empfindet. Verbündete sind wichtig für Menschen, die sich mit ihrer Persönlichkeit einer überpersönlichen Idee widmen.

Diese überpersönliche Idee nehmen Anthroposophen als etwas wahr, was in einer spirituellen Dimension existent ist. Es ist zunächst unwichtig wie die diese Dimension erlebt wird. Ob als Frage, als Gewissheit, als Erfahrung oder als Sehnsucht.
Die Impulsivität und der Wirkunsgrad dieser Idee, ja ihr eigenes erwachen zu einer lebendigen Wahrheit, einer Wahrheit die uns alle mehr und mehr frei macht und uns unsere wahre Würde verleiht, ist abhängig davon, ob Menschen, alleine und im Bündnis mit anderen Menschen, diese Idee mit Ihrem Wissen, ihrem Bewusstsein und ihrer Liebe zu einem wirkunsvollen Faktor machen.

Anthroposophen glauben nicht daran, dass sie nur auf etwas warten können (oder müssen) was sie befreit, Anthroposophen sind sich sicher, dass ihr Freiheitsgrad im Wesentlichen von ihnen selber abhängig ist. Hier und Jetzt. Darum gehen sie einen Erkenntnisweg.

Es geht ihnen aber nicht nur um ihre eigene Befreiung. Anthroposophen sind Menschen, die im gleichen Maße dazu beitragen wollen, dass andere Menschen diesen Freiheitsimpuls, dieses Erwachen zu den eigenen Potenzialen auch vollziehen können. Darum gründen sie Schulen, Banken und Bauernhöfe wo nicht nur Geld fließt, sonder diese spirituelle Dimension den Alltag transformiert.

Aber etwas drittes, bedeutsames und in diesem Sinne höchst seltenes kommt hinzu. Anthroposophen wollen nicht nur herausfinden was der Sinn ihres Lebens ist, sie wollen nicht nur sich selber entwickeln, sie sagen nicht nur, "ich brauche diese kosmisch spirituelle Dimension für mein Leben". Sie fragen, "was kann ich dieser kosmischen spirituellen Dimension geben?". Ja, sie erlebe diese geistige Welt als eine, die geradezu davon abhängig ist, was wir denken, wie wir fühlen und welche Taten wir tun.

Anthroposophen sind Menschen die Verantwortung für sich, für die Welt und für die Welt hinter der Welt übernommen haben. Das ist viel und darum geht manchmal auch viel daneben, aber es ist auch schon viel erreicht worden.

Anthropsophen machen sich nicht nur Gedanken und Sorgen um diese spirituelle Dimension, um die geistige Welt, sondern sie tun täglich und überall auf der Erde etwas, damit diese Dimension immer kraftvoller, lebendiger und bewusster wird. Wer solche Dinge in sich trägt, wer bereit ist für diesen Kraftakt, der braucht Verbündete - nicht nur als Hhelfer in der Not, auch als Freunde im Glück. Meine Freude, dass ich in der Anthroposophen Gesellschaft dieses Bündnis gefunden habe, ist richtig groß.

Lesen Sie morgen den zweiten Teil: "Die kosmische Akademie"

Zum weiterforschen:
Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band 6.

Sonntag, 20. Mai 2007

„Bist Du, was Du vorgibst zu sein?“

Wenn ich anderen (oder mir zuhöre), dann stelle ich mir oft nur eine Frage: "Bist Du, was Du vorgibst zu sein?" Mich interessieren Gedanken und Theorien, mich interessieren Philosophien und Weisheiten. Aber am Ende interessiert mich, ob Menschen wirklich in Beziehung und Deckung mit Ihren Gedanken und Gefühlen leben.


Mich interessiert, ob jemand, so könnte man auch sagen, aus seinem ganzem "Ich" heraus spricht, oder ob er mehr Energie darauf verwenden muss etwas zu verbergen, vorzuspielen oder vorzugeben was er nicht ist oder gerne sein würde.
Vor einiger Zeit interviewte ich den Psychologen Dr. Johannes W. Schneider der mit mir im Arbeitszenrum der Anthroposophischen Gesellschaft in Nordrhein-Westfalen arbeitet.
Er erzählte aus seiner langen Erfahung als Lehrer und Ausbilder für angehende Lehrer folgendes:
"Da entwickelt sich bei jungen Menschen ein Sinn für Echtheit den wir damals als Schulkinder so nicht hatten. Wir haben damals eigentlich nicht wahrgenommen wer der Lehrer ist. Ob er ein guter oder ein schlechter Lehrer ist haben wir schnell rausgekriegt, aber das war wenig individuell. Heute können Sie als Lehrer viel mehr pädagogische Schnitzer machen, wenn sie nur zeigen wer sie sind und wenn sie das nicht zeigen, dann fangen Schüler an sie zu provozieren. Sie wollen, dass mindestens mal die Maske runterfällt.

Wir hatten damals kein Problem mit Masken – wenns die richtige Maske war, zum Beispiel die des guten Lehrers.
Der Sinn für Echtheit kam aus der Jugend und die Ältern haben daran teilgenommen."

Ich fragte Dr. Schneider an dieser Stelle wie er diesen Sinn geistig einordnet. Hier seine Antwort:

"Ich sehe das als Anfang eines neuen Hellsehens. Die Menschen können immer klarer sehen ob das "Ich" bei einem anderen Menschen heraus kommt oder eben nicht. Spricht ein "Ich" oder spricht eine Maske – das ist eine Frage mit der man heute immer besser umgehen kann."

"Bist Du, was Du vorgibst zu sein?"


Das Bild stammt von der Seite Kapstadt org

Samstag, 19. Mai 2007

Wo ist der Schmerz?

Als ich ein kleines Kind war, hing über meinem Bettchen ein Mobile mit Sonne, Mond und Sternen. Sie drehten sich über mir. Alles war gut. Immer, auch wenn nicht alles gut war.


Alles drehte sich um mich, alles war für mich geschaffen, mein kleines Kinderbewusstsein war eingehüllt in Sinn, alle, die um mich herum waren, gaben mir die magische Gewissheit, dass alle für mich da sind – selbst der Regen tropfte mir auf den Kopf, nur damit ich wachse. Kein Platz also für Fragen die schmerzhaft offen sind.
Ich besaß einen typisch kindlichen "Omnipotenzglauben" und meinte, dass ich der Nabel der Welt sei. Später verlor ich zwar dieses magische Selbstbewusstsein, aber ich übertrug nun die angenommene Allwissenheit und die omnipotenten Allmachtsphatasien auf meine Eltern - sie würden immer, immer für mich da sein und dafür sorgen, dass alles gut ist.

Später begrub ich zwar diese konkrete, familiäre Illusion, nicht aber die Illusion eines omnipotenten Subjektes. In meiner jugendliche Seele existierte nun ein omnipotenter Gott, bei dem alle Dinge möglich sind und dieser Gott würde mich am Ende zu sich holen und alles gut machen. Ich war nicht religiös, aber doch tief gläubig. In der Mythologie des Christentums fand ich eine Heimat, in der alle Sinnfragen in den einen Weg mündeten, der bei rechter Lebensweise ins Paradies führen würde. In einem Land, in dem alle Fragen im Paradies oder der Hölle ankommen, gibt es keinen Grund für selbstzerfleischende Fragen ohne Aussicht auf Antwort. Sinnerfüllte Antworten gab es in Hülle und Fülle.

Dann beschloss ich für eine kurze Zeit, dass Fragen nach dem Sinn des Lebens in dieser Welt keinen Sinn machten. Sobald sie auftauchten drängte ich sie ab, wich ihnen aus und wendete mich den fröhlichen und verstehbaren Dingen zu – schließlich war ich modern und aufgeklärt. In der Tiefe meines Unbewussten brodelten die Fragen jedoch weiter und wenn jemand diese Fragen stellte, dann machte ich mich über ihn lustig – als Rationalist musste ich aufpassen, dass keine Frage in mir wieder erwacht, die ich schon längst beerdigt hatte.

Manchmal flüchtete ich mich in diesen Rationalismus und fragte nur noch, was ich verstehen konnte, und manchmal fand ich sämtliche Antworten auf die ganzen Fragen darin, dass alles ein wundervolles, magisches und esoterisches Geheimnis sei. Auf jede Frage gab es dann eine Zuckerwatten-Antwort, in der alles mit allem irgendwie zusammenhängt, ja zusammen klebt. "Irgendwie" war das wichtigste Wort dabei und irgendwie war damit der bohrende Schmerz aus den Fragen verschwunden.

Aber irgendwie auch nicht.

Wo ist mein Schmerz heute? Was denken wir heute, wenn wir im Regen stehen? Müssen wir auf die Sonne warten? Warum wird der Schmerz schlimmer, wenn die Sonne auf geht?
Lesen dazu mehr in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift info3!


Als Vorbereitung empfehle ich:

Rudolf Steiner: "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten". Besonder das Kapitel "Der Hüter der Schwelle".

Ken Wilber: "Eros, Logos, Kosmos". Besonders das Kapitel "Wie weit reicht die menschliche Natur". Fischer.

Andrew Cohen: www.andrewcohen.org/de/, dort zum Beispiel "Das Gesetz der Willensfreiheit".
Außerdem laufend das Magazin "What Is Enlightenment?"
Jelle van der Meulen: Herzwerk. Besonders das Kapitel "Christus: das Herz der Gegenwart. Urachhaus Verlag.

Michael Rosen: "Mein trauriges Buch". Verlag Freies Geistesleben.

Auf dem Bild steht Bruce Willis in den "Tränen der Sonne"

Freitag, 18. Mai 2007

Die Hybris des Egos

Das Ego hat eine spezifische Krankeit: Es ist größenwahnsinnig.
Das größenwahnsinnige Ego erhebt sich über das wahre Selbst des Menschen und versucht es mit allen Mitteln klein zu halten. Dieses fette Ego ist ein Sprücheklopfer vor dem Herrn.

Das geht ungefähr so:
"Ich bin sooo wichtig, schau nur meine Gefüüühle, ohhh und meine Begiierden, das ist doch menschlich, ja ich bin so menschlich, sei mal lieber menschlich. Etwas Bescheidenheit würde dir übrigens auch gut stehen. Niemand kann aus seiner Haut wir sind alle kleine Sünder, so ist das Leben, da kann man nichts machen, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach und jeder muss schauen wo er bleibt."

Als immer gleicher Refrain, als egoisches Mantram: "Ich will so bleiben wie ich bin" und der Chor der mit Narzissmus infizierte Pluralisten flüstert eindringlich und verführerisch: "Du darfst..."

Das Ego sagt dem Menschen, der sich zum wahren Selbst, zum Christus, oder wie Andrew Cohen sagt zum "authentischen Selbst", oder zum hegelschen Weltgeist oder wie Steiner sagt "in das göttliche Leben der Idee" erheben will, das Ego sagt also:

"He, gib nichts so an mit Deinen Erleuchtungserfahrungen – Du verletzt andere, denn damit stellst du dich über diejenigen ohne diese Erfahrung. Achte stets darauf, dass keine Hierarchien entstehen. Wir sind alle gleich und Hierarchien sind Terror, denn dann bin ich ja nicht mehr die Nummer eins. Niemand sollte versuchen über sich hinaus zu wachsen, denn wer hoch steigt, der fällt tief und ausserdem: Denk an Ikarus, ja, ja. Bleib schööön auf dem Teppich!!!...Denk an das Lied von Nicole: Flieg nicht so hoch mein kleiner Freund, die Sonne brennt da oben heiss und wer zu hoch fliegt der kommt in Gefahr".
(Und das anthroposophische Ego sagt: "Es war der Luzifer und nicht der Christus")

Weiter spricht das Ego: "Wir sollten alle nur in Ich-Botschaften sprechen". Dabei verheimlicht das Ego, dass dieser Satz das Gegenteil einer Ich-Botschaft ist. Es erhebt den Relativismus zum absoluten Gesetz. Das ist wirklich ein Witz – aber keiner lacht.

Aber hauptsache wir sind alle nett zueinander. Sonst fühlt sich das Ego des anderen angegriffen und das wollen wir doch nicht – weil sonst könnte es ja uns angreifen. Und darum zitiert das Ego dann gerne den Alten Fritz: "Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden".

Was aber, wenn ich von einem höheren Standpunkt aus erkenne, dass das vermeintliche Glück eines anderen kein Glück, sondern Selbstzerstörung ist...was soll ich da tun?
"Nichts" sagt das relativistische Ego im Ton der absoluten Überzeugung. "Es gibt ja keinen höheren oder niedrigeren Standpunkt". Höherentwicklung? Evolution? "Nix Da!"

Das Ego-Credo geht weiter: "Wir wollen doch nett zu einander sein und eines darf nie, nie, nie passiren. Niemals dürfen wir die Gefühle anderer Menschen verletzen. Gefüüühle sind sehr wichtig und wahr ist nur, was wir subjektiv als Wahrheit, nein, nicht erkennen, fühlen. Für den anderen ist etwas anderes wahr."

Ja, die Gefühle sind wichtig. Aber, wenn die einzige Methode um herauszufinden ob etwas richtig oder falsch ist, mein Gefühlsbarometer ist, dann ergegben sich daraus spezifische Problem:
Eines davon ist die unterwürfige Form einer kulturellen Etikette, die Etikette der Nettigkeit, die Nettikette. "Wenn" so Wilber in What is Enlightenment?, "nur noch wahr ist, was wir fühlen, dann kommt das Verletzen von jemandes Gefühlen einer Verletzung der Wahrheit gleich, einem Affront gegen das, was als heilig angesehen wird nämlich uns selbst. Der Raum zwischen uns, der Boden, auf dem wir uns begegnen, wird zum Minenfeld. Und da wir in der selbstgerechten Wahrheit unserer eigenen, persönlichen, subjektiven Welt festsitzen, machen wir einander leichten Fußes und stets auf der Hut etwas vor."

Wir setzten das Gefühl und die Nettigkeit über die Wahrheit. Wir nehmen uns ernster als die Wahrheit, die wir zum Leben erwecken könnten. Dadurch wird die Quelle der Weisheit nicht mehr die reine Idee, sondern das Ego, welches versucht immer nett zu allen zu sein, nur damit auch alle nett zu ihm sind.

Nun, "der Mensch hat sich selbst ungeheuer gerne. Und durch die Selbstliebe ist es, daß der Mensch Selbsterkenntnis zu einer Quelle von Illusionen macht. So möchte sich der Mensch nicht gestehen, daß er eigentlich nur zur Hälfte ein soziales Wesen ist, daß er zur anderen Hälfte ein antisoziales Wesen ist." So sagt es Steiner und er stellt der Hybris des Egos eine kraftvolle Willensmeditation entgegen:

Sieghafter Geist,
Durchflamme die Ohnmacht
zaghafter Seelen.
Verbrenne die Ichsucht,
Entzünde das Mitleid,
Dass Selbstlosigkeit,
Der Lebensstrom der Menschheit,
Walte als Quell
Geistiger Wiedergeburt.

Mittwoch, 16. Mai 2007

Sieben Fragen nach Berlin

Die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland organisiert sich in regionale Arbeitszentren. Eines davon ist für NRW zuständig - im Kulturhaus OSKAR.
Was aber machen unsere Kollegen im Norden, Süden oder Osten? Ich habe Sie alle angeschrieben und ihnen ein paar Fragen gestellt. Nach den Antworten aus Frankfurt am Main, freue ich mich, Ihnen heute neues aus dem Arbeitszentrum Berlin präsentieren zu können.

- Die Anthropsophische Gesellschaft lebt stark durch die örtlichen Arbeitsgruppen (Zweige) und ihre vielfältigen Stimmen. In den regionalen Arbeitszentren kann die Vielfalt der Stimmen zu einer regionalen Melodie zusammenklingen. Welchen besonderen Klang bekommt die Anthropsophische Gesellschaft durch Ihr Arbeitszentrum? Moderner gefragt: Gibt es ein Alleinstellungsmerkmal, welches Sie für sich beanspruchen?
Nein, so modern-marketingmäßig sind wir nicht drauf. Die Reduzierung auf ein Merkmal wird unserer Situation nicht gerecht. Es darf sich jedeR sein individuelles Bild von Berlin machen.
- Neben den Anthroposophen gibt es viele größere und kleinere spirituellen Strömungen und Vereinigungen. Wie könnte ein Alleinstellungsmerkmal der Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland aussehen? Was haben wir, was andere nicht haben?
Auch auf die AGiD bezogen, finde ich diese Frage nicht würdig. Wenn wir das kalte, intellektuelle Konkurrenzdenken, welches der geistige Vater der Alleinstellungsmerkmals-Technik ist, auch für unser Denken anwenden, begeben wir uns ja gerade weg vom spirituellen Weg, der die Anthroposophie qualitativ ausmacht.

- In Deutschland diskutiert man auf der politischen-gesellschaftlichen Ebene das Verhältnis von Föderalismus und Zentralismus. Dabei hat sich das Prinzip der Subsidiarität als menschengemäß und effektiv herausgestellt. In diesem Zusammenhang gib es Diskussionen zur organisatorischen Reform der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, wie sie auch von Anna-Katharina Dehmelt, unter dem Stichwort "Zusammenschluss der Arbeitszentren", geführt wird. Wie stellen Sie sich zu dieser Diskussion im Allgemeinen und zu dem Vorschlag im Konkreten. Was ist Ihr Bild von einer wirksamen Struktur der Anthroposophischen Gesellschaft?
Das Interesse an diesem Thema ist in Berlin minimal. Nur vereinzelt gibt es Diskussionen, wobei die Einzelmeinungen ein weites Spektrum umfassen. Ich persönlich halte es für eine Illusion zu glauben, nur durch eine Strukturänderung signifikante Verbesserungen zu erreichen.
Mindestens genauso wichtig sind m.E. jeweils auch die handelnden Persönlichkeiten.
- "In der Anthroposophie kommt es auf die Wahrheiten an, die durch sie offenbar werden können; in der Anthroposophischen Gesellschaft kommt es auf das Leben an, das in ihr gepflegt wird." Diesen Satz Steiners als Grundlage nehmend: Welches Leben pflegen Sie in Ihrem Arbeitszentrum?
Dass einige Protagonisten in Berlin lange Zeit nicht sehr pfleglich miteinander umgegangen sind, dürfte allgemein bekannt sein. Beachtenswert ist jedoch die Wandlung, die sich langsam vollzieht und durch den neuen Initiativen-Kreis emergent geworden ist. Es gibt wachsende Aktivitäten, sich neu zu öffnen und Begegnung zu organisieren, das seelisch-geistige Erwachen am Anderen praktisch zu üben und neue, gemeinschaftsbildende Impulse zu geben.
- Gerne sagt man, dass die Anthropophische Gesellschaft keine Meinung habe, sondern nur die einzelnen Menschen in ihr. Wer sich aber als eine Organisation in das Leben stellt, ist auch als Organisation gefragt. Wie gehen Sie mit diesem Umstand um? Sollte die Anthroposophische Gesellschaft am gesellschaftlichen Diskurs offensiver, informierend, urteilend und aufklärend teilnehmen, oder gilt der Satz, dass sie keine Meinung hat?
Anthroposophische Ideen gehören viel stärker in den gesellschaftlichen Diskurs gestellt. Dazu bedarf es jedoch keiner offiziellen Gesellschaftsmeinung "certified by AGiD"; im Gegenteil, diese wäre m.E. kontraproduktiv und auch nicht realisierbar. Meinungen sollten freilassend sein.
- Wie schauen Sie, aus Ihrem Arbeitszentrum, auf die Arbeit in NRW?
Das mit OSKAR finden wir große Klasse, ansonsten sind wir, um ehrlich zu sein, noch ziemlich viel mit uns selbst beschäftigt...

- Warum ist es gut, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft zu sein?
Dies kann keine Frage an ein Arbeitszentrum sein, das muß jedes Mitglied für sich selbst beantworten.

Für das Arbeitszentrum Berlin
Armin Grassert
kfm. Geschäftsführer

(Wie Sie sehen, verfüge ich nun endlich wieder über einen funktionierenden Internetzugang. Danke an alle, die mit aufmunternden Worten meine Abstinenz begleitet haben. Es geht weiter...Sebastian Gronbach)