Bevor uns Johannes Kiersch seine Erwartungen zu dem bevorstehenden Berliner-Gespräch mitteilte und wir mit ihm über seine Ansichten sprachen, gab Anna-Katharina Dehmelt, als detailgenaue Kennerin des Zanderschen Werkes, einen umfassenden Einblick in die beiden viel diskutierten Bände.
Ihre klare, kritische inhaltlich Analyse, aber auch positiv persönliche Einschätzung, schloss sie mit dem Kommentar, dass Zander den Anthroposophen einen Ball zugespielt habe, den es nun gekonnt aufzunehmen gelte. Dieses Bild besprach ich anschließend mit Johannes Kiersch und wir waren uns einig, dass das, was da bei uns liegt, eben genau dieser Ball und keine Bombe sei.
Auch Anna-Katharina Dehmelt schloss sich dieser Interpretation an und sowohl sie, als auch Kiersch kamen überein, dass die kritische Auseinandersetzung mit der Arbeit von Prof. Zander für die Anthroposopen eine gute Chance ist, die es jetzt zu nutzen gelte. Auch intern, indem man sich selber Rechenschaft ablege über Kontextualisierung und Historisierung der eigenen spirituellen Bewegung. Weil diese Bewegung nicht nur eine aktuelle soziale Ausrichtung hat, sondern auch eine philosophische Grundlage, wollen wir diese Zusammenhänge noch genauer untersuchen.
Sowohl unsere Veranstaltung in Bochum, als auch das kommende Streitgespräch in Berlin sehen wir als eine weitere gute Möglichkeit, einen öffentlichen Diskurs über Anthroposophie führen zu können. Wir freuen uns über diese Öffentlichkeit, denn wir Anthroposophen stehen dafür, Menschen weiter zu bringen. Weltweit, ganzheitlich und seit über hundert Jahren.
Anthroposophie steht also nicht im "Im Fadenkreuz der Wissenschaft", wie manche etwas übertrieben militaristisch behaupten, sondern in einem ganz normalen öffentlichen Diskurs. Sie steht nicht vor dem Abschuss, was dieses schiefe Bild vermittelt, sondern sie ist eingeladen sich zu äussern.
Wer nicht völlig in medienfreier Zone lebt, sondern zwischendurch mal eine Bundestagsdebatte verfolgt, die Zeitung liest oder eine Talkshow im deutschen Fernsehen anschaut, dem ist der direkte, harte, herausfordernde und unterhaltsame Stil (den auch Zander bisweilen pflegt), kein Beweis für eine grundsätzliche Gegnerschaft - sondern authentischer Ton des 21. Jahrhunderts.
Martialisches Säbelrassen ist unangemessen – vielmehr könnte die Streitlust aktiviert werden. Streit schafft Fortschritt. Wir befinden uns nicht im Fadenkreuz oder im Schützengraben, sondern in einer völlig normalen, öffentlichen, postmodernen Debatte. Die mediale Begleitung sorgt für plakative Deutlichkeit – wer sich vor diesem, immer auch spielerischen, Duell-Dialog fürchtet, soll sich mit der Rolle des Zuschauers begnügen und das Feld den Streitlustigen überlassen.
In dieser Debatte ist Johannes Kiersch ein angemessener Gesprächspartner für Zander – zumal der ehemalige Waldorflehrer nicht nur ein progressives Bild der Anthroposophie vertritt, sondern auch einfach weiss von was er spricht. Als Zeitgenosse und als Anthroposoph.
Alles was an formalisierter und etablierter Anthroposophie existiert, ist für Kiersch nicht mehr im eigentlichen Sinne "esoterisch", sondern ist für ihn "Anthroposophie als Fossil" – dass sich Zander ausschließlich mit diese Fossilien als Forschungsprojekt befasst, ist dem Historiker nicht vorzuwerfen, macht ihn aber eben nur bedingt zu einem wirklich umfassend gebildeten Gesprächspartner. Uns andererseits, fehlt diese Perspektive – man könnte sich also auch einfach gegenseitig zuhöhren und versuchen die Perspektive des Gegenüber zu verstehen. Kiersch, so meine Einschätzung nach dem Gespräch, kann das - und er kann vermitteln was Anthroposophie im Inneren zu sagen hat.
Sowohl Zander, als auch Anthroposophen, hilft sicherlich der Griff auf Ken Wilber und seine vier Quadranten. Denn hier wird deutlich, dass Zander nichts, aber auch gar nichts zu "oben links" zu sagen hat (was insofern besonders problematisch ist, weil dieses "oben links" natürlich den Mensch Zander zu einem Viertel ausmacht - und somit auch den Historiker) Andererseits haben es wir Anthroposophen es bisher kaum fertig gebracht, Steiner souverän in den Kontext der beiden unteren Quadranten einzuordnen - diese wiederum mach zwei Viertel dieser Persönlichkeit aus.
Zander fehlt, was auch den meisten Anthroposophen fehlt: Der integrale Blick. Ohnen diesen integralen Blick bleibt das Ganze unsichtbar. Der nun kommende Dialog ist ein erster Schritt, das Ganze in den Blick zu nehmen.


6 Kommentare:
die beiden unteren quadranten machen zwei drittel aus?
Entschuldigung - natürlich! Ich bin gerade sehr müde. Danke und schönen Abend.
Herzlich
Sebastian Gronbach
S:G: Anthroposophie steht also nicht im "Im Fadenkreuz der Wissenschaft",
Natürlich nicht, Herr Gronbach, denn "die Wissenschaft" ist ein allgemeines Abstraktum. Es geht immer um Menschen und ihre Absichten. "DIE Wissenschaft" wird höchstens, wenn sie betont als solche daherkommt, instrumentalisiert und zwar von Menschen mit ganz konkreten manipulativen Absichten.
"wie manche etwas übertrieben militaristisch behaupten, sondern in einem ganz normalen öffentlichen Diskurs."
So ein Unsinn! Bedenken Sie doch einfach mal, was für ein Schwachsinn über Anthroposophen und Anthroposophie in der Öffentlichkeit von den Medien kolportiert wird. Und Sie reden von einem ganz normalen öffentlichen Diskurs.
Sie steht nicht vor dem Abschuss, was dieses schiefe Bild vermittelt, sondern sie ist eingeladen sich zu äussern.
Einladungen sehen gewöhnlich etwas höflicher aus, als dass man den geistigen Vater einer Bewegung als einen hoch autoritären, machtbewussten Menschen, der seine Weisheiten lediglich abgeschrieben hat darstellt (was schließlich impliziert, dass er alle seine Leser und Zuhörer im Grunde schamlos belogen haben muss). Auf so eine naive Auslegung des Zanderschen Opus kann man nur kommen, wenn man eine Brille mit ganz besonders dicken rosaroten Gläsern auf der Nase spazieren trägt.
Wer nicht völlig in medienfreier Zone lebt, sondern zwischendurch mal eine Bundestagsdebatte verfolgt, die Zeitung liest oder eine Talkshow im deutschen Fernsehen anschaut, dem ist der direkte, harte, herausfordernde und unterhaltsame Stil (den auch Zander bisweilen pflegt), kein Beweis für eine grundsätzliche Gegnerschaft - sondern authentischer Ton des 21. Jahrhunderts.
"authentischer Ton des 21. Jahrhunderts", was soll das denn heißen??, seit wann werden Unwahrheiten, Hinterhältigkeiten und Gemeinheiten etwas anderes als sie sind, wenn sie in einem späteren Jahrhundert gehäufter auftreten als früher?
hr
"Zander fehlt, was auch den meisten Anthroposophen fehlt: Der integrale Blick."
Liegt's an der falschen Sonnenbrille?
Bedenken Sie doch einfach mal, was für ein Schwachsinn über Anthroposophen und Anthroposophie in der Öffentlichkeit von den Medien kolportiert wird.
Und zwar, Herr Rapp?
Diese ausfuehrliche Rezension zu Zanders Buch kann ich nur waermstens empfehlen:
http://www.diedrei.org/Heft_10_07/Roeschert%20-%20Anthroposophie%20aus%20skeptizistischer%20Sicht.htm
oder: http://tinyurl.com/2nj54x
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